Karl Peter Wetzlar kann sich noch sehr genau an die Flutnacht im Sommer 2021 im Ahrtal erinnern. Er hat gesehen, wie das Wasser auf sein Haus in Sinzig zugeströmt kam. Es ging schnell. Er habe gerade noch geschafft, seine Fotos und Bilder aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock zu retten. "Damit die Erinnerungen nicht verloren gehen", erzählt Wetzlar. Im unteren Geschoss habe er aber schon Brusttief im Wasser gestanden.
Flutnacht lässt Menschen bis heute nicht los
Was Schlimmeres sei bei ihm zum Glück nicht passiert, sagt Wetzlar. Er habe nur materiellen Schaden erlitten. Aber ganz in der Nähe von seinem Haus seien zwölf Menschen in der Sinziger Lebenshilfe verstorben. Auch eine Nachbarin von ihm überlebte die Flut nicht.
Erlebnisse, die den Rentner bis heute umtreiben. Deshalb hat er sich entschieden, eine Therapie zu machen. Gemeinsam mit neun weiteren Betroffenen versucht er jetzt, in kunsttherapeutischen Sitzungen, die Katastrophe zu verarbeiten - zum Beispiel, indem er Bilder malt.
Kunsttherapie soll helfen, die Katastrophe zu verarbeiten
Die Sitzungen finden in Bad Neuenahr-Ahrweiler in einem Raum statt, der wie ein Atelier eingerichtet ist. Die Umgebung soll anregend wirken. Kunst als Therapieform funktioniere manchmal besser als Gespräche, sagt Kunsttherapeutin Dorothee Neu, die die Stunde anleitet.
Denn manchen Menschen falle es schwer, die richtigen Worte zu finden, stattdessen könnten sie ihre Gefühle aber durch ein Bild oder eine Bewegung ausdrücken: "Gefühle finden in der Kunst die Luft zum Atmen", sagt Neu.
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Therapie ist Teil einer wissenschaftlichen Untersuchung
Die Kunsttherapie, die im Ahrtal angeboten wird, ist Teil eines Forschungsprojektes. Bisher gibt es zwölf Therapiegruppen mit jeweils zehn Teilnehmern. Die Betroffenen erhalten bei dem Projekt zehn Wochen lang kostenfreie therapeutische Sitzungen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Ziel ist es laut den Verantwortlichen, wissenschaftlich zu belegen, dass Kunsttherapie die Resilienz von Menschen stärken kann. Das Projekt wird vom Bonner Verein Help und der Stiftung des Universitätsklinikum Essen mit 400.000 Euro gefördert.
Gefühle werden in Bildern ausgedrückt
In der Therapiestunde in Bad Neuenahr-Ahrweiler liest Therapeutin Neu zunächst ein Märchen von Hermann Hesse vor: Piktor’s Verwandlungen. Eine Geschichte, die davon handelt, dass das Leben auch Veränderung bedeutet.
"Es geht darum, dass die Menschen erfahren, dass sie es selbst in der Hand haben, ihr Leben zu gestalten."
Die Gruppe hört zu. Danach greift jeder zu einem Stift und malt sein eigenes, kleines Paradies. Zur Inspiration hat Neu Bilder von Gärten, alten Toren und Schlüsseln mitgebracht. Bei der Kunsttherapie gehe es nicht darum, etwas Schönes zu schaffen, erklärt die Therapeutin: "Es geht darum, dass die Menschen erfahren, dass sie es selbst in der Hand haben, ihr Leben zu gestalten."
Auf der Vorlage, die vor Karl Peter Wetzlar liegt, ist der Garten hinter einem verschlossenen Tor. Auf dem Bild, das er malt, ist das Tor jedoch geöffnet: "Ich will ja weitergehen", sagt er. "Ich will nicht, dass die Tür zu ist. Ich will mich nicht hängen lassen." Wetzlars Frau ist vor einem Jahr gestorben. Mit der Kunsttherapie habe er sich endlich mal wieder aus seiner Komfortzone herausgewagt, sagt der Rentner. Das tue ihm gut.