"Ich dachte immer: Schlechter kann es nicht werden." Giselle sitzt seit Mai in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Zweibrücken, zum dritten Mal, wie sie sagt. Die 17-Jährige ist wegen gefährlicher Körperverletzung, Raub und räuberischer Erpressung in Haft. Während andere in ihrem Alter vielleicht über Abschlussfeiern, Ausbildung oder den Führerschein sprechen, teilt sie sich eine Zelle mit einer anderen jungen Frau.
Jugendkriminalität: Der Einstieg mit 13
"Seitdem ich 13 bin, bin ich straffällig", sagt Giselle. In Saarbrücken sei sie damals in einen Freundeskreis geraten, der ihr Leben Schritt für Schritt verändert habe. Alkohol, Zigaretten und Cannabis prägten ihren Alltag.
Resozialisierung Knast, und dann? – Wege aus der Jugendkriminalität
Wenn Jugendliche straffällig werden, bietet das Gesetz viele Möglichkeiten, bevor sie ins Gefängnis müssen: etwa Sozialstunden, Kurse, Täter-Opfer-Ausgleich. Hier steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund, aber irgendwann bleibt dann nur noch die Haft. Wie resozialisiert man jugendliche Täterinnen und Täter?
Sie beschreibt ein Leben, in dem Gewalt allgegenwärtig war. "Wenn dann Konflikte kamen und meine Freunde das mit Zuschlagen gelöst haben, war ich halt immer dabei und hab' dann irgendwann auch geholfen." Fast täglich habe sie sich damals geprügelt, erzählt sie.
Gewalt zu Hause und auf der Straße erlebt
Was für andere eine klare Grenze ist, hat sich für Giselle lange normal angefühlt. Gewalt habe sie nicht nur auf der Straße erlebt, sondern schon zu Hause. Ihr Vater habe ihre Mutter geschlagen: "Da gab es häusliche Gewalt", erzählt sie. Später sei auch ein neuer Partner ihrer Mutter gewalttätig geworden – gegen die Mutter und auch gegen Giselle. Diese Erfahrungen hätten sie geprägt. Sie habe deshalb auch eine Impulskontrollstörung. Der Alkohol habe es noch schlimmer gemacht.
Schule abgebrochen, Abschluss in der JVA Zweibrücken geschafft
Seit sie 13 ist, ist Giselle kaum noch regelmäßig zur Schule gegangen. Sie sei an verschiedenen Schulen rausgeflogen. "Weil ich so oft gefehlt hab' und wegen respektlosem Verhalten", wie sie selbst sagt. "Da war mir alles egal."
In der JVA Zweibrücken hat Giselle ihren Hauptschulabschluss nachgeholt – mit einem Notenschnitt von 1,2. Heute blickt sie kritisch auf die vergangenen Jahre zurück: "Ich finde alles, was ich gemacht hab, richtig unnötig und respektlos – ein ekelhaftes Verhalten." Ihr habe jemand gefehlt, der sie begleitet und ihr klare Grenzen setzt. "Ich hatte nie eine Person – außer meiner Mutter -, auf die ich aber nie gehört hab' – die mir gesagt hat: Giselle, mach das nicht!"
Resozialisierung in der JVA Zweibrücken
Im Frauenvollzug der JVA Zweibrücken soll Giselle auf die Zeit nach der Haft vorbereitet werden – auf Ausbildung, Arbeit, Beziehungen und Konflikte ohne Gewalt. Dieses Ziel nennt man auch "Resozialisierung". Dafür können Gefangene ihre Straftaten unter anderem mit Psychologen aufarbeiten und Schulabschlüsse nachholen.
JVA breitet auf Haftentlassung und Leben danach vor
Holger Scholtes, verantwortlich für das Frauenhaus und den Jugendbereich in der JVA Zweibrücken, sagt: Resozialisierung beginne oft mit ganz alltäglichen Dingen. "Wir sitzen in der Wohngruppe am großen Tisch und frühstücken zum Beispiel gemeinsam." Dann gehe es darum, "Danke" und "Bitte" zu sagen oder in die Runde zu fragen: "Ist es okay, wenn ich das Nutella leer mache?" Auch ein Gesellschaftsspiel könne Teil der pädagogischen Arbeit sein. Das Ziel: 'Mensch ärgere dich nicht' zu spielen, "ohne dass es eskaliert", erklärt Scholtes.
Warum Jugendliche straffällig werden
Der soziale Hintergrund spiele bei vielen jungen Menschen eine Rolle, sagt Scholtes – aber er erkläre nicht alles. Schwierige oder sozial belastete Familienverhältnisse können ein Risikofaktor sein, wenn Jugendliche solche Verhaltensweisen von klein auf vorgelebt bekommen. Sie hätten in der JVA Zweibrücken aber auch eine Bandbreite an jungen Menschen hier, die aus stabileren familiären Verhältnissen kommen.
Für Gefängnismitarbeiter "Selbstschutz wichtig"
Für den Vollzugsabteilungsleiter sind Fälle wie der von Giselle auch persönlich nicht immer leicht. "Bei manchen Dingen überlegt man sich wirklich: Wie kommt es dazu, dass junge Menschen diesen Weg einschlagen?" Gleichzeitig brauche es professionellen Abstand. "Für mich ist es wichtig, einen gewissen Selbstschutzmechanismus zu finden. Aber trotzdem ist man Mensch." Der Anspruch bleibe, die Arbeit so gut wie möglich im Sinne der Resozialisierung zu machen. Doch Scholtes sagt auch offen: "Wir erreichen nicht alle. Das ist ein Teil der Wahrheit und Realität."
Neuanfang nach der Haft: Therapie und Ausbildung
Giselle will im November eine stationäre Therapie beginnen, um ihre Alkoholsucht zu behandeln. Später möchte sie eine Ausbildung machen – vielleicht als Friseurin, vielleicht in einem Drogeriemarkt. Noch klingt vieles vorsichtig. "Immer wenn ich mir einen Plan gemacht hab', lief es nicht so", erzählt sie.
Diesmal wolle sie aber Verantwortung für ihr Leben übernehmen. "Ich hab' mein Schicksal in der Hand. Wenn ich so weiterlebe, ist mein Leben schlecht. Wenn ich mich jetzt zusammenreiße und mein Leben auf die Reihe bekomme, wird mein Leben gut." Ihre Geschichte erzählt sie auch für andere Jugendliche: "Ich hoffe, dass Leute in meinem Alter oder ein bisschen jünger das sehen und wissen: Jetzt ist Stopp."
*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war ein Foto der Jugendlichen, auf der ihr Gesicht von vorne zu sehen war. Auf Bitte der JVA und mit Blick auf die Resozialisierung der JVA-Gefangenen haben wir das Foto durch eine Aufnahme ersetzt, auf der die junge Frau nicht erkennbar ist.