Ein Mann steht bewaffnet mit einem Messer auf einem Hochhausdach mitten in Koblenz. Es weht ein kalter Wind. Polizisten, das Ordnungsamt und Mitarbeitende vom Roten Kreuz haben schon versucht, mit dem Mann zu sprechen. Vergeblich. Er hat vor, sich das Leben zu nehmen. So beschreibt Polizist Benedikt Teuchler die Ausgangslage seines ersten Einsatzes als Verhandler.
Verhandler müssen unter Druck ruhig bleiben
Als Teuchler am Einsatzort ankommt, steht der suizidgefährdete Mann schon mehr als eine Stunde auf dem Hochhaus. Der Spezialist aus Neuwied geht zusammen mit einem Spezialeinsatzkommando (SEK) hoch aufs Dach. Er spricht etwa 40 Minuten mit dem Mann, der Wind ist so laut, dass ihn Teuchler kaum versteht.
Es ist wirklich sinnvoll, dass es uns gibt.
Der Verhandler ist in dieser Ausnahmesituation fast auf sich allein gestellt, denn auch sein Team im Hintergrund hört über die verkabelten Mikrofone kaum, was der Mann sagt. "Da war schon ein gewisser Druck da", erinnert sich Teuchler im Interview mit dem SWR.
Erster Einsatz bleibt Verhandler im Gedächtnis
Der Vorfall in Koblenz liegt schon mehr als drei Jahre zurück. Doch wenn Teuchler davon erzählt, merkt man, wie sehr ihn die Situation bewegt. Dem Verhandler gelingt es damals, den Mann schließlich zu beruhigen. Der legt das Messer weg und geht zusammen mit dem Polizisten unverletzt nach unten. "Das war für mich sehr eindrücklich. Mir wurde bewusst, es ist wirklich sinnvoll, dass es uns gibt", erzählt Teuchler.
80 Einsätze der Verhandlungsgruppe des LKA im Jahr
Einsätze wie dieser sind für die Verhandlungsgruppe des LKA keine Seltenheit. Im vergangenen Jahr wurden die Spezialisten zu etwa 80 Einsätzen gerufen: Bei etwa einem Drittel handelt es sich um Suizid-Situationen, ein weiteres Drittel sind Bedrohungslagen wie Geiselnahmen, Entführungen oder Erpressungen, die restlichen Einsätze hat die Verhandlungsgruppe bei Katastrophen und Amoklagen.
Die Verhandlungsgruppe wird immer dann gerufen, wenn eine kritische Situation besonderes Gesprächsgeschick erfordert. Im Normalfall ist die Polizei schon vor Ort, wenn die Verhandlungsgruppe alarmiert wird: "Dann versuchen wir immer schon auf der Anfahrt, möglichst schnell an viele Informationen zu kommen: Um wen handelt es sich? Welche Themen können wir gegebenenfalls ansprechen, welche sollten wir meiden? Wie genau ist die Situation vor Ort?", erklärt Teuchler.
Verhandler arbeiten immer im Team
Verhandlungssache ist Teamarbeit: Bei jedem Einsatz gibt es einen sogenannten Sprecher, der mit der Zielperson kommuniziert. Im Hintergrund arbeiten mehrere Beamte der Verhandlungsgruppe, die dem Sprecher über einen Knopf im Ohr Informationen, Hilfestellungen und Hinweise weitergeben: "Auch wenn das in manchen Hollywoodfilmen anders dargestellt wird. Bei uns ist es ganz, ganz wichtig, im Team zu arbeiten", sagt Teuchler.
Ein Sprecher brauche vor allem auch die Fähigkeit, sich lenken zu lassen, betont der 39-Jährige: "Man muss darauf vertrauen, dass das Team im Hintergrund mehr weiß und die richtigen Empfehlungen gibt."
Das Schönste ist einfach, wenn jemand von seinem Vorhaben ablässt und demjenigen anschließend geholfen werden kann.
Spezialisten der Polizei bauen Beziehung zu Tätern auf
Jede Situation sei anders und müsse einzeln bewertet werden, sagt der Polizist aus Neuwied. Die Methoden der Spezialisten sind allerdings oft ähnlich. "Wir wollen im Gespräch erstmal Nähe zu dem Menschen herstellen und Vertrauen aufbauen. Dann glaubt er mir vielleicht auch, wenn ich ihm ein Hilfsangebot mache", erklärt Teuchler. Dafür sei es in den meisten Fällen besonders wichtig, gut zuzuhören und auch in stressigen Momenten Ruhe, Kompetenz und Sicherheit auszustrahlen.
Erfolgsquote der Spezialeinheit nicht öffentlich bekannt
Bei ihren Einsätzen agiert die Verhandlungsgruppe oft zusammen mit einer Einheit des SEK. Die bewaffneten Polizisten schützen die Sprecher - zum Beispiel wenn sie sich einem Täter bis auf wenige Meter nähern müssen - oder greifen ein, falls eine Situation eskaliert.
Wie hoch die Erfolgsquote der Verhandlungsgruppe in Rheinland-Pfalz ist, ist nicht öffentlich bekannt. Klar ist aber, durch ihren Einsatz werden Leben gerettet. Schon alleine deshalb, sagt Polizist Benedikt Teuchler, mache er diesen belastenden Job gerne: "Das Schönste ist einfach, wenn jemand von seinem Vorhaben ablässt und demjenigen anschließend geholfen werden kann."