Die Telefonseelsorge Pfalz in Kaiserslautern möchte erreichen, dass mehr über das Thema Suizid geredet wird - auch öffentlich. Denn nur so könne betroffenen Menschen geholfen werden. Meistens würden sich Menschen innerlich abwenden und Gespräche mit gefährdeten Personen abbrechen, erzählt der Leiter der Telefonseelsorge in Kaiserslautern, Peter Annweiler. Gründe seien oft Überforderung und Hilflosigkeit. Daher veranstaltet die Telefonseelsorge heute eine Informationsveranstaltung rund um das Thema Suizid. Wir haben mit Peter Annweiler vorab gesprochen.
SWR: Zahlen legen nahe, dass offenbar immer mehr Menschen versuchen, sich zu töten. Was sind denn Ihre Beobachtungen?
Peter Annweiler: Es ist leider so, dass die Zahl der Suizide in Deutschland wieder gestiegen ist. Im letzten Jahr waren es 10.300, es ist ein leichter Anstieg zu beobachten. Und das besorgt uns von der Telefonseelsorge in Kaiserslautern natürlich, weil wir wie so ein Seismograph auch in den Gesprächen bei uns spüren, wie die Lebenswelt, die Lebenslagen, die einzelnen Lebenssituationen instabil werden und Menschen dann in suizidale Krisen rutschen. Sie sind ja sehr bedrängend und oft haben die Menschen niemanden, mit dem sie darüber sprechen können.
SWR: Warum fehlt es oft an Gesprächspartnern?
Annweiler: Die Sprachfähigkeit im Lebensumfeld vieler Menschen ist einfach sehr begrenzt, wenn es um das Thema Suizid geht. Denn viele Menschen haben dann Angst und denken "oh, sag doch nicht solche Sachen". Und dann ziehen sie sich aus dem Gespräch zurück. Deswegen ist es so wichtig, eine niederschwellige Präventionsarbeit zu machen, wo Menschen auch über ihre Suizidgedanken sprechen können. Das ist jedenfalls die Erfahrung, die wir im Chat, in der Mailarbeit und am Telefon immer wieder machen bei der Telefonseelsorge.
SWR: Das heißt, Sie merken schon, dass die Zahl von suizidgefährdeten Menschen, die bei Ihnen anrufen, zunimmt?
Annweiler: Man kann schon sagen, dass wir im Chatbereich eine Zunahme haben bei jungen Leuten. Aber das ist natürlich nicht repräsentativ, weil wir ja nur von den Anrufen, die wir haben, ausgehen können. Das ist keine wissenschaftlich objektive Annahme, sondern eine gefühlte Annahme.
SWR: Woran liegt es, dass sich offenbar mehr Menschen umgebracht haben oder versuchen sich umzubringen? Oder auch mit dem Gedanken daran spielen?
Annweiler: In meinen Augen gibt es seit der Pandemie ein verstärktes Einsamkeitsphänomen, dass Menschen in Einsamkeit rutschen, da nicht mehr rauskommen und sich dann immer mehr von Kontakten zurückziehen, nicht mehr in einem sozialen Netz eingebunden sind. Das ist eine Ursache. Und dann - denke ich - sind auch die vielen Krisen auf unserer Welt und das, was dadurch an Zukunftsängsten entsteht, was letztlich die Menschen, die prekär leben oder die ohnehin psychische Erkrankungen haben, massiv betrifft. Es ist einfach spürbar bei den Menschen, die sich bei uns melden, dass da viele Ängste dazugekommen sind.
SWR: Wie beschäftigt Sie das denn bei der Telefonseelsorge? Wenn sich jemand meldet, bei dem Sie vermuten, dass derjenige selbstmordgefährdet sein könnte, ist das ja vermutlich anders, als wenn jemand mit alltäglichen Sorgen anruft.
Annweiler: Das ist anders. Unsere Mitarbeiter sind aber gut geschult und darauf vorbereitet, solche Gespräche zu führen. Und ich glaube, das, was wichtig ist bei einer niederschwelligen Suizidpräventionsarbeit, ist einfach ohne Tabu sprechen und die Suizidgedanken aussprechen zu können, zu erkunden, wie lange sie da sind, wie intensiv sie sind. Das ist für viele Ratsuchende einfach schon ein Raum, in dem sie sich so zeigen können, wie sie gerade sind. Das ist zusammen mit Wertschätzung und mit dem Versuch, einen Perspektivwechsel und Ressourcen herauszuarbeiten, im Gespräch das Handwerkszeug, was wir bei der Telefonseelsorge haben. Wir machen nichts, wir hören nur zu. Und wir versuchen bei jemandem zu sein und einfach über dieses akzeptierende da sein eine Nähe zu den Menschen aufzubauen, die sie in ihrem anderen Lebenskontext oft nicht mehr finden.
SWR: Wie gehen Sie denn vor? Denn man muss ja erstmal merken, dass derjenige am anderen Ende der Leitung eine Selbstmordabsicht hat.
Annweiler: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die sprechen das sofort an. Im Chat zum Beispiel ist die Schwelle, das anzusprechen, viel niedriger. Menschen schreiben uns dann gleich: "Ich habe Suizidgedanken, möchte nicht mehr leben." Am Telefon kann man dann ja auch direkt fragen "Geht es Ihnen so schlecht, dass Sie darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen?" Das ist so eine Tür in ein Präventionsgespräch, die von uns dann aufgemacht wird und wo wir in vielen Fällen eine gute Chance haben, mit Menschen darüber zu sprechen, wie sie diese Gedanken bekommen, wie sie sie vielleicht auch wieder loswerden können und wie sie weiter damit umgehen wollen.
SWR: Wenn Sie den Hörer auflegen oder wenn der Chat beendet ist, dann wissen Sie ja immer noch nicht so richtig, was derjenige jetzt macht. Wie gehen Sie damit um?
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Hunderte Menschen nehmen sich jedes Jahr in RLP das Leben. Doch Suizide sind vermeidbar - darauf will der Welttag der Suizidprävention am 10. September aufmerksam machen.
Annweiler: Das ist genau die Grenze von Telefonseelsorge. Wir sind natürlich kein intervenierendes System, sondern ein begleitendes und beratendes System. Wir können das nicht wie in anderen Systemen mit Rettungseinsatz usw. begleiten. Das ist aber auch wieder unsere Chance. Denn viele Menschen rufen uns an, weil sie wissen, bei uns bleibt das erstmal anonym. Das Geheimnis der Telefonseelsorge ist letztlich, dass wir gerade nicht viel tun, sondern eher dieses da sein, zuhören, bei den Menschen zu sein und zu versuchen, darüber eine Veränderung der Atmosphäre, des Befindens, der Perspektive zu erreichen.
SWR: Wer ruft denn überhaupt bei Ihnen mit Suizidgedanken an?
Annweiler: Das ist sehr breit gestreut. Es gibt Menschen in akuten suizidalen Krisen, die es in allen Alterskategorien gibt. Was in meiner Wahrnehmung zunimmt, sind altersbedingte Einsamkeit, suizidale Gedanken und suizidale Krisen. Das wurde ja gerade vor kurzem auch durch den ehemaligen Trigema-Chef auch noch mal deutlich, wie weit verbreitet diese suizidalen Krisen im Alter sind. Und das merken wir auch in der Telefonberatung. In der Chat- und Mailberatung sind das eher jüngere Leute, die auf uns aufmerksam werden und die Anonymität suchen und schätzen - und deswegen mit uns in Kontakt treten.
SWR: Was raten Sie jemandem, wenn man beispielsweise merkt, dass im eigenen Umfeld jemand selbstmordgefährdet sein könnte?
Annweiler: Da gibt es vor allem die Empfehlung, erstmal in einem Gespräch zu bleiben und nicht rauszugehen im Blick auf die eigene Angst. Und fragen sie das Gegenüber nach seiner Not, seinen Ängsten und Gedanken. Und dann kann man in einem Gespräch natürlich auch auf Hilfsmöglichkeiten aufmerksam machen. Im allergrößten Extremfall, wenn sich eine suizidale Krise zuspitzt, würde ich dann auch empfehlen, die 112 anzurufen, um den Menschen zu schützen und für eine gewisse Zeit sicher unterzubringen.