"Das Lesen verbindet uns", sagt Magdalena Stadler über ihren Lesekreis "eat.READ.sleep" in Koblenz. Also ganz nach dem Motto: Wir brauchen das Lesen wie das Essen und das Schlafen.
Auf Instagram tauscht sich die Gruppe regelmäßig aus: Die Mitglieder teilen Rezensionen, diskutieren über Bücher und inspirieren sich gegenseitig, was sich zu lesen lohnt. "Es ist einfach schön, dass man durch ein Hobby, das eigentlich eine Einzeltätigkeit ist, so viele Menschen kennenlernen kann", sagt Magdalena Stadler.
Die Inspiration: NDR-Podcast "eat.READ.sleep"
"Wir haben uns über Instagram-Kommentare gefunden", erinnert sich Magdalena. Und zwar unter einer Fanseite des NDR-Podcast "eat.READ.sleep" in den sozialen Netzwerken. Im Sommer 2023 habe sie sich dann erstmals persönlich zum Lesekreis in Koblenz getroffen. Zuerst waren es drei Leute. Die Gruppe sei dann schnell gewachsen. Heute reservieren sich die Mitglieder den ersten oder zweiten Freitag im Monat für ihre Treffen, bei denen sie immer ein anderes Buch besprechen.
"Es gibt mir ein besseres Gefühl mit jemandem über ein Buch zu reden, der es auch liest", sagt Sandra Abel, die seit über zwei Jahren im Lesekreis mitmacht. Mit acht bis zehn Büchern im Monat ist sie eine Viel-Leserin. Damit wäre sie aber auf jeden Fall nicht der Maßstab, sagt die 39-Jährige bescheiden. Im Buchclub genüge es ein Buch im Monat zu lesen - jeder sei willkommen.
Ohne ihre "Buch-Bubble" wäre sie als Lese-Fan wahrscheinlich gar nicht auf der Social-Media-Plattform Instagram angemeldet, sagt Sandra Abel. So folge sie anderen Lesekreisen, Verlagen und Influencern. Manchmal nutze sie ihr Handy nur, um sich auf WhatsApp oder Instagram über Bücher auszutauschen.
Digitale Community von Koblenz über Köln bis Lübeck
Die Digitale Community des "eat.READ.sleep"-Podcasts ist über ganz Deutschland verteilt. Bisher haben sich über 140 Lesekreise gefunden. Eine Fanseite des Podcasts hat sogar rund 14.000 Follower auf Instagram. Die "eat.READ.sleep"-Lesekreise kommentieren gegenseitig ihre Beiträge, teilen Aktionen oder Ideen aus ganz Deutschland.
Literaturkritikerin: Social-Media belohnt Superlativen
Lesegesellschaften gibt es seit dem 18. Jahrhundert, sagt Nina Wolf. Sie moderiert bei SWR Kultur die Sendung "lesenswert" und kennt die aktuellen Trends. Die digitale Buch-Community funktioniere anders als ein klassischer Buchclub. Das liege an der Plattformlogik von TikTok und Co: Die Algorithmen würden die Superlative belohnen, große Emotionen, Verrisse oder Lobeshymnen. Es gehe aber selten um das Begründen eines Urteils oder um differenzierte Zwischentöne.
Literaturkritik sei aber nicht subjektiv. Es gehe beispielsweise um Sprache, Struktur, Perspektive, Kontext: "Und genau das fehlt im digitalen Raum oft", so Nina Wolf. Der klassische Buchclub setzt - zumindest im besten Fall - auf Argument und analytische Auseinandersetzung und nicht Gefühle.
Social Media macht Lesen zum Lifestyle-Statement
Nina Wolf freut es, dass sich der Koblenzer Buchclub trifft, um intensiv über Bücher zu sprechen. "Im Idealfall macht der Koblenzer Buchclub in der Gruppe das, was das kritische Lesen ausmacht: Nicht bei der Frage stehen bleiben, ob einem etwas gefällt, sondern warum." Ein Buchclub, der das als Maßstab setze, sei wertvoller als tausend Fünf-Sterne-Empfehlungen im Internet.
Intensives Lesen statt Lifestyle
Lesen werde in den Sozialen Medien vor allem als Lifestyle verkauft: Bücher mit ästhetischen Covern, die dekorativ auf dem Couchtisch liegen. Das mache das Buch zu einem Accessoire. Das sorgt dafür, dass gerade die Altersgruppe der unter 30-Jährigen mehr Bücher kauft.
Ob die Bücher aber auch wirklich gelesen und verstanden werden, sei eine andere Frage, sagt Wolf: PISA-Ergebnisse zeigten, dass das immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene Texte so lesen können, dass sie die Informationen verstehen. Das sei ein Widerspruch, sagt Nina Wolf. "Vielleicht steckt da das Potential für Lesekreise und Buchclubs: Den Sprung vom digitalen Konsum zur analogen Auseinandersetzung wagen."
Neue Freundschaften gefunden
Für Magdalena Stadler steht beim Lesen die Entschleunigung im Fokus. Der Buchclub und die Gemeinschaft seien ihr Wohlfühlort. "Ich finde es schön, dass Social Media hier für etwas Positives genutzt wird".
In Koblenz haben sich einige Lesekreis-Mitglieder sogar schon angefreundet, sagt Stadler. "Als Erwachsene ist es schwieriger, neue Freundschaften zu schließen", sagt die 47-Jährige. Doch über den Lesekreis funktioniere das. Und so würden einige zusammen ins Theater gehen, Buchhandlungen besuchen oder sich zu Lieblingsgenres wie Fantasy austauschen.