Naturkosmetikfirma mit Niederlassung in Schwäbisch Gmünd

Enthüllungen über NS-Verbindungen: Weleda will Vergangenheit aufarbeiten

Der Naturkosmetikhersteller Weleda will erneut seine NS-Geschichte aufarbeiten. Das Unternehmen mit Niederlassung in Schwäbisch Gmünd reagiert damit auf Enthüllungen einer neuen Studie.

Teilen

Stand

Von Autor/in Ole Hilgert

Bekannt ist Weleda vor allem für ökologische Körperpflegeprodukte wie Hautcremes, Arzneimittel oder Babyöl. Weniger bekannt ist die Geschichte des Naturkosmetikherstellers mit großer Niederlassung in Schwäbisch Gmünd im Ostalbkreis zwischen 1933 und 1945. Nun sorgt eine neue Recherche für Aufsehen, über die der "Spiegel" zuerst berichtete.

Enthüllungen: Wie eng waren die Verbindungen von Weleda zur SS?

Weleda habe während der NS-Zeit enge Verbindungen zur SS gehabt und mit dem Konzentrationslager Dachau kooperiert, so der Vorwurf. Die Berichterstattung bezieht sich auf die Forschung der Historikerin Anne Sudrow. Demzufolge bezog Weleda zwischen 1940 und 1945 Heilkräuter aus Zwangsarbeit durch Häftlinge auf dem von der SS betriebenen Kräutergarten des KZ Dachau. Außerdem habe der Hersteller anthroposophischer Arzneimittel das KZ mit einer Frostschutzcreme beliefert, die dort mutmaßlich bei Menschenversuchen eingesetzt worden sein soll.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Verantwortlichen bei Weleda nicht wussten, dass sie es mit einem SS-Auftrag zu tun hatten.

"Es ist schwer vorstellbar, dass die Verantwortlichen bei Weleda nicht wussten, dass sie es mit einem SS-Auftrag zu tun hatten", sagte Sudrow dem SWR. Darüber hinaus habe es während des Nationalsozialismus enge personelle Verbindungen zwischen der Anthroposophen-Szene in Deutschland und der SS gegeben. In Dachau habe die SS eigene Unternehmen betrieben, wie die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" mit dem Kräutergarten. Eine Art Plantage, um an biologisch-dynamischen Landwirtschaftsmethoden zu forschen. Häftlinge mussten dort Zwangsarbeit leisten, Hunderte wurden ermordet.

Im sogenannten "Kräutergarten" beim ehemaligen Konzentrationslager Dachau stehen verfallene Gewächshäuser. Hier mussten während der NS-Zeit Häftlinge für einen SS-eigenen Betrieb Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichten. Eine neue Studie enthüllt nun Verbindungen zum Naturkosmetikhersteller Weleda. (Archivbild)
Die verfallenen Gewächshäuser im ehemaligen "Kräutergarten" beim KZ Dachau. Hier mussten während der NS-Zeit Häftlinge für einen SS-eigenen Betrieb Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichten. (Archivbild)

Austausch zwischen Dachau und Schwäbisch Gmünd

Laut der Recherchen leiteten und organisierten zwei ehemalige Weleda-Mitarbeiter die Experimente im KZ für die SS. Demnach standen sie in dieser Zeit mit der Unternehmensleitung in Schwäbisch Gmünd in Kontakt. Über mehrere Jahre sollen Waren und Informationen ausgetauscht worden sein. So soll Weleda zu Sonderpreisen landwirtschaftliche Produkte in Dachau bestellt haben.

Die Recherchen der Historikerin wurden am Montag veröffentlicht. Titel des Bandes ist "Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau". Darin geht Sudrow auf knapp 700 Seiten auf die Geschichte des von der SS geführten "Kräutergartens" und die dort herrschenden unmenschlichen Lebensbedingungen ein. Entstanden ist die Studie im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau. Über den "Kräutergarten" Dachau entstand auch ein Film des Bayerischen Rundfunks.

Verschiedene Produkte des Naturkosmetikherstellers Weleda stehen in einem Regal zum Verkauf. Das Unternehmen will nun erneut seine NS-Geschichte aufarbeiten. Es reagiert damit auf Enthüllungen einer neuen Studie. (Symbolbild)
Wie eng waren die Verbindungen zwischen Weleda und SS? Diese Frage will das Unternehmen bis 2027 in einer neuen Studie klären. Und reagiert damit auf Enthüllungen der Historikerin Anne Sudrow. (Symbolbild)

Weleda gibt neue Studie in Auftrag

Weleda, das seinen Hauptsitz im schweizerischen Arlesheim bei Basel hat, reagiert nun auf die Veröffentlichungen. In einer ersten Stellungnahme auf der Firmen-Webseite heißt es, das Unternehmen verurteile die Gräueltaten des Nationalsozialismus auf das Schärfste und stehe für Toleranz, Vielfalt und Menschlichkeit. Bereits 2023 habe Weleda bei der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V. ein Gutachten zur NS-Zeit in Auftrag gegeben.

All diese Arbeiten nehmen wir zum Anlass, unsere Unternehmensgeschichte im Detail mit einer großen unabhängigen Studie aufzuarbeiten.

"Das 2024 fertiggestellte Gutachten war jedoch noch nicht auf eine Untersuchung sämtlicher Teilaspekte ausgerichtet", heißt es in einer zweiten Stellungnahme. Darin kündigt das Unternehmen eine weitere Untersuchung an - und verweist neben der Studie von Anne Sudrow auf weitere Forschung, die möglicherweise noch nicht alle Details zu Verbindungen von Weleda in der NS-Zeit beleuchtet habe. "All diese Arbeiten nehmen wir zum Anlass, unsere Unternehmensgeschichte im Detail mit einer großen unabhängigen Studie aufzuarbeiten", wird Weleda-CEO Tina Müller zitiert. Die Ergebnisse sollen 2027 veröffentlicht werden.

Weleda eröffnet neues Logistikzentrum in Schwäbisch Gmünd

Bei seinen Kosmetikprodukten setzt Weleda auf 100 Prozent Natur. Genauso nachhaltig soll auch der neue Campus sein. Es ist die größte Investition in der Unternehmensgeschichte.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Ole Hilgert

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!