Seit Monaten ist die Stadt Langenau im Alb-Donau-Kreis in den Nachrichten und kommt kaum zur Ruhe. Immer wieder werden eine Kirchengemeinde und ihr Pfarrer angefeindet. Die Verursacher volksverhetzender Schmierereien an Rathaus und Kirche sind auch nach einem Dreivierteljahr nicht gefunden. Regelmäßig gibt es sonntags lautstarke Pro-Palästina-Proteste in der Innenstadt. Viele Menschen sind wegen der Vorgänge besorgt. Vor allem die teils hasserfüllten Kundgebungen vor der Martinskirche empfinden die Langenauer zunehmend als Belastung.
Ein Thema, das alle in Langenau beschäftigt
Es ist ein sonniger Tag im August. Auf der viel befahrenen Hindenburgstraße winden sich die Autos durch die Langenauer Innenstadt. Vorbei an der Martinskirche, deren Vorplatz seit fast anderthalb Jahren Bühne für Protest und Anfeindungen gegen die evangelische Gemeinde und ihren Pfarrer war. Doch wer an diesem Wochentag in der Kleinstadt nahe Ulm ist, findet auf den ersten Blick kaum Hinweise auf die Vorgänge, mit denen Langenau längst überregional in Verbindung gebracht wird.
Nichts ist zu hören von lauten Anti-Israel-Kundgebungen vor der Kirche oder dem Vorwurf an den Pfarrer und die Gemeinde, sie seien am "Völkermord in Gaza" mitschuldig. Längst ist nichts mehr zu sehen von den Parolen "Juden vergasen" oder "Deutsche vergaßen" (sic) an Häuserwänden. Keine Aufkleber mit antisemitischer Hetze oder leinwandgroßen Plakaten, mit denen die Auseinandersetzung mit dem Nahost-Krieg in die schwäbische Provinz getragen werden soll. Doch im Gespräch mit den Menschen sind diese Ereignisse präsent. Schnell wird klar, wie die vergangenen Monate die Stadt verändert haben.
Natürlich kriegt das jeder im Ort mit.
"Natürlich kriegt das jeder im Ort mit", sagt eine Frau, die mit Kinderwagen spazieren geht. Als junge Mutter konzentriere sie sich zwar auf andere Dinge. Die Proteste seien aber oft Thema in der Familie oder unter Freunden. So oder so ähnlich beschreiben es viele in Langenau. Sie fürchten die Gefahr, dass zunehmend Akteure von außerhalb die Stadt als Bühne für ihre Zwecke missbrauchen könnten. Die Stadtverwaltung habe zu zögerlich agiert, finden einige. Dabei hatte Bürgermeisterin Daria Henning (parteilos) ihr Vorgehen transparent gemacht. Mittlerweile gibt es zwei Allgemeinverfügungen zur Eindämmung der Proteste - eine von der Stadt Langenau und eine des Verwaltungsverbands Langenau.
Gericht lehnt Eilantrag gegen Allgemeinverfügung ab
Das Vorgehen der Stadt gegen die sonntäglichen Proteste hat das Verwaltungsgericht Sigmaringen am Freitag weitgehend bestätigt. Der Initiator der Proteste hatte gegen die Allgemeinverfügung der Stadt einen Eilantrag gestellt. Er sah unter anderem einen Eingriff in die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Das Gericht widersprach laut einem Sprecher in den meisten Punkten. Die wiederholten, andauernden und öffentlichkeitswirksamen Mahnwachen seien darauf ausgerichtet, den Ablauf des Gottesdienstes in der Langenauer Martinskirche zu stören. Allerdings müsse eine Formulierung in der Allgemeinverfügung konkretisiert werden.
Wegen Kundgebungen an Martinskirche Deutsch-Israelische Gesellschaft: Langenau tut zu wenig gegen Antisemitismus
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ulm/Neu-Ulm wirft der Stadt Langenau zögerliches Vorgehen gegen Antisemitismus vor. Grund sind die pro-palästinensischen Proteste nahe der Martinskirche.
So mancher Anwohner hält das bundesweite Interesse an Langenau für überzogen. Viele im Ort können nicht nachvollziehen, warum große Medienhäuser Reporter in die schwäbische Kleinstadt schicken. Manch einer findet gar, dass die überregionale Presse "unnötig Öl ins Feuer gegossen" habe. Einig sind sich alle darin, dass die Vorgänge Langenau sehr belasten.
Manche gehen gar nicht mehr in die Kirche, weil sie sich die Anfeindungen nicht mehr antun wollen.
Langenau: Die Kirchengemeinde lässt sich nicht einschüchtern
Am stärksten ist das im Umfeld der Martinskirche zu spüren. Seit Beginn der Proteste im April 2024 gibt es Berichte über Gottesdienstbesucher, die lieber den Seiteneingang nutzen, um Schimpftiraden der Aktivisten aus dem Weg zu gehen. Die Langenauerin Susanne Stirnkorb, seit vielen Jahren aktives Gemeindemitglied, berichtet von unterschiedlichen Reaktionen: "Manche gehen gar nicht mehr in die Kirche, weil sie sich die Anfeindungen nicht mehr antun wollen." Andere aber, teils von außerhalb, kämen jetzt erst recht am Sonntag zum Gottesdienst, um ihre Solidarität zu zeigen.
Das Gemeindeleben sei nach wie vor lebendig, sagt Stirnkorb, die ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig ist. Doch die Verunsicherung habe zugenommen. So würden planmäßige Aktivitäten vor dem Hintergrund der monatelangen Anfeindungen mit anderen Augen gesehen: "Wenn wir zum Beispiel in der benachbarten Leonhardskirche eine Übernachtung mit Kindergruppen planen, fragen gleich viele, ob das eine Reaktion auf die Proteste sei. Dabei hat das nichts damit zu tun." Die Polizeipräsenz vor der Kirche sei am Anfang befremdlich gewesen. Mittlerweile habe sie sich daran aber gewöhnt.
Unternehmer: "Großer Schaden für den Wirtschaftsstandort Langenau"
Auch bei Rentner Christoph Bolwerk stoßen die regelmäßigen Kundgebungen mit teils drastischen Gewaltdarstellungen auf Unverständnis. Der 82-Jährige lebt seit drei Jahren in Langenau, stammt aus dem Münsterland. Er sitzt in einem Café. Die Attacken gegen die Kirche findet er nicht fair. Und die persönlichen Angriffe auf den Pfarrer bezeichnet er als "menschenverachtend". Von Freunden und Verwandten aus anderen Bundesländern sei er bereits auf die Schlagzeilen über den Ort angesprochen worden: "Die fragen dann schon mal nach: 'Was ist denn da bei euch los?'", berichtet er.
Dass die gravierenden Vorgänge in der Stadt überregional bekannt sind, bekommen in Langenau auch Gewerbetreibende und Einzelhändler zu spüren. Manuel Häge ist Vorsitzender des Gewerbe- und Handelsvereins Langenau und bei einem IT-Unternehmen beschäftigt. Er sei wiederholt von potenziellen Geschäftspartnern und Freunden auf die Ereignisse angesprochen worden, so Häge: "Gutes trägt sich weit, Schlechtes noch viel weiter."
Geschäfte, Restaurants und Hotels in der Innenstadt spürten die Konsequenzen direkt, sagt er: "Wenn so eine Protestaktion regelmäßig sonntags in Sichtweite des Gastraums stattfindet - das ist geschäftsschädigend". Zudem werde die Beobachtung von Gästen und Besuchern weitergetragen.
Expertentagung nach Anfeindungen Langenauer Kirchengemeinde wehrt sich: Zusammen gegen Antisemitismus
Nach einer Reihe antisemitischer Vorfälle rund um die evangelische Martinskirche in Langenau sucht die Kirchengemeinde Gegenstrategien. Unterstützt wird sie von Polizei, Politik und Kirche.
Auch die verkaufsoffenen Sonntage, die der Gewerbeverein zweimal im Jahr in Langenau organisiert, sind laut Häge beeinträchtigt: "Wenn vormittags Demonstranten und Polizei in der Innenstadt unterwegs sind, hat doch kaum jemand Lust auf einen Einkaufsbummel." Seiner Meinung nach hätte man die Entwicklung mit einer - wenn auch rechtlich nicht hundertprozentig abgesicherten - Allgemeinverfügung gegen die Proteste oder einem breiten, öffentlichen Dialogangebot früher stoppen müssen. Mittlerweile sei die Spirale der Eskalation kaum zurückzudrehen und der Imageschaden für den Wirtschaftsstandort Langenau groß.
Die Stadt hat das nicht verdient.
Hoffnung auf ein Ende der Eskalation in Langenau
Das sieht Thomas Mahr ähnlich. Seit über 40 Jahren führt er in Langenau eine preisgekrönte Buchhandlung. Alles, was in der Stadt lange mühsam an Kulturleben aufgebaut worden sei, werde durch "so einen Mist" kaputtgemacht. Der Einzelhändler kritisiert auch die Gewichtung der Ereignisse durch die Medien: "Wir hatten vor wenigen Wochen grandiose Konzerte zum 100-jährigen Jubiläum des Musikvereins. Darüber steht in der Zeitung ein kleiner Artikel. Und eine riesige Schlagzeile nebendran über die Aktivisten vor der Kirche."
"Die Stadt hat das nicht verdient." Mit diesem Satz fasst Buchhändler Mahr seine Sicht auf die Eskalation und ihre Begleiterscheinungen zusammen. Viele Menschen in der Stadt dürften das ähnlich sehen - und hoffen, dass die sonntäglichen Proteste bald verstummen, die Polizei nicht mehr präsent sein muss und die Anfeindungen gegen Kirche und Pfarrer enden. Damit Langenau das Image eines konfliktbehafteten Ortes los wird - und es endlich wieder positive Nachrichten gibt.