Anfang des 16. Jahrhunderts war zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther ein fundamentaler, theologischer Streit entbrannt. Beide haben eine Reformation der Kirche vor Augen, dabei jedoch grundlegend verschiedene Ansätze. 1524 verfasst der Humanist Erasmus die Schrift "De libero arbitrio", seine Abhandlung "Über den freien Willen". Die gedruckte Erstausgabe von 1524 liegt im Archiv der Pfarrei Heilig Geist Rechte Rheinseite in Koblenz-Ehrenbreitstein.
Schriftstück war anders katalogisiert
"Das Schriftstück ist seit 1927 beim Bistumsarchiv Trier registriert und bekannt", berichtet Manfred Diehl, ehrenamtlicher Archivar der Pfarrei Heilig Geist, dem SWR. Bislang sei im Verzeichnis vermerkt gewesen, dass es sich um die Erasmus-Schrift handelt. Dieser Vermerk muss jetzt allerdings neu geschrieben werden. Denn bei einer Revision machte Diehl einen Sensationsfund, wie er sagt. Er entdeckte hinter dem Erasmus-Werk noch eine zweite Schrift - und zwar von Martin Luther.
Genauer gesagt dessen Schrift "De servo arbitrio" – "Über den geknechteten Willen", die der Reformator 1525 in Wittenberg als direkte Reaktion auf das Werk des Erasmus von Rotterdam verfasst hatte. Beide Werke seien kirchenhistorisch untrennbar miteinander verbunden, betont Diehl. Für das Ehrenbreitsteiner Buch, das nach Angaben des Pfarrarchivs auf 1526 datiert ist, trifft das im wahrsten Sinne des Wortes zu.
Sollte der Luther-Text versteckt werden?
Laut Thomas Schneider, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Koblenz, handelt es sich bei dem Luther-Text aus Ehrenbreitstein um einen frühen Nachdruck, angefertigt nur wenige Monate nach der Erstausgabe 1525: "Das zeigt, dass Lutherschriften damals Bestseller waren. Man schätzt, dass etwa 1.000 bis 1.500 Bücher pro Ausgabe aufgelegt wurden." Die Tatsache, dass die Werke zusammen gebunden wurden, fasziniert den Religionswissenschaftler.
Denn eigentlich hätte das Ehrenbreitsteiner Kapuzinerkloster Luthers Schrift gar nicht besitzen dürfen. Hier vermutet Schneider den Ursprung des Buches. "Die Bücher Luthers sind 1521 im Zuge der Exkommunikation und der Verhängung der Reichsacht über ihn verboten worden", ordnet Schneider ein. Die Entscheidung habe das Tridentinische Konzil von 1549 nochmals bestätigt: "Man würde heute sagen: Martin Luther war einer der ersten, der auf dem Index stand."
Schneider geht deshalb davon aus, dass die Ehrenbreitsteiner die Luther-Schrift gezielt hinter der Erasmus-Schrift verstecken wollten, um beide trotz des Verbots studieren und miteinander vergleichen zu können. Erasmus habe sich an der Seite des Papstes positioniert, während Luther kein Stück von seiner Rechtfertigungslehre abgekehrt sei: "Es war nicht irgendeine Debatte, sondern die zentrale geisteswissenschaftliche Debatte der Zeit."
Größter Moment in über 40 Jahren Archivarbeit
Vielleicht lässt sich gerade wegen des Luther-Verbots heute nicht mehr nachvollziehen, wer das bedeutende Buch zusammengebunden hat. "Wir waren das Pfarrarchiv von acht Kurfürsten, die hier ihre Residenz hatten. Jemand muss diese Schriften zusammengefasst haben. Und in den Napoleonischen Wirren ist das Schriftstück ins Pfarrarchiv gekommen", vermutet Archivar Manfred Diehl. Sicher ist er sich dagegen, dass er in mehr als 40 Jahren Archivarbeit bislang nichts Vergleichbares erlebt habe.
Diehl findet, das Buch aus der Zeit der Renaissance werfe ein neues Licht auf die Pfarrei in Ehrenbreitstein: "Unsere Priester waren gut informiert und weltoffen. Solch eine Schrift in einem katholischen Archiv ist schon eine Besonderheit und zeigt, dass die Priester früherer Zeiten von der Geisteshaltung über dem standen, was sie vielleicht gepredigt haben."
Finder wünscht sich ein Kirchenmuseum für Koblenz
Das Fundstück aus Ehrenbreitstein soll noch in dieser Woche öffentlich gezeigt werden. Manfred Diehl würde sich wünschen, dass es auf Dauer in ein Museum kommt. Er formuliert daher eine konkrete Bitte an das Bistumsarchiv in Trier: "Sicherlich schlummert noch manche Rarität des katholischen Rheinlandes in den Koblenzer Pfarrarchiven. Es wäre gut, wenn diese Koblenzer ,Zeitzeugen' dauerhaft in Koblenz zu sehen wären."