"Was wäre dein Traumberuf?" Diese Frage hört sich erst einmal ein bisschen plump und lapidar an. Andreas Hofer hält sie trotzdem für den richtigen Einstieg in eine Berufsberatung von Schülern und Schülerinnen. Hofer leitet Projekte für die Strahlemann-Stiftung, die Kinder und Jugendliche unter anderem bei der Berufsfindung unterstützen möchten.
Berufswunsch Superheld - und die Übersetzung in die Arbeitswelt
Mit der Antwort auf die Frage nach dem Traumberuf, könne man sich sehr gut an das Thema Berufswunsch herantasten, sagt Hofer. "Wenn ein 15-Jähriger sagt, mein Traumberuf wäre Superheld, kann man im nächsten und übernächsten Schritt rausholen, was das dann in der Realität sein könnte."
Hofer spinnt den Gedanken weiter: Ein 15-Jähriger sei Fan von Spiderman, weil der besondere Fähigkeiten hat, cool ist, gefeiert wird. Gehe man dann tiefer ins Gespräch, stelle der Jugendliche vielleicht fest: Spiderman bewirkt etwas, weil er anderen Menschen hilft. "Über diese Reflexion kommen wir also dahin, dass es dem Jugendlichen wichtig ist, etwas für andere Menschen zu tun."
Jeder Weg, der zu einem Kind oder Jugendlichen passt, ist ein guter Weg.
Anderen Menschen helfen, das könne Inhalt von ganz vielen Berufen sein: Als Pfleger alte Menschen unterstützen - aber auch als Einzelhandelskaufmann Menschen beraten, damit sie das richtige Produkt für sich finden. Nach und nach lässt sich so aus dem Traumberuf Superheld ein konkreter Berufsweg skizzieren. "Man kann also im Beratungsgespräch von einem Wunsch aus der Lebensrealität eines 15-Jährigen zu etwas sehr Realistischem kommen."
Das Thema Berufswunsch in die Köpfe holen
Mit diesem Gesprächseinstieg schaffen Berufsberater, Eltern oder Lehrer aber noch etwas ganz anderes, das Hofer für wesentlich hält: "Es geht erst einmal darum, dass sich die Jugendlichen überhaupt mit der Frage beschäftigen, was sie denn mal machen wollen." Wer einfach die Lehrstelle annehme, die noch übrig bleibt, oder sich auf den letzten Drücker für irgendein Studium einschreibe, bei dem sei die Wahrscheinlichkeit schon hoch, dass es zum Abbruch kommt.
"Mein Ratschlag ist also: Genau auf das Kind und seine Wünsche und Ideen schauen. Letztlich ist jeder Weg gut, der zum Kind passt." Viele Eltern wünschten sich, dass es das eigene Kind besser habe als man selbst. Dann kommt oft der Wunsch nach Abitur oder Studium. "Es bringt aber nichts, Kinder irgendwo 'durchzuprügeln'. Das richtet viel Schaden an, weil wir an viele Dinge nicht denken, die damit einhergehen", sagt Hofer und nennt Druck und schwindendes Selbstbewusstsein als mögliche Probleme.
Im Gegensatz dazu blühten junge Menschen oft total auf, wenn sie das Richtige für sich finden. "Ich denke da an einen Jungen, der ohne Schulabschluss nach der 9. abgegangen ist. Da ging nichts mehr. Er hat eine Bäckerlehre angefangen - und auf einmal hat er in der Berufsschule nur noch Einsen und Zweien geschrieben."
Keine Angst vor falschen Entscheidungen
Viele junge Menschen kommen wohl auch deshalb nicht so richtig zu Potte beim Thema Lehre oder Studium, weil sie Angst vor einer Fehlentscheidung haben. "Es geht aber darum herauszufinden, was jetzt zu mir passt. Das heißt nicht, dass ich nie wieder umkehren kann, wenn es nicht die richtige Entscheidung war."
Mit 15 Jahren hätten die Jugendlichen zudem natürlicherweise noch keinen Weitblick - was also heute passt, muss nicht mehr in 15 Jahren passen - und das ist auch ganz legitim. "Berufswege sind selten linear, sie verlaufen mal nach rechts, mal nach links, über Umwege und oft hängt vieles davon ab, welche anderen Menschen einem im Berufsfeld begegnen und vielleicht inspirieren."
Ausbildung, Studium und welche Jobs macht künftig die KI?
Viele Jahre herrschte die Überzeugung vor: Es gibt Fachkräftemangel und zwar flächendeckend. Junge Menschen mögen viele Probleme haben, aber sicher nicht das Problem, 100 Bewerbungen zu schreiben und trotzdem keinen Job zu finden. Die Künstliche Intelligenz hat diese Überzeugung Lügen gestraft.
Gerade Akademiker aus den Bereichen Informatik, Mediengestaltung oder Datenwissenschaften haben es aktuell schwer, einen Job zu finden. Es sind inbesondere Aufgaben, die bislang an Berufseinsteiger gegeben wurden, die heute von der KI erledigt werden.
Andreas Hofer ist aber überzeugt, dass es keine Berufsgruppen gebe, die in fünf oder zehn Jahren auf einmal verschwunden sein werden. "Berufe werden sich wandeln und es ist wichtig für junge Menschen, diese Wege mitzugehen und mitzulernen."
Soziale Berufe kaum gefährdet durch KI
Klar sei aber auch: Alle Berufe, die mit Menschen zu tun haben, etwa in der Pflege, Erziehung oder Bildung, werden auch in 50 Jahren noch Bestand haben, so Hofer. Auch wenn die KI Teilaufgaben übernehme könne, werde es nicht ohne den Menschen gehen.
Insgesamt sieht Hofer aktuell auf dem Arbeitsmarkt besonders gute Chancen für junge Menschen, wenn sie eine Ausbildung machen möchten. "Der Fachkräftemangel ist an vielen Stellen einfach da, in der Pflege, im Handwerk und in vielen anderen Bereichen, die vom dualen Ausbildungssystem ihre Nachwuchskräfte bekommen."
Der Akademikermarkt müsse dagegen viel differenzierter betrachtet werden - es gebe Zunkunftstechnologien, die gute Jobaussichten zu bieten haben. Aber das gelte eben längst nicht für jeden Bereich.
Am Ende gibt es wohl ein Schlüsselwort in dem ganzen Findungsprozess: Motivation. Wer junge Menschen dazu motiviert, sich Gedanken zu machen, sich auf die Suche zu machen und sich auszuprobieren, der habe sie auf einen zielführenden Weg gebracht, so Hofer.