Mehr sprechen und besser zuhören

Nach vier Suizid-Versuchen: Wie Johanna aus Kaiserslautern anderen Mut machen will

Mehrfach hat Johanna aus Kaiserslautern versucht, sich das Leben zu nehmen. Die 33-Jährige hat einen langen Weg hinter sich - und möchte mit ihrer Geschichte anderen Mut machen.

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Von Autor/in Sebastian Stollhof

Ganz langsam streichelt Johanna mit der Hand über den Rücken von Armani. Ein Moment, den nicht nur das Therapiepferd hier auf dem Kühbörncheshof bei Katzweiler im Kreis Kaiserslautern genießt, sondern auch die 33-Jährige. Es ist ein guter Moment für Johanna - und das ist alles andere als selbstverständlich.

Johanna genießt es, bei Therapiepferd Armani auf dem Kühbörncheshof bei Kaiserslautern sein. Hier erzählt sie mit Therapeutin Eva-Maria Barthel (links).
Johanna genießt es, bei Therapiepferd Armani auf dem Kühbörncheshof bei Kaiserslautern sein. Hier erzählt sie mit Therapeutin Eva-Maria Barthel (links).

"Eigentlich verbringe ich fast die Hälfte meines Lebens in Therapie", sagt sie. Los ging alles schon mit elf Jahren. "Ich habe Tagebucheinträge. Damals hatte ich schon über den Tod nachgedacht und über die Option, sich selbst zu töten." Das erzählt Johanna, während sie mittlerweile mit dem Therapiepferd am Strick auf einem Feldweg spaziert.

Mit 16 Jahren versucht Johanna einen Suizid

Hinter ihr läuft Eva-Maria Barthel. Seit 2018 kümmert sich die Psychotherapeutin um Johanna. Sie kennt die Geschichte der Frau aus Kaiserslautern, kennt ihren langen Weg. Mit 13 habe sie angefangen, sich selbst zu verletzen. "Nach und nach gab es immer mehr Gedanken über den Suizid - bis es dann mit 16 Jahren zum ersten Suizidversuch kam", sagt Johanna.

Eine Depression und eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung seien diagnostiziert worden. Insgesamt vier Mal habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen. "Ich bin sehr froh, dass es nie geklappt hat." Die 33-Jährige ist stolz, dass sie einen Weg heraus aus dieser schlimmen Zeit gefunden hat. "Wenn mir heute jemand vorschlagen würde: 'Komm, wir bringen uns um', ich würde ihm den Vogel zeigen und fragen, wie ich ihm helfen kann."

Eine besondere Tasche hilft in schweren Momenten

Die Therapie sei eine Anleitung für sie, wie sie mit den Anspannungen umgehen kann. Denn auch das betont Johanna: "Schwierige Momente gibt es immer noch. Die wird es auch immer geben." Eine große Hilfe in solchen Momenten für sie: Ihr Mann, ihr Assistenzhund Yari, die Pferde und eine ganz besondere Tasche.

Johanna hat eine Notfalltasche, die ihr helfen soll, wenn sie stark angespannt ist. Unter anderem ist ein Zauberwürfel darin.
Johanna hat eine Notfalltasche, die ihr helfen soll, wenn sie stark angespannt ist. Unter anderem ist ein Zauberwürfel darin.

Es ist eine Notfalltasche, die ihr helfen soll, wenn sie stark angespannt ist. Darin sind beispielsweise ein Zauberwürfel oder scharfe Bonbons. "Ich brauche dann manchmal relativ lange, bis ich diese Schärfe wahrnehme. Sie ermöglicht dann wieder ein klares Denken. In dieser Hochspannung ist Kämpfen und Weglaufen im Kopf angesagt. Das rationale Denken ist abgeschaltet. Da braucht es erst einmal sehr starke Reize wie die scharfen Bonbons."

Dass Johanna heute soweit ist, dass sie Einblicke in ihr Innenleben zulässt, dass sie ihre Geschichte anderen erzählt, macht ihre Therapeutin stolz. "Sie will anderen Menschen Mut machen, will zeigen, dass die schwersten und tiefsten Zeiten irgendwann wieder Lichtblicke haben", sagt Eva-Maria Barthel.

Therapie mit Pferden, Hund und Schildkröten

Die Therapeutin hat sich mit dem Hof bei Katzweiler, mit drei Pferden, einem Therapiehund und zwei Riesenschildkröten einen Traum erfüllt. Hier mitten in der Natur fühlt sich auch Johanna wohl. Das spürt die Therapeutin: "Wir beide lieben die Natur und die Tiere. Dadurch hatte ich es sehr leicht, einen Zugang über die Tiere in eine sehr schwere Traumtherapie mit ihr zu finden", sagt Barthel.

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Tiere könnten Menschen ganz anders erreichen. Das empfindet auch Johanna so. Zum Beispiel in diesem Moment, wenn sie mit Armani zurück auf der großen Koppel ist, wenn sie mit einer Bürste über den Rücken des Therapiepferdes streicht.

Johanna ist es wichtig, über das Thema Suizid zu reden

Der 33-Jährigen ist es wichtig, über das Thema Suizid zu reden - auch wenn die Worte dabei manchmal schwer fallen. "Wer geht schon hin und sagt: 'Du, ich brauche gerade Hilfe, weil ich darüber nachdenke, mir etwas anzutun?'" Genau das müsse aber eigentlich der erste Schritt sein. "Das zu kommunizieren ist der mutigste Hilfeschrei."

Eine weitere Hilfe ist für die 33-Jährige eine Liste, die sie einmal während eines Klinikaufenthaltes geschrieben hat. "Ich habe da versucht Gründe zu finden, warum ich leben möchte." Nach und nach sei die Liste größer geworden. Und manche dieser Punkte, manche Träume konnte sie sich in der Zwischenzeit erfüllen - die große Liebe, ein eigenes Pferd, ein eigenes Haus, ein fester Job. Ein großer Traum ist da aber noch: eine eigene Familie gründen. "Es ist der nächste Traum, an dem wir arbeiten."

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Autor/in
Sebastian Stollhof
SWR-Reporter Sebastian Stollhof