Sie sind nicht in offizieller Mission unterwegs. Sie nehmen ihre Aufgabe aber genauso ernst, als wenn sie von der OSZE wären: Jugendliche des Anna-Essinger-Gymnasiums sind in Ulm als Wahlbeobachter im Einsatz, blicken hinter die Kulissen der Landtagswahl. Aus einem zunächst sperrigen Thema ist für die Neunt- und Zehntklässler ein spannendes Projekt geworden. Mit völlig neuen Erfahrungen aus der Welt der Politik.
Ich wollte gerade Jugendliche, die sich ja vom politischen Leben zu isolieren scheinen, mal in den Prozess reinbringen. Und zeigen, dass hinter Wahlen mehr als das Kreuz am Sonntag steckt.
Die 15 Schülerinnen und Schüler der Politik-AG um Gemeinschaftskundelehrerin Simone Casper besuchen das Ulmer Wahlamt. Dort lassen sie sich die Vorbereitungen für den Wahltag am 8. März erklären. Der große Aufwand beeindruckt sie. "Am spannendsten finde ich, wie viele Stimmzettel hier im Archiv gelagert werden und was man für eine Wahl alles braucht", sagt Anton Oppolzer.
Wahlbeobachter in Ulm: Probewählen im Keller des Wahlamts
Im Keller des Wahlamts stehen 94 Wahlkoffer bereit. Sie sind gefüllt mit allen Utensilien, die in den Wahllokalen in Ulm benötigt werden. Anton wird noch kurz vor der Wahl 16 Jahre alt. Er darf hier im Keller schon mal probewählen. Überprüfung des Wählerverzeichnisses, zwei Kreuze in der Wahlkabine, Stimmzettel falten und in die Urne.
"Eine völlig neue Erfahrung für mich", lächelt Anton. "Vielleicht ganz gut, dass ich das jetzt schon mal geübt habe". Schließlich will er an der Landtagswahl tatsächlich teilnehmen. Zum ersten Mal sind in Baden-Württemberg schon 16-Jährige wahlberechtigt.
Die jugendlichen Wahlbeobachter schwärmen in den Wochen vor der Wahl aus, befragen politische Akteure in der Stadt, besuchen auch das SWR-Studio Ulm und wollen wissen, wie der SWR eine ausgewogene Berichterstattung garantiert. Einige Mädchen der Politik-AG gehen zu Südwestmetall um nachzufragen, ob Arbeitgeber in der Region auf einen bestimmten Wahlausgang hoffen oder gar Parteien direkt unterstützen.
Fünf Jungs der Politik-AG haben einen Termin beim Medikamentenhersteller Teva Ratiopharm in Ulm, bei Teva-Deutschlandchef Andreas Burkhardt persönlich. "Wir wollen wissen, ob der Wahlausgang für große Wirtschaftsunternehmen relevant ist", meint der 16-jährige Benjamin Schuler. Eine andere Schülergruppe geht zur Ulmer Polizei, um sich nach Sicherheitskonzepten für den Wahlsonntag zu erkundigen.
Echte OSZE-Wahlbeobachterin hat Projekt "Wahlwatching" in Ulm angestoßen
Die Idee dazu hatte eine echte OSZE-Wahlbeobachterin, die sonst im Ausland unterwegs ist, Jana Bürgers aus Ulm. Sie hat das Projekt "Wahlwatching" mit insgesamt 100 Schülerinnen und Schülern aus Ulm, Ehingen und Stuttgart angestoßen. "Ich wollte gerade Jugendliche, die sich ja vom politischen Leben zu isolieren scheinen, mal in den Prozess reinbringen. Und zeigen, dass hinter Wahlen mehr als das Kreuz am Sonntag steckt", erklärt Bürgers.
Lehrerin Simone Casper vom Anna-Essinger-Gymnasium hat sich mit ihrer Politik-AG sofort gemeldet. "Der mündige Bürger fällt nicht vom Himmel", sagt Casper. Man müsse Jugendliche an die Politik heranführen, ihnen vermitteln, dass sie wichtig sind. Zunächst sei das Thema Landtagswahl eher sperrig und unattraktiv gewesen. "Doch dann haben die Schüler Blut geleckt und sind nun mit Engagement und Interesse dabei."
Landtagswahl: Schüler aus Ulm von fairer Wahl überzeugt
Schüler Anton Oppolzer ist inzwischen von einer fairen Wahl überzeugt. "Ich habe ein gutes Gefühl", berichtet er. "Im Wahlamt haben wir gesehen, wie viel Sicherheit und Organisation dahintersteckt." Er habe Vertrauen in das demokratische System in Deutschland. Und Jung-Wahlbeobachter Benjamin Schuler ergänzt: "Ich habe keine Bedenken, dass hier irgendjemand beschummelt oder so."
Jetzt freuen sie sich auf den Wahlsonntag, nicht nur, weil sie dann selbst zum erstem Mal wählen dürfen. Benjamin will mehrere Wahllokale aufsuchen, um zu schauen, "ob es vielleicht doch Einzelne gibt, die irgendwie tricksen oder einen Vorteil erschleichen wollen." Außerdem werden die jungen Wahlbeobachter beim Auszählen der Stimmen dabei sein. So wird für sie die Landtagswahl viel spannender als ursprünglich mal gedacht.