ADHS als Trenderscheinung? Das sagt die Wissenschaft
Die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, ist keineswegs eine neue Erscheinung. Studien zur Erforschung der Ursachen und Verbesserung der Therapiemöglichkeiten laufen bereits seit Jahrzehnten. Dennoch scheint es nicht nur einen Diagnoseanstieg, sondern auch einen Anstieg der Erwähnung von ADHS in den sozialen Medien gegeben zu haben.
Allein bei TikTok lassen sich fast 100.000 Videos unter dem Hashtag ADHS finden. Nach aktuellen Schätzungen könnten in Deutschland etwa 1-7 % der Schulkinder und 2-3 % der Erwachsenen betroffen sein.
In einer aktuellen Sendung des SWR Kultur Forums zum Thema “Streit um ADHS – Ist die Krankheit eine versteckte Begabung?” diskutierten der Chefarzt der Psychiatrie der Medius Klinik in Kirchheim unter Teck Prof. Dr. Christian Jacob, die Autorin, Journalistin und Content Creatorin Angelina Boerger und der Philosoph Prof. Dr. Christoph Türcke über ADHS.
Die Ansichten dazu, was ADHS überhaupt ausmacht, gehen unter den Gesprächspartnern in der Sendung auseinander. Was sagt derweil die wissenschaftliche Evidenz? Ist die „Störung“ nun Teil der Identität, eine medizinisch valide Diagnose oder gar eine kulturelle Trenderscheinung? Und entstehen Betroffenen daraus vorrangig Nachteile oder lassen sich Begleiterscheinungen von ADHS, wie Hyperfokus oder gesteigerte Kreativität sogar positiv nutzen?
Nur Nachteile oder auch verstecktes Potenzial?
Betroffene beschreiben häufig, dass ihr anderer Blick auf die Welt zum Teil auch sehr bereichernd sein kann. So erklärt Dr. Christian Jacob, dass sich Betroffene die Störung unter Umständen zunutze machen können, etwa durch Hyperfokussierung. Dieser Zustand intensiver Konzentration kann produktiv sein, aber auch zu Problemen führen, wenn er die Aufmerksamkeit von wichtigen Aufgaben ablenkt, so eine Studie von 2019.
Mehrere wissenschaftliche Studien weisen außerdem auf einen positiven Zusammenhang zwischen ADHS und kreativen Fähigkeiten hin. Eine Studie der University of Amsterdam aus dem Jahr 2017 fand heraus, dass ADHS mit einer verbesserten Fähigkeit viele verschiedene Ideen zu generieren und originelleren Problemlösungen verbunden ist – vor allem durch die hyperaktiv-impulsiven Komponenten.
Eine amerikanische Studie von 2018 bestätigte, dass bestimmte ADHS-bezogene Eigenschaften mit verschiedenen Kreativitätsformen korrelieren, da Betroffene oft eine breitere Aufmerksamkeit haben und eher bereit sind, unkonventionelle Ideen auszuprobieren.
Besonders interessant: Eine kanadische Studie von 2021 zeigte, dass speziell Erwachsene mit der kombinierten ADHS-Form mit Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit (ADHD-C), höhere Kreativität aufweisen, während die vorwiegend unaufmerksame Form diesen Vorteil nicht zeigte.
Gefährlicher Trend zur Social Media Diagnose?
In sozialen Medien häufen sich Posts zum Thema ADHS. Während unter #ADHS bei TikTok fast 100.000 und bei Instagram sogar 200.000 Beiträge zu finden sind, gibt es zum englischen #ADHD sogar jeweils mehr als vier Millionen Beiträge auf TikTok und mehr als fünf Millionen auf Instagram.
Und das kann positive Auswirkungen haben: Oftmals kommen Jugendliche und auch Erwachsene überhaupt erst durch Social Media in Kontakt einer möglichen Erklärung für ihre Symptome. Dies könnte zu mehr Diagnosen von bislang unentdeckter ADHS führen.
Aber: Social-Media-Inhalte zu ADHS könnten auch zu einer Überidentifikation mit den Symptomen oder zu einer fälschlichen Interpretation alltäglicher Verhaltensweisen als Symptome einer psychischen Störung führen.
Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diese Problematik. Eine Studie aus dem Jahr 2022 zur Qualität von TikTok-Videos über ADHS ergab, dass etwa die Hälfte (52%) der analysierten Inhalte irreführend waren. Lediglich 21% wurden als tatsächlich nützlich eingestuft.
Eine aktuellere Studie von 2025 untersuchte darüber hinaus ADHS-Selbsttests-Videos, die unter dem Hashtag #adhdtest veröffentlicht wurden. Von 50 analysierten Videos waren hierbei sogar 92% irreführend. Diese irreführenden Inhalte erhielten aber deutlich mehr Engagement als die wenigen tatsächlich aufklärenden Videos.
Ist ADHS häufiger geworden?
Aber die Sozialen Medien können offenbar auch einen positiven Einfluss haben. Eine Studie von 2022 zeigt nämlich: Der Anstieg an ADHS-Diagnosen ist weniger auf Überdiagnosen zurückzuführen, sondern vor allem auf ein gestiegenes Bewusstsein und ein breiteres Verständnis der Störung.
Besonders Bevölkerungsgruppen, die früher oft übersehen wurden, wie etwa Frauen und People of Color, werden heute häufiger erkannt. Als Gründe nennen die Forschenden veränderte Diagnosekriterien sowie eine höhere Sensibilität bei Fachkräften und in der Gesellschaft.
Obwohl es auch hier einen Verbesserungstrend gibt, erhalten Jungen noch immer deutlich häufiger eine Diagnose, während ADHS bei Mädchen oft unentdeckt bleibt, da diese oft weniger hyperaktiv oder impulsiv sind. Stattdessen äußert sich ADHS bei ihnen häufiger durch andere Probleme wie Lernschwierigkeiten oder Depressionen.
Belastung trotz Stärken
Trotz vieler Potenziale bleibt ADHS für viele Betroffene eine große Herausforderung. Gerade in strukturierten, fremdbestimmten Kontexten wie der Schule kann ADHS zu dysfunktionalem Verhalten, also schädlichen Verhaltensanpassungen zur Bewältigung bestimmter Situationen und Aufgaben, führen und ernsthafte Folgen haben, so Jacob im SWR Kultur Forum.
Besorgniserregend ist dabei besonders die hohe Komorbidität, also das Auftreten von Begleiterkrankungen: Laut Jacob treten bei bis zu 80 % der klinischen Fälle zusätzlich Suchterkrankungen auf. Eine systematische Literaturübersicht von 2022 zeigt ebenfalls, dass Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger unter Substanzgebrauchsstörungen, Stimmungs- und Angststörungen sowie Persönlichkeitsstörungen leiden als Vergleichsgruppen ohne ADHS.
Therapie, Verhaltensanpassung oder Medikamente?
Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien bei ADHS wirksam sein können. Stimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin) gelten als die effektivsten Medikamente, insbesondere in Kombination mit Verhaltenstherapie. Die Forschung an nicht-pharmakologischen Ansätzen wie Verhaltenstherapie, Meditation oder körperliche Aktivität hat in den letzten Jahrzehnten auch deutlich zugenommen.
Für Kinder und Jugendliche ist die medikamentöse Behandlung laut einer systematischen Übersichtsarbeit von 2024 am wirksamsten, wobei auch psychosoziale und kognitive Maßnahmen positive, wenn auch schwächere Effekte zeigen. Eine Übersichtsarbeit von 2023 empfiehlt die Verhaltenstherapie als wichtigste nicht-medikamentöse Option, während andere Methoden wie achtsamkeitsbasierte Interventionen oder Nahrungsergänzungsmittel in Studien deutlich schlechter abschneiden.
Bei Erwachsenen helfen Medikamente wie Stimulanzien zwar kurzfristig gegen Symptome, werden aber oft wegen Nebenwirkungen innerhalb der ersten drei Jahre abgesetzt. Eine Metaanalyse von 2025 zeigt zudem, dass sie die Lebensqualität kaum verbessern würden. Kognitive Verhaltenstherapie und achtsamkeitsbasierte Therapien zeigten in einem systematischen Review aus dem Jahr 2020 hingegen vielversprechende Ergebnisse, wenn auch mit unterschiedlich starker wissenschaftlicher Evidenz.
Letztendlich ist ADHS ist keine einheitliche Störung, sondern zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen, Bedürfnissen und Lebensrealitäten. Sie kann herausfordernd, aber auch bereichernd sein. Entsprechend gibt es nicht den einen richtigen Weg, sondern eher viele individuell angepasste Ansätze, die sowohl Stärken fördern als auch Symptome lindern können.