Der 10. September ist der Welttag der Suizidprävention. Denn Suizide sind vermeidbar, heißt es vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm an der Universität Kassel. "Menschen mit Suizidgedanken möchten nicht unbedingt sterben. Vielmehr wollen sie unter den gegebenen - oder von ihnen so erlebten - Umständen nicht mehr weiterleben", teilt das Präventionsprogramm auf seiner Website mit.
- Wie erkenne ich, dass jemand suizidgefährdet ist?
- Wie kann ich Menschen bei Suizidgefahr helfen?
- Wie sollte die Suizid-Prävention verbessert werden?
- Welches gelungene Suizid-Präventionsprogramm gibt es?
- Zahlen und Fakten zu Suizid in Rheinland-Pfalz
Wie erkenne ich, ob jemand suizidgefährdet ist?
Suizidalität ist fast immer mit sozialem Rückzug verbunden!
"Wenn sich jemand ohne ersichtlichen Grund zurückzieht, sollte man hellhörig werden", rät Prof. Wolfram Schulze. Der Wissenschaftler der Hochschule Koblenz ist Mitherausgeber der Zeitschrift Suizidprophylaxe. Trennung, Erkrankung oder Arbeitsplatzverlust seien Lebenskrisen, die Menschen in Verzweiflung stürzen können.
"Wenn die Betroffenen dann keine Perspektive mehr für sich sehen, kann das zu Suizidgedanken führen", sagt Schulze. "Ich weiß gar nicht, ob das alles noch Sinn macht", sei beispielsweise ein Schlüsselsatz, den Betroffene dann manchmal äußerten und der auf Suizidgedanken hinweisen könnte.
Wie kann ich Menschen bei Suizidgefahr helfen?
"Auf jeden Fall auf die Menschen zugehen", sagt Schulze. Fragen, wie es dem Betroffenen geht, ins Gespräch kommen - das seien die ersten Schritte. Wenn der oder die Betroffene sich öffne, sei es auch okay, direkt nachzufragen, ob es Gedanken an Suizid gibt. "So eine Frage erhöht keinesfalls das Risiko für einen Suizid, wie manche vielleicht denken. Im Gegenteil: Es eröffnet die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wo es Hilfe gibt."
Welttag Suizidprävention Telefonseelsorge Kaiserslautern hilft bei Selbstmordgedanken
Das Thema Suizid enttabuisieren - das ist das Ziel der Telefonseelsorge Kaiserslautern. Dazu gibt es am heutigen Welttag der Suizidprävention eine Informationsveranstaltung.
Wie sollte die Suizidprävention verbessert werden?
"Das Wichtigste ist, dass die Menschen frühzeitig angesprochen werden", sagt Schulze. "Dafür muss es mehr aufsuchende Sozialarbeit geben, denn Einsamkeit ist ein entscheidender Faktor für Suizidgefahr." An Schulen müsse es mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter geben, die direkt auf die Jugendlichen zugehen könnten. Für alte Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, könne ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe oder ein Stadtteil-Projekt ein Angebot sein.
Generell brauche es mehr Sensibilität, meint der Soziologe Schulze. "Hausärzte und Pflegedienste, die einen Verdacht haben, dürfen aber auch mit dem Problem nicht allein gelassen werden. Es gibt viel zu wenige Krisendienste, die in einem konkreten Fall informiert werden können."
"Ich als Lokführer bin das Opfer" Ein Pfälzer Lokführer spricht über die Folgen von Suizid am Gleis
Als Lokführer Andreas Zimmer nicht mehr verhindern kann, dass sein Zug einen Menschen überrollt, war der wichtigste Satz seines Psychologen: "Du bist nicht schuld."
Welches gelungene Suizidpräventionsprogramm gibt es?
Die Caritas beispielsweise bietet Jugendlichen über die Online-Suizidprävention [U25] Hilfe. Jugendliche unter 25 Jahren können sich dort per Mail rund um die Uhr melden. Und das Besondere: Die Beraterinnen und Berater sind speziell geschulte Jugendliche. Die Hürde für die Betroffenen, sich Hilfe zu suchen, soll so niedrig wie möglich sein.
"Jugendliche, die in einer Krise sind, müssen niemanden fragen, ob er sie zu einer Beratungsstelle bringen kann", erklärt Schulze. "Sie müssen sich nicht direkt an Erwachsene wenden, sondern können zunächst mit jemandem aus ihrer Peergroup sprechen." Jugendliche seien über solche Online-Angebote am besten zu erreichen. Bei älteren Menschen müssten es dagegen andere, persönlichere Angebote sein - wie etwa Hausbesuche oder Stadtteil-Treffpunkte.
Zahlen und Fakten zu Suizid in Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz haben sich 2023 insgesamt 495 Menschen das Leben genommen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes zu Suiziden hervor. 2022 waren es noch 566 Fälle von Selbsttötung. Für 2024 liegen noch keine aktuelleren Zahlen vor, teilt das Statistische Bundesamt auf Anfrage mit.
Deutlich mehr Männer als Frauen töten sich jedes Jahr selbst. Den Zahlen des Statistischen Landesamtes nach begingen 2023 372 Männer Suizid. Das sind etwa dreimal so viele Fälle wie bei den Frauen (123).
Männern falle es schwerer, über ihre Gefühle zu sprechen, erklärt Gerd Wagner die auffälligen Zahlen. Es falle ihnen auch schwerer, sich Hilfe zu holen. "Aber sie greifen auch zu härteren Suizidmethoden. Dadurch können sie auch seltener gerettet werden als Frauen, die sogenannte weichere Methoden wählen", sagt der Privatdozent an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Jena.
Eine Rolle spiele auch, wie weit die Menschen sozial eingebunden seien, erklärt Wolfram Schulze, Sozialwissenschaftler an der Hochschule Koblenz. "Männer profitieren oft von den sozialen Kontakten ihrer Frauen. Und wenn die Frau stirbt, brechen oftmals auch soziale Kontakte ab." Die Statistik zeigt auch: Es begehen mehr ältere Menschen Suizid als jüngere.