Es ist Erntezeit am Mittelrhein: Äpfel, Weinbergpfirsiche und Trauben sind bereits gepflückt. Doch Carlos Beltran und seine Tochter Martina sind noch mitten in der Arbeit. In den steilen Hängen der alten Weinberge bei Spay bauen sie Physalis an. Die Sträucher hängen voll mit den lampionförmigen Früchten. Frisch geerntet schmecken sie süß und, anders als die importierten in den Geschäften, kaum säuerlich.
Physalis kommt aus Carlos Heimatland
"Sie ist so wunderschön, da musste ich etwas draus machen", sagt Carlos, während er die Früchte von den Sträuchern schneidet. Für ihn ist die Physalis ein Stück Heimat. In seinem Heimatland Kolumbien ist die Physalis so verbreitet wie Äpfel am Mittelrhein.
Was für ein Glück, dass wir an diesem Ort gelandet sind, wo der Physalis-Anbau so gut gelingt
Vor 15 Jahren begann alles mit drei kleinen Physalis-Sträuchern. Heute bewirtschaften Carlos und Martina rund einen halben Hektar Land und ernten im Schnitt zwischen 400 und 500 Kilogramm pro Jahr. Das Physalis-Feld pflegen sie neben ihren eigentlichen Berufen. "Was für ein Glück, dass wir an diesem Ort gelandet sind, wo der Physalis-Anbau so gut gelingt", sagt Martina Beltran. Und ihr Vater ergänzt: "Hier muss man glücklich sein".
In den vergangenen Jahren haben die beiden mit den Früchte experimentiert. Heute verkaufen sie ihre Physalis-Früchte als Marmelade oder Sirup auf Wochenmärkten. Die Physalis sei oftmals der Grund, dass die Leute an ihrem Marktstand stehen bleiben, sagen Martina und Carlos. Dass die exotische Frucht hier angebaut wird, überrasche die Leute und mache sie neugierig.
Anbau und Ernte sind anspruchsvoll
Bis dahin ist aber viel Arbeit nötig: Jede Frucht muss einzeln von Hand geerntet werden, weil die Früchte nicht gleichzeitig reif werden. Zwischen September und November werden die Sträucher immer wieder abgeerntet. Doch eine komplette Ernte, bei der ein ganzer Strauch leer gepflückt wird - wie etwa bei Weintrauben oder Kirschen - ist unmöglich. Und sobald der erste Frost kommt, ist die Erntezeit vorbei.
Physalis mag mildes Weinbauklima
Versuche der Hochschule Geisenheim haben gezeigt, dass die Physalis in Weinbaugebieten mit mildem Klima gedeiht. Lena Neumann arbeitet am Institut für Obstbau der Hochschule Geisenheim und hat zum Anbau der Physalis geforscht: "Umso länger der frostfreie Zeitraum, umso länger kann man die Pflanzen im Herbst ernten." Das deckt sich mit den Erfahrungen von Familie Beltran.
Wissenschaftlerin: Physalis keine Alternative zu Weinbau
Ist die Physalis eine ökonomisch sinnvolle Alternative zum Wein- oder Apfelanbau am Mittelrhein? Nein, sagt Lena Neumann. Der Markt für die Früchte sei zu klein und das Sortieren der Früchte zu aufwendig. Der Verkauf von kleinen Mengen könne aber durchaus interessant sein. So gibt es in Deutschland nur eine handvoll Betriebe, die, wie Familie Beltran, Physalis anbaut. Darunter sind auch Landwirte aus Wackernheim bei Mainz und der Pfalz.
Der Anbau von Physalis kann in kleinen Mengen durchaus interessant sein, aber keine Massenalternative.
Auch Maximilian Weigend, der Direktor der Botanischen Gärten Bonn, würde für den kommerziellen Anbau eher auf andere Obstsorten setzen. Er empfiehlt Feigen, Kakis und Kornelkirschen. Die seien nicht so empfindlich und arbeitsintensiv wie die Physalis.
In Spay wachsen auch Guaven, mexikanische Tomaten und Kakis
Tatsächlich setzen die Beltrans auch noch auf anderes Obst wie etwa Weinbergspfirsiche und Sauerkirschen. Gleichzeitig experimentieren sie mit Feijoas, die normalerweise in Kolumbien und Neuseeland wachsen. Ihre grünen Früchte werden in der Regel nicht nach Europa importiert.
Und zum ersten Mal hat Martina in diesem Herbst auch Tomatillos verarbeitet, die sie aus Mexiko kennt: Diese Frucht ist eng mit der Physalis verwandt, ähnelt im Geschmack aber einer süßlichen Tomate. 2026 wollen sie dann - genauso wie schon die Botanischen Gärten Bonn - Kornelkirschen ausprobieren.