Für Shannon und ihren Pflegebruder Jim heißt es gerade: Pferdemist auf einer großen Koppel zusammenrechen. Shannon schmust zwischendurch immer wieder mal mit den Pferden, die zu ihr kommen, sie anstupsen und sich an sie schmiegen. Die 24-Jährige hilft seit ihrem 17. Lebensjahr hier auf dem Schlichthof bei Mutterstadt. Inzwischen ist sie als Pferdepflegehelferin angestellt. Für Shannon passt das perfekt. Sie könne viel besser mit Tieren als mit Menschen, sagt sie: "Klar sind hier auch mal Menschen, aber es sind halt mehr Tiere wie Menschen und das finde ich gut, weil Tiere sind so meine Welt."
Ihr 19-jähriger Pflegebruder Jim macht auf dem Schlichthof gerade ein sechswöchiges Praktikum – er liebt es, mit Landmaschinen zu arbeiten, darf sogar auf dem Gelände Traktor fahren. Sein Wunsch ist, einmal Landwirt zu werden: "Mein Ding ist so die Technik an sich, Traktor fahren, Radlader fahren. Da kenne ich mich sehr gut aus. Ich lese darüber viel in der Freizeit."
Was es heißt, mit FASD zu leben
Dass Shannon und Jim das machen können, was sie begeistert und motiviert, ist alles andere als selbstverständlich. Denn ihr Gehirn wurde schon im Mutterleib durch Alkohol geschädigt. Wie sich das auswirkt, hat Shannon schon früh gemerkt: "Es ist so, dass ich langsamer denke und ich lasse mich auch mal gerne ablenken. Ich habe beim Lernen auch länger gebraucht", sagt die junge Frau. Ähnlich geht es ihrem Pflegebruder Jim: "Wenn man viele Aufgaben auf einmal bekommt, dann kann das einem schon schnell überfordern", sagt er.
Die Chefin des Schlichthofs, Belinda Stegili, weiß nur zu gut, dass Shannon und Jim mehr Aufmerksamkeit brauchen: "Es ist jetzt nicht wie mit einem normalen Angestellten, dass Du sagst: Das und das ist dein Tätigkeitsfeld und du machst das jetzt einfach. Du musst sie schon mit betreuen. Das brauchen sie auch. Aber ich kann mich auf die zwei dann schon verlassen. Wenns auch mal länger geht." Und die beiden gehören inzwischen richtig zur Pferdehof-Familie, sagt Belinda Stegili.
Frühe Diagnose half bei Shannon und Jim
Katrin und Mario Lepke sind Shannons Adoptiveltern und die Pflegeeltern von Jim. Sie hatten Shannon als Baby adoptiert, ohne von der Einschränkung zu wissen. Als sie drei Monate alt war, ständig schrie und nicht trinken wollte, diagnostizierten die Ärzte FASD bei ihr. Bei Jim war die Diagnose bereits bekannt, als die Lepkes ihn später als Baby in Pflege nahmen.
Beide Kinder waren entwicklungsverzögert, erzählt Katrin Lepke: "Shanon war ein Schreibaby. Bis zum achten Monat hat sie bis zu 20 Stunden am Tag geschrien. Ernährungsstörungen, Gedeihstörungen, Entwicklungsstörungen im Allgemeinen" hatten den Eltern zu schaffen gemacht. Dank der frühen Diagnose konnten die Lepkes Shannon und Jim aber schon von klein auf fördern. Beide besuchten eine Förderschule und beide leben bis heute bei den Eltern.
Das haben Shannon und Jim geschafft - mit FASD
Es fällt Shannon und Jim immer noch schwer, ihren Alltag zu organisieren - bei vielem sind sie auf Unterstützung angewiesen, erzählt Katrin Lepke. Aber sie haben auch schon viel geschafft. Anders als die Ärzte vorausgesagt hätten, können beide heute lesen und schreiben. Bei Jim klappt es auch mit dem Rechnen gut.
Dass sie soweit gekommen sind, verdanken die beiden ihren Adoptiv- und Pflegeeltern, sagt Jim: "Sie haben uns in unseren Stärken unterstützt, wo sie konnten. Und wenns mal nicht so ging, hat man halt trotzdem weitergemacht, bis es halt geklappt hat." Und Shannon fügt hinzu: "Sie haben nie gesagt: "Das schaffst du eh nicht", sondern "probiere es doch". Und das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt."
Umgang mit FASD: Das sagen Shannon und Jim
Ihre leiblichen Eltern haben Shannon und Jim nie kennen gelernt. Jim sagt, er sei nicht wütend auf seine Mutter, weil sie während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat: "Weil sie wusste es vielleicht einfach nicht. Und sie hat mich in gute Hände gegeben. Sie wollte eine gute Zukunft für mich. Und das sagt schon einiges aus." Anders geht es Shannon. Sie sei traurig gewesen, weil ihr Vater keinen Kontakt mit ihr wollte. Und habe ihrer Mutter dafür die Schuld gegeben, erzählt sie.
Und was wünschen sich die beiden? Wie sollen andere ohne Einschränkungen mit Menschen umgehen, die FASD haben? Dazu sagt Shanon: "Die sollten nicht von Vornherein urteilen, dass der Mensch nur, weil er ein bisschen anders tickt, einfach nur doof ist. Vielleicht ist es einfach eine Beeinträchtigung, die man nicht sieht." Und Jim sagt: "Ich würde mir wünschen, dass sie Menschen mit FASD akzeptieren, wie sie sind und keine Vorurteile haben. Wenn einem was auffällt, einfach mal fragen, nicht lästern. Das würde den Alltag schon sehr erleichtern."
Mehr gute Arbeitgeber wie Belinda Stegili
Mario und Katrin Lepke sind froh, dass sich Shannon und Jim so gut entwickelt haben. Sie wünschen sich, dass die beiden ihren Weg so gut weitergehen wie bisher. Und: "Dass sie weiter auch den Schutz bekommen, den sie brauchen, auch wenn wir vielleicht irgendwann nicht mehr da sind."
Katrin Lepke fügt hinzu, dass sie sich für alle Kinder mit FASD mehr Arbeitgeber wie Belinda Stegili wünscht: "Die sich mit vielen Gesprächen, mit viel Wissbegier darauf eingelassen hat, Shannon hier zu beschäftigen, Jimmy hier mit auf dem Hof zu haben."
Hilfe für Eltern von Kindern mit FASD
Katrin Lepke aus Mutterstadt ist Sprecherin und Stellvertretende Vorsitzende des Vereins "FASD Deutschland". Auf seiner Internetseite bietet der Verein zahlreiche Infos und Hilfen für Eltern, deren Kinder von FASD betroffen sind oder sein könnten. Katrin Lepkes großes Anliegen: Mehr Aufklärung, was Alkohol in der Schwangerschaft anrichtet. Denn in Deutschland werde laut Experten pro Stunde ein Kind mit FASD geboren.