"Bloß kein Fenster öffnen", sagt Ulrich Eltgen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, beim Betreten des alten Hotel Bellevue im Remagener Ortsteil Rolandseck. Man könne ansonsten die alten Fenster kaputt machen. "Soll es lieber ein wenig müffeln, in dem 170 Jahre alten Gebäude."
Der Kunsthistoriker und Restaurator steht im ehemaligen Speisesaal und deutet auf einen Haufen Geschirr, der auf einem Tisch steht. "Das ist noch original aus dem Hotel, das vor gut 70 Jahren geschlossen hat", sagt Eltgen. Sogar ein Metallstempel ist noch zu sehen, mit dem die Hoteliers ihr Besteck gekennzeichnet haben.
Restaurator macht Bestandsaufnahme des Gebäudes in Rolandseck
Eltgen arbeitet für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und macht gerade eine Bestandsaufnahme des alten Gebäudes. "Aber erstmal mussten hier der Statiker ans Werk." Das Haus sei zwar nicht akut einsturzgefährdet, aber aus den Wänden schauen hin und wieder verrostete, alte Stützbalken heraus. Damit es nicht weiter bergab geht mit dem Bau, werden die ersten Voruntersuchungen jetzt aufgenommen, um das denkmalgeschützte Haus zu retten.
Junge Freiwillige des Fluthilfecamps arbeiten im Bellevue
Unter der Anleitung von Eltgen arbeiten hier derzeit einige Freiwillige des Fluthilfecamps der Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Eine von ihnen ist Meilinn Flüh, die in Hildesheim Restaurierung studiert. Sie kratzt mit einem Skalpell sorgsam alte Farbreste von der Wand - auf einer Fläche von vielleicht drei Quadratzentimetern.
Wieso sie das tut? Das nennt sich "restauratorische Befundsicherung". Sie dient dazu, den Bau zu erfassen und zu dokumentieren. So will Flüh die Farben festhalten und herausfinden, wie das Gebäude mal ausgesehen hat.
Länger hätte man nicht mehr warten dürfen.
An anderer Stelle kommt die Makulatur - also die Untertapete - aus alten Zeitungen zum Vorschein. Im ersten Stock ist sie aus den 1950er Jahren. Und warum ist die Zeitung immer nur seitlich oder auf dem Kopf angekleistert? Das ist ein alter Meistertrick: "Die Azubis mussten sie so anbringen, weil sonst die Gefahr bestand, dass sie während der Arbeit Zeitung lesen."
Überall, im ganzen Haus, gibt es etwas Neues und Erzählenswertes zu entdecken. Und so wurschteln sich die Freiwilligen des Fluthilfecamps peu á peu durch das Haus und lernen es immer besser kennen.
Spuren des Hochwassers 1993 sind bis heute zu sehen
Jahrzehntelang stand das ehemalige Traditionshotel in Rolandseck leer. Anfang des Jahres übernahm die Deutsche Stiftung Denkmalschutz das Gebäude von den Vorbesitzern. "Länger hätte man auch nicht mehr warten dürfen", sagt Restaurator Eltgen.
Denn das Gebäude ist stark mitgenommen. 1993 hatte es ein schlimmes Hochwasser gegeben, dessen Spuren man noch heute im Keller sehen kann. Putz blättert von den Wänden und der Efeu zieht sich über den Anbau des Hotels.
Schmuckstück der Rheinromantik in Remagen-Rolandseck
Früher war das anders. Das Gebäude galt als Schmuckstück der Rheinromantik. Angefangen hat alles im Jahr 1856. Der Besitzer Carl Billau schaltete eine Annonce in der Bonner Zeitung: "Hiermit zeige ich an, dass ich heute, den 13. April 1856, meinen neu erbauten Gasthof eröffnet habe. Mein Bestreben wird dahin gehen, die mich mit ihrem Besuche beehrenden Gäste aufs Billigste und Beste zu bedienen, so wie ich noch extra bemerke, dass ich ein ausgezeichnetes Glas bayerisches Bier zu jederzeit verabreichen werde."
Detektivarbeit mit historischen Fliesen im Hotel Bellevue
Heute finden die Freiwilligen hier und da noch Hinweise auf den alten Glanz. Restaurieren hat etwas von Detektivarbeit, wie sie bei ihrem neuesten Fund im Hotel Bellevue gemerkt haben: Die "Nachwuchsrestauratoren" und Eltgen haben alte Fliesen freigelegt, sie geputzt, auf Papier abgepaust und recherchiert, wo die historischen Ursprünge für die Fliesen liegen.
Im Heimatmuseum Sinzig wurden sie fündig: Die Fliesen kamen aus der Region und deuten auf einen traditionellen Wirtschaftszweig hin. Unter dem Schlagwort "Sinziger Mosaikplatten" findet man diese Tonfliesen nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Villen des 19. Jahrhunderts.
Künftige Nutzung des Gebäudes noch unklar
Die Restauratoren werden laut Eltgen jetzt einen ersten provisorischen Maßnahmenkatalog für das ehemalige Hotel Bellevue erstellen. Wie das Gebäude in der exponierten Lage mit Blick auf den Rolandsbogen und den berühmten Drachenfels langfristig genutzt werden kann, soll sich dann im Verlauf der Restaurierungsarbeiten zeigen.