"Mama, warum bin ich so dumm?" Diesen Satz hat eine Pflegemutter, die anonym bleiben möchte, von ihrer Pflegetochter gehört. Das Mädchen leidet an FASD, also der Fetalen Alkohol-Spektrum-Störung.
Das Kind habe starke Konzentrationsprobleme und tue sich daher schwer mit dem Lernen in der Schule. "Das Einmaleins üben wir mehrmals am Tag und trotzdem bleibt es nicht im Kopf", berichtet die Pflegemutter. Hinzu kommen Wutausbrüche: Das Mädchen schlägt um sich, obwohl es das eigentlich gar nicht will. Als die Frau das Pflegekind bei sich aufnahm, wusste sie nicht, dass es an FASD leidet. Die Diagnose wurde erst viele Jahre später gestellt. Man sei bei ihr zunächst von ADHS ausgegangen.
Beeinträchtigt durch Alkohol in der Schwangerschaft Leben mit FASD: Shannon und Jim aus Mutterstadt
Alkohol in der Schwangerschaft kann beim ungeborenen Kind schwere Schäden im Gehirn verursachen. Die Diagnose: Fetales Alkohol Syndrom - kurz FASD. Wie Shannon und Jim aus Mutterstadt mit FASD leben.
Tabuthema Alkohol in der Schwangerschaft
Diese Schwierigkeiten kennt auch Annika Becker. Sie arbeitet seit sechs Jahren im Pflegekinderdienst im Kreis Kusel. Dort betreut sie Pflegekinder sowie deren Pflege- und Herkunftsfamilien. Von den 40 Kindern, für die sie aktuell zuständig ist, haben fünf eine bestätigte FASD-Diagnose – bei weiteren zehn besteht der Verdacht.
"Die meisten Mütter geben nicht zu, dass sie während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert haben", sagt Becker. "Oft ist es so, dass diese Frauen unter extremen Schuldgefühlen leiden. Ich habe aber auch Mütter kennengelernt, die das Thema verdrängen und sehr aggressiv reagieren, wenn ich es nur anspreche."
Herausforderungen bei FASD-Diagnosen
Das erschwert eine eindeutige Diagnose. Häufig kommt es zudem zu Fehldiagnosen. Das FASD-Syndrom wird zum Beispiel oft mit ADHS verwechselt, erklärt Astrid Schmidt vom Verein Donum Vitae in Landstuhl.
"Es kommt immer darauf an, wie ausgeprägt das FASD-Syndrom ist. Die körperlichen Merkmale können mit den Jahren verwachsen. Doch das Syndrom kann auch das Gehirn betreffen oder Herz- und Nierenprobleme verursachen – das sieht man zunächst nicht", erklärt Schmidt. Die Diagnose dauere oft lange, sei aber wichtig, um Unterstützung zu bekommen, auch finanziell.
Alkohol, ein gesellschaftliches Problem
Es gebe nicht nur viele Herausforderungen bei der Diagnose, das Thema Alkohol sei ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Viele Schwangere fühlen sich unter Druck oder erleben Unverständnis, wenn sie keinen Alkohol trinken. Diese Erfahrung hat die junge Mutter Dorothe Herz gemacht, die ebenfalls den Themenabend besucht hat. Sie erinnert sich daran, dass sie mit ihrem ersten Kind schwanger und mit Freunden auf einer Weinprobe war.
An dem Abend habe sie ihren Freunden offen gesagt, dass sie sich in der sechsten Schwangerschaftswoche befinde. Eine Frau von der Weinprobe habe ihr dort ein Glas Wein angeboten und gesagt: "Es ist ja nur eins, das ist nicht schlimm." Herz habe mehrmals ganz klar "Nein" sagen müssen. Die junge Mutter finde es schwierig, dass man sich in der Gesellschaft immer wieder rechtfertigen müsse.
Aufklärung statt Rechtfertigung
"Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie schwanger sind und niemand weiß genau, wie wenig Alkohol einem Ungeborenen schon schaden kann. Es passiert oft unwissentlich", sagt Astrid Schmidt vom Verein Donum Vitae. Wer bewusst schwanger ist oder eine Schwangerschaft plant, solle offen mit seinem Umfeld umgehen oder sich eine Notlüge überlegen: "Zum Beispiel kann man sagen, dass es einem nicht gut geht oder man Antibiotikum nimmt. Egal wie – Nein heißt Nein."
Für Schmidt ist klar: Es braucht viel mehr Aufklärung. Der Verein Donum Vitae informiert über die Risiken von Alkohol in der Schwangerschaft, über FASD, über die Verantwortung der Gesellschaft und noch über viele weitere Themen. "Es ist schlimm, dass man sich überhaupt eine Notlüge überlegen muss, um zu rechtfertigen, dass man keinen Alkohol trinkt."