Wie wichtig diese so genannten Hilfspegel sein können, zeigt sich zum Beispiel am Armuthsbach kurz vor Schuld. Für gewöhnlich ein ruhiger kleiner Bach, der pro Sekunde etwa einen halben Kubikmeter Wasser führt. In der Flutnacht waren es 400-mal so viel: mehr als 200 Kubikmeter pro Sekunde. Auch deswegen stieg die Ahr so schnell so stark an und richtete in Schuld verheerende Zerstörungen an.
Es macht schon Sinn, möglichst die meisten, im besten Fall alle Bäche im Blick zu haben.
Geologe fordert mehr Hilfspegel an den Ahr-Zuflüssen
Herausgefunden hat das der Geograph Thomas Roggenkamp von der Universität Bonn. Er hat viele Nebenflüsse der Ahr untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sie einen großen Anteil am Ausmaß der Flutkatastrophe hatten. "Die 200 Kubikmeter pro Sekunde hätten schon in der Ahr selber für ein schweres Hochwasser gesorgt," sagt Thomas Roggenkamp im SWR-Interview für "Zur Sache Rheinland-Pfalz!". Und hier gehe es nur um einen einzelnen von insgesamt rund 60 Zuflüssen in die Ahr.
"Die Hochwasser der Vergangenheit haben gezeigt, dass die einzelnen Bachsysteme ganz entscheidend sein können, wenn es um die Entstehung von Hochwasser geht," erklärt Roggenkamp. "Deshalb macht es schon Sinn, möglichst die meisten, im besten Fall alle Bäche im Blick zu haben." Je mehr Daten es gibt, desto besser und schneller können sich die Einsatzkräfte ein Bild von der Lage machen.
Wir haben ja wenig Zeit, um Maßnahmen zu ergreifen im Ahrtal.
Hilfspegel könnten Hochwasser an der Ahr früher entdecken
Der Faktor Zeit spiele grundsätzlich bei Hochwassern eine entscheidende Rolle. Je früher die Pegel eine alarmierende Wassermenge anzeigten, desto früher könnte auch die Bevölkerung gewarnt werden, sagt der Wissenschaftler. Die Hilfspegel könnten in so einem System also eine Art Frühwarnfunktion haben. Denn wenn in den Nebenflüssen das Wasser ansteigt, steigt es wenig später zwangsläufig auch in der Ahr an.
"Deswegen ist es wichtig, an den einzelnen Bächen schon einen Pegel zu haben, um das frühzeitig zu erfassen," ist sich Thomas Roggenkamp sicher. "Wir haben ja wenig Zeit, um Maßnahmen zu ergreifen im Ahrtal, um Leute zu evakuieren oder zu warnen."
Dass jetzt teilweise erst vier oder fünf Jahre nach der Flutkatastrophe solche Hilfspegel installiert werden, erscheine ihm "als ein ziemlich langer Zeitraum", so der Geograph. Außerdem werden nach den aktuellen Plänen bei weiten nicht alle Zuläufe mit Hilfspegeln ausgestattet.
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Wir wollen keine Pegel dort, wo sie gar keinen Sinn machen.
Viele Zuflüsse der Ahr sollen keine Hilfspegel bekommen
Nach Angaben der Kreisverwaltung Ahrweiler gab es vor der Flutkatastrophe vor vier Jahren insgesamt vier Hilfspegel an Zuläufen der Ahr. In der Grafschaft gibt es inzwischen zwei neue Pegel. Auch am Ahbach wurde vor zwei Monaten ein neuer Hilfspegel installiert. Zwölf weitere sollen noch dazukommen. Jedoch nur fünf an den Zuläufen der Ahr. Einige wichtige Zuflüsse wie der Liersbach bekommen dagegen keine Pegel.
Landrätin weist Kritik an Hochwasserschutz zurück
Die Kreisverwaltung Ahrweiler weist Kritik an dieser Vorgehensweise zurück. Eine eigens eingerichtete "Arbeitsgruppe Pegel" habe die neuen Standorte akribisch ausgearbeitet und wissenschaftlich überprüft, unter anderen in Zusammenarbeit mit der Universität Koblenz. "Wir wollen keine Pegel dort, wo sie gar keinen Sinn machen", sagt Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) dem SWR.
Weigand sagt, sie könne den Wunsch, dass alles sofort passieren soll, bis zu einem gewissen Maße nachvollziehen. Es sei nicht immer für alle zu hundert Prozent befriedigend: "Aber ich glaube, die Lösungen, die jetzt kommen, sind gut." Außerdem ist es nach Angaben der Kreisverwaltung nicht ausgeschlossen, dass zu den jetzt geplanten neuen Hilfspegeln in Zukunft noch weitere dazu kommen.