In einer Zeit politischer Umbrüche, wachsender Unsicherheit und gesellschaftlicher Polarisierung treten auffallend viele Menschen in eine Partei ein. Fast 14.000 Neueintritte zählten die größeren Parteien in Baden-Württemberg allein im ersten Halbjahr 2025. Das hat eine Befragung des SWR ergeben. Besonders stark wuchsen die Mitgliederzahlen bei AfD, Grünen und Linken.
Was treibt die Menschen an, mehr zu sein als nur Wählerinnen und Wähler? Drei ganz unterschiedliche Neumitglieder aus Baden-Württemberg erzählen, warum sie jetzt aktiv geworden sind - und welche Themen sie gerade persönlich beschäftigen.
Birger Bär (AfD): "Ich will innerparteiliche Opposition üben"
Birger Bär aus Lörrach war vor 20 Jahren noch Mitglied der CDU. Danach zog er sich aus der Politik zurück - bis die Coronapandemie ihn zum Umdenken brachte, wie er sagt. Der Apotheker kritisierte die staatlichen Impfmaßnahmen und die damit verbundenen Einschränkungen. "Das war so das Hauptmotiv, dass ich gesagt habe: Du kannst nicht nur auf der Straße rumdemonstrieren, sondern musst auch in die Gremien gehen", sagt Bär. Es kam auch zu juristischen Auseinandersetzungen. Unter anderem gab es ein Verfahren wegen gefälschter Impfzertifikate - hier wurde er freigesprochen.
Im Herbst 2024 trat er schließlich der AfD bei. Eine Entscheidung, die in seinem Umfeld auch Fragen aufwirft, da Teile der Partei als rechtsextremistisch eingestuft werden. Doch Bär sieht sich selbst als Verfechter demokratischer Werte und glaubt innerhalb der Partei etwas gegen rechtsextremistische Haltungen tun zu können: "Ich stehe wirklich auf dem Boden der Demokratie. Ich bin ein badisches Landeskind und werde mich niemals in diese Ecke stellen." Bär möchte in der AfD innerparteilich Opposition üben, wie er sagt.
Elfriede Kreutter (Grüne) will als Parteimitglied Demokratie und Klimaschutz stärken
Elfriede Kreutter aus Reichenbach an der Fils (Kreis Esslingen) ist unter anderem wegen der AfD bei den Grünen eingetreten. Für sie war die Pandemiezeit ebenfalls ein Wendepunkt - aber aus einem ganz anderen Grund. Sie sei besorgt gewesen, sagte sie im SWR-Interview: "Das fing ja eigentlich schon in der Coronazeit an, dass diese Querdenker ganz stark geworden sind und dann die AfD sich auf alles draufgesetzt hat, was irgendwie publikumswirksam war. Und diese antidemokratischen Kräfte, das ist einfach schlimm."
Dem wollte sie entgegenwirken und sah sich bei den Grünen in Baden-Württemberg am besten aufgehoben. Besonders wichtig ist ihr in ihrem politischen Engagement neben dem Einsatz für demokratische Werte auch der Kampf gegen den Klimawandel. "Wir haben Kinder und ein Enkelkind. Und es sieht im Moment nicht gut aus", sagt Kreutter. Sie möchte sich dafür einsetzen, dass klimafreundliche Projekte in ihrer Region stärker gefördert werden.
Yannic Walheim (Linke): "Junge Menschen kämpfen mit zu vielen Krisen"
Yannic Walheim ist Schulsozialarbeiter in Freudenstadt - und erlebt täglich, wie sehr Jugendliche mit verschiedenen Problemen konfrontiert sind. Er nennt Klimakrise, Wohnungsnot, Rechtspopulismus und Krieg. Für ihn war klar: Er muss politisch aktiv werden. Seit zwei Monaten ist er deshalb Mitglied bei der Linken: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich in meiner Jugend ständig entscheiden musste, mit welcher Krise ich mich heute beschäftigen muss."
Sein Hauptanliegen: mehr soziale Gerechtigkeit. Er fordert unter anderem eine gerechtere Steuerpolitik - auch mit Blick auf "Superreiche": "Der durchschnittliche Milliardär zahlt in Deutschland im Schnitt 26 Prozent Steuern". Selbst in der Schweiz sei es mehr, betont Walheim.
Politikwissenschaftler: "Demokratie fällt nicht vom Himmel"
Politikwissenschaftler Michael Wehner, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg, sieht in den vielen Partei-Neueintritten in Baden-Württemberg ein deutliches Signal. Die Demokratie falle nicht vom Himmel, die Leute würden gerade merken, wer etwas verändern möchte, müsse aktiv werden - und das am besten in einer Partei.