Jäger Markus Itschert steht an einem kleinen Weiher in seinem Jagdgebiet in Anhausen (Kreis Neuwied) und ärgert sich. Denn eigentlich versucht er dort Stockenten anzusiedeln. Heimische Vögel, die dort brüten sollen. Aber die Nutrias würden seine Bemühungen zunichte machen. "Die graben die ganzen Ufer kaputt" sagt er. Zudem vermutet Itschert, dass die Nagetiere auch an die Eier gehen. Damit würden die Nutrias den Enten das Leben schwer machen. "Die gehören nicht hier her, das ist eine invasive Art."
Für die Bekämpfung der Tiere hat er vom Kreis Neuwied gerade eine Genehmigung erhalten, erzählt er. Auch wenn es dafür quasi schon zu spät sei. Sobald man die Tiere sehe, sei die Population schon fast zu groß, um sie in den Griff zu kriegen. Der Abschuss der Nutrias fällt ihm außerdem nicht leicht: "Die sind ja echt süß", sagt Itschert und ergänzt: "Wenn ich zu lange hinschaue, dann kann ich nicht mehr schießen."
Füttern von Nutrias ist verbreitet, aber verboten
Die Nager haben vielerorts Fans. Im Rauscherpark in Plaidt beispielsweise sind sie zu einer Familienattraktion geworden. Eltern mit Kindern bringen geschnittene Möhren und Gurken mit, um sie zu verfüttern - obwohl das Füttern von Wildtieren verboten ist. Ähnliche Probleme gibt es seit Jahren am Schwanenteich in Koblenz-Oberwerth. "Da krabbeln sie den Leuten am Bein hoch", berichtet der örtliche Jäger Walter Kemp. "Die sind völlig an Menschen gewöhnt."
Nutrias wurden vor Jahrzehnten als Pelztier aus Südamerika nach Europa geholt - mittlerweile sind sie in ganz Deutschland in der Natur zu finden. Der Deutsche Jagdverband spricht von einer Verdopplung des Vorkommens innerhalb von knapp zehn Jahren, was erhebliche Folgen für Hochwasser- und Artenschutz habe. Der Verband fordert daher die Aufnahme der Nutria ins Bundesjagdgesetz sowie ein Bekenntnis der Politik zur Fangjagd.
In manchen Regionen - etwa an der Westerwälder Seenplatte oder an der Wied - sind Nutrias inzwischen flächendeckend vertreten. Die Schäden, die sie verursachen, sind unterschiedlich. Am Rhein etwa, wie bei Kaltenengers, halten sich die Schäden in Grenzen - wohl auch, weil dort keine Dämme oder empfindlichen Uferanlagen vorhanden sind, so die Einschätzung von Walter Kemp. Die Kreisverwaltung Cochem-Zell teilt auf Anfrage mit, dass Nutria am gesamten Mosellauf verbreitet sind. Dort komme es jedoch zu "erheblichen Untergrabungen."
Invasive Arten im Südwesten Problemtier Nutria: Wie verbreitet ist der Nager in RLP und BW?
Nutrias breiten sich in Deutschland immer weiter aus und gefährden damit unter anderem den Hochwasserschutz. Der Deutsche Jagdverband will das Abschießen deshalb vereinfachen.
50.000 Euro Schaden durch Nutrias am Dreifelder Weiher
Wie groß die Schäden sind, die durch Nutrias entstehen können, zeigt ein Fall am Dreifelder Weiher an der Westerwälder Seenplatte. Dort hatten Nutrias die Dämme so stark unterhöhlt, dass eine aufwendige Sanierung nötig wurde. Kosten: 50.000 Euro. Edelstahlgitter wurden verbaut, damit die Tiere künftig nicht mehr in die Dämme graben, erzählt Ines Noll von der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe im Gespräch mit dem SWR. "Würden sich die Tiere hier nicht so wohlfühlen, hätten wir uns das sparen können."
Nutrias nehmen heimischen Arten die Nahrungs- und Lebensgrundlage weg
Sie bestätigt die Beobachtungen von Jäger Markus Itschert, was die Ernährungsgewohnheiten der Nutrias betrifft. Eigentlich gelten Nutrias laut Noll zwar als Vegetarier, aber sie habe Fotos, auf denen zu sehen ist, wie die Nager "sich genüsslich Muscheln knacken". Das sei ein Problem für den heimischen Bitterling. Das ist ein seltener Fisch, der Teichmuscheln braucht, um sich fortzupflanzen. Auch Rohrkolben stehen auf dem Speiseplan der Nutrias. Durch die Dezimierung der Bestände gehe seltenen Vogelarten wichtiger Lebensraum verloren.
Noll spricht sich aufgrund der negativen Auswirkungen der hohen Nutria-Population am Dreifelder Weiher für einen Abschuss der Tiere aus: "Wir müssen diese Maßnahme leider ergreifen - für den Artenschutz." Sie betont, dass das eine Ausnahme sei und sie sich nicht generell für den Abschuss der Tiere einsetze. Der NABU arbeite dabei nach einem Positionspapier, das strenge Regeln für den Abschuss von Tieren vorsieht. Am Dreifelder Weiher sei es leider nicht anders möglich gewesen.
Jagdrecht und Eindämmung
Derzeit dürfen Nutrias in Rheinland-Pfalz nur mit Ausnahmegenehmigung bejagt werden. Eine Aufnahme ins Landesjagdgesetz ist in Planung. Doch selbst eine Bejagung löst das Problem nicht automatisch: "Nutrias reproduzieren sich enorm, und aus Nachbargebieten wandern ständig neue Tiere ein", sagt Ines Noll von der NABU-Stiftung.
Waschbären werden zur Plage in RLP
Eine vollständige Ausrottung hält sie für unrealistisch - bestenfalls eine Eindämmung sei denkbar. "Das ist ähnlich wie beim Waschbären: Da hätte man früher handeln müssen. Jetzt wird man ihn nicht mehr los", so Noll.