In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 ertrinken im Lebenshilfehaus in Sinzig zwölf behinderte Menschen. Erst am Tag nach der Flutkatastrophe erfährt Nicole Falkenstein aus der Nähe von Adenau davon: Sie ist dort selbst seit Jahren ehrenamtlich aktiv. Für Nicole bricht eine Welt zusammen.
Experte sagt "Ja" Zwölf tote Heim-Bewohner bei Ahrflut: War ihre Rettung möglich?
Bei der Ahrflut starben zwölf behinderte Menschen im Lebenshilfehaus Sinzig. Katastrophenschutz-Experte Gerd Gräff kommt vor Ort zu dem Schluss: Ihr Tod wäre vermeidbar gewesen.
Nicole glaubte, funktionieren zu müssen
Sie erinnert sich daran, dass nach der Flut alle um sie herum funktioniert haben. Es gab so viel zu tun. Also versucht auch sie, einfach weiterzumachen. Nicole glaubt, sie könne auch ohne professionelle Hilfe mit dem Erlebten fertig werden. Im September 2021 verlässt sie die Lebenshilfe, für sie soll eine räumliche Trennung Abstand schaffen.
Wendepunkt kam nach zwei Jahren
Im Mai 2023 geht aber nichts mehr. Nicole Falkenstein erlebt einen Komplettausfall: "Ich hab nur noch existiert. Ich lag da, hab an die Decke gestarrt. Ich konnte nicht mehr - nicht arbeiten, nicht weinen, nichts." Das wird für sie der Wendepunkt. Sie beginnt eine Therapie in einer Tagesklinik. "Ich hatte großes Glück. Der Platz wurde gerade frei. Aber viele warten bis heute", sagt Nicole.
Hohe Nachfrage nach Therapieplätzen im Ahrtal
Dass viele Menschen im Ahrtal erst mit Verzögerung psychologische Hilfe suchen, überrascht Expertinnen und Experten nicht. Wenn eine Katastrophe passiert, sei das Gehirn vor allem mit dem Überleben beschäftigt, sagt Katharina Scharping vom Trauma Hilfe Zentrum im Ahrtal.
Gesprächstherapie sei ein wichtiger Baustein der Aufarbeitung, so die Trauma-Therapeutin: "Das hilft uns, weil man - wenn so was passiert - das Erlebte nicht gut im Gedächtnis abspeichern kann. Da hat das Gehirn schlicht zu wenig Zeit und Kapazität, wenn es ums nackte Überleben geht. Und wenn man es erzählt, fängt man an, es zu sortieren". Die Betroffenen könnten so ihre Erlebnisse besser verarbeiten.
Keine konkreten Daten über die Zahl der Betroffenen
Zahlen zur tatsächlichen Anzahl der Menschen im Ahrtal, die psychologisch behandelt wurden, gibt es nicht. Aber laut Kassenärztlicher Vereinigung RLP (KV RLP) zeigen die Daten: In den Monaten nach der Flut sind im Kreis Ahrweiler bestimmte psychische Diagnosen - etwa Angststörungen und Depressionen - überdurchschnittlich häufig gestellt worden. Ob das direkt auf die Flut zurückzuführen ist, sei aber nicht sicher messbar.
Mehr Sitze, aber Versorgung weiter angespannt
Die Landespsychotherapeutenkammer und die KV RLP bezeichnen die Versorgungssituation seit Jahren als "prekär". Auf ihre Initiative hin wurden bis 2025 zwölf zusätzliche Psychotherapie-Sitze im Ahrtal geschaffen - ein Schritt in die richtige Richtung, sagte eine Sprecherin der Landespsychotherapeutenkammer dem SWR.
Aber auch jetzt seien die Wartezeiten noch zu lang. Im Trauma Hilfe Zentrum im Ahrtal können Betroffene aber auch kurzfristig Hilfe bekommen. Laut Katharina Scharping reichen oft schon wenige Gespräche, um erste Entlastungen zu schaffen.
Es gibt schon ein Gefühl von Ungerechtigkeit, wenn niemand dafür Verantwortung übernimmt.
Schuldfrage für viele auch Teil des Traumas
Vor allem die Frage nach der Verantwortung beschäftigt viele Betroffene bis heute. Katharina Scharping weiß, dass es ein großes Bedürfnis gibt, jemanden zur Rechenschaft ziehen zu können. "Das ist natürlich bei so einer Naturkatastrophe gar nicht so einfach. Und es gibt nicht den einen Täter. Aber es gibt schon ein Gefühl von Ungerechtigkeit, wenn niemand dafür Verantwortung übernimmt."
Auch Nicole Falkenstein empfindet das so. Es sei wichtig, dass Verantwortung übernommen werde und man die Geschehnisse aufarbeite, um in Zukunft besser auf ähnliche Notlagen reagieren zu können.
Therapie war der erste Schritt zurück ins Leben
Für Nicole war es ein langer Weg - aber die Therapie hat ihr geholfen. Und auch wenn die Flut immer ein Teil von ihr bleiben wird, fühlt sie sich heute wieder stabiler. Vielleicht sogar, wie sie selbst sagt, ein Stück stärker als vor der Flut. Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sei eine vollkommen normale Reaktion auf ein nicht normales Ereignis: Dafür müsse man sich nicht schämen, so Falkenstein.
Und durch die Therapie kann sie heute sogar an den Ort zurückkehren, wo sich ihr Leben vor vier Jahren für immer verändert hat - in die Ahrwiesen auf dem Gelände der Lebenshilfe Sinzig.