Fast jeden Tag gehen Manuela Hartner und Elina Wolf gemeinsam in Seen rund um Ulm zum Eisbaden. Sie schwören auf den Kälteschock am Morgen. "Das ist ein Genuss", sagt sie 53-Jährige Elina Wolf, während sie ins Wasser geht. Eisbaden liegt im Trend. Wer sich überwindet, soll angeblich von zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen profitieren. Was Eisbaden laut Experten wirklich bringt und auf was Sie achten sollten.
Eisbaden: Kälteschock für den Körper
Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Zielstrebig gehen die beiden Eisbaderinnen Manuela Hartner und Elina Wolf in den etwa fünf Grad kalten Badesee im Erbacher Staddteil Ersingen (Alb-Donau-Kreis).
"Ich mache das schon seit sechs Jahren", sagt Manuela Hartner mit einem Lächeln im Gesicht. Auf dem See liegt leichter Nebel, das Wasser plätschert bei jedem Schritt, den die beiden Frauen machen.
Bald steht ihnen das eiskalte Wasser bis zur Brust. Sie schauen sich an, schließen die Augen, atmen ruhig ein und aus. Um sie herum herrscht vollkommene Stille. Spaziergänger, die am Ufer entlang kommen, schauen ihnen ungläubig zu. Die beiden Frauen lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
Nach vier Minuten ist Schluss. Langsam kehren die beiden Eisbaderinnen ans Ufer zurück, trocknen sich gut ab und ziehen sich einen Poncho über. Die Haut der beiden ist stark gerötet. "Wow, das ist ein Gefühl! Man sieht, wie das Blut zirkuliert", sagt Elina Wolf und zeigt Manuela Hartner ihren Arm. "Da ist Energie da, Lebendigkeit. Wir fühlen uns jünger", fügt diese hinzu. Das Eisbaden gebe ihr Power - "der Tag kann kommen", sagt sie und lacht.
Wichtige Tipps: Welche gesundheitlichen Vorteile hat Eisbaden?
Vorsichtig gießt Elina Wolf heißen Kräutertee in eine Porzellantasse und gibt sie ihrer Eisbade-Partnerin. Dann gießt sie sich auch eine Tasse ein. Beide nehmen einen Schluck. "Ich war seit vier Jahren nicht mehr krank", verrät Manuela Hartner. Das komme vom Eisbaden, ist sich die Sekretärin sicher. "Ich bin viel gelassener, energievoller, bin viel fokussierter, auch im Sport", so die 54-Jährige. "Mein Stoffwechsel ist ganz anders, meine Haut hat sich verändert, sie ist viel schöner." Dann trinkt sie noch einen Schluck. Der Tee hilft den beiden, sich von innen zu wärmen.
Ab ins kühle Nass Welche Wirkung hat kaltes Wasser auf das Immunsystem?
Kaltes Duschen, Eisbäder oder Wassertreten sollen unter anderem den Kreislauf anregen, die Durchblutung fördern und das Immunsystem stärken. Doch funktioniert das wirklich?
Tatsächlich beweisen Studien, dass regelmäßiges Eisbaden zum Beispiel die Gefäßmuskulatur trainiert, die den Blutdruck im Körper reguliert. Bei Kälte werden die Gefäße geschlossen, bei Wärme öffnen sie sich.
Auch das Immunsystem soll durch das Eisbaden gestärkt werden. "Man verspricht sich auch eine bessere Stimmung und eine bessere Stressresilienz", sagt Sportmediziner Johannes Kirsten vom Uniklinikum Ulm. Allerdings könne die Wissenschaft bis jetzt keine nachhaltigen Belege dafür finden. Es gebe jedoch Hinweise, dass Eisbaden bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma helfen könne, so Kirsten.
Sportmediziner warnt: Für diese Menschen kann Eisbaden gefährlich werden
Elina Wolf und Manuela Hartner schwören aufs Eisbaden. Am Ludwigsfelder Badesee in Neu-Ulm gehen die beiden jede Woche mit einer Gruppe dem eiskalten Trend nach. Leichtsinnig sind die Frauen dabei nicht: "Wichtig ist beim Eisbaden, bei sich zu bleiben. Man muss wissen, was man da tut", sagt Elina Wolf. Anfänger, die den Trend auf Social Media sehen und einfach, ohne zu überlegen in den See springen, kann sie nicht verstehen. "Man muss lernen, mit der Kälte umzugehen", sagt sie.
Für manche Menschen kann das Eisbaden auch gefährlich werden. "Für Herz-Kreislauf-Patienten, zum Beispiel", sagt Sportmediziner Johannes Kirsten. "Das ist einfach eine massive Kreislaufbelastung und wer vorerkrankt ist, sollte das vorher mit seinem Arzt besprechen und wirklich langsam in das Thema einsteigen", so der Oberarzt. Auch Asthmatiker und Patienten mit Durchblutungsstörungen sollten sich vorher bei ihrem Arzt informieren.
Der Kälteschockreflex, der beim Eintauchen in das eiskalte Wasser ausgelöst wird, müsse kontrolliert werden, durch eine regelmäßige Atmung. Der Experte empfiehlt: Langsam rantasten. Eine kalte Dusche an Armen, Beinen und im Gesicht oder ein Kneippbad können ein erster Schritt sein.
Wichtigste Regel beim Eisbaden: Nie allein ins kalte Wasser gehen
Wen der Ehrgeiz gepackt hat und das Eisbaden ausprobieren will, sollte eine Begleitperson ebenfalls vom Eiswasser überzeugen, denn: Alleine zum Eisbaden gehen ist tabu. Das Unfallrisiko sei viel zu hoch, außerdem könnten Anfänger oft nicht einschätzen, wie die Kälte auf den Körper wirkt. Die Kälte mache dem Körper Stress, nicht umsonst würden neben Glückshormonen auch massenhaft Stresshormone freigesetzt, erklärt Johannes Kirsten. "Die Wärme sammelt sich in der Körpermitte, die Gliedmaßen kühlen immer mehr aus", deshalb sollte man nach maximal fünf Minuten wieder das Wasser verlassen.
Helfen kann es, die Arme nicht unter Wasser zu nehmen und eine Mütze aufzusetzen. Der Kopf muss immer über der Wasseroberfläche bleiben, warnt der Sportmediziner: "Es gibt da noch eine gegenläufige Reaktion, wenn Sie das Gesicht unter Wasser bringen würden. Deswegen sollten Sie das nicht machen. Das ist der Tauchreflex, der teilweise gegenteilige Effekte am Herzen verursacht und dann eben in Kombination die Gefahr von Herzrhythmusstörungen sogar erhöhen kann."
Für die Eisbade-Profis Elina Wolf und Manuela Hartner ist das sowieso klar. Gemeinsam stehen sie am See und schauen sich mit der wärmenden Tasse Tee in der Hand den Sonnenaufgang an. Beide können es kaum abwarten, schon bald wieder den Kälte-Kick zu genießen.