Wie weit Anspruch und Wirklichkeit voneinander entfernt liegen, zeigt sich zum Beispiel beim Thema Hochwasserschutz. Denn auf der einen Seite ist viel passiert, die Mitarbeitenden der Stabsstelle Hochwasserschutz des Kreises Ahrweiler sind quasi im Dauereinsatz. Eine Reihe von Maßnahmen ist auch abgeschlossen. Einen echten Schutz vor einer erneuten Flut, wie 2021, gibt es aber nicht.
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Hochwasserschutz im Ahrtal nur teilweise verbessert
Der Kreis ist aktuell vor allem dabei, das Flussbett der Ahr zu verbreitern, damit im Falle einer Flut das Wasser eher in die Breite ausweicht, als nach oben. Entlang der Ahr sind 25 Teilprojekte geplant, erst fünf davon sind abgeschlossen. Das liegt nach Angaben der Stabsstelle Hochwasserschutz vor allem an den Besitzverhältnissen. Mit jedem einzelnen Eigentümer muss verhandelt und diskutiert werden und erst wenn es da eine Einigung gibt, kann losgebaggert werden.
Aber selbst wenn alle 25 Teilprojekte abgeschlossen sind: Eine 2021er Flut wäre damit nicht zu stoppen. Dafür bräuchte es 17 bis 18 riesige Regenrückhaltebecken am Oberlauf der Ahr. Hier ist allerdings noch nicht einmal die Finanzierung geklärt. Landrätin Cornelia Weigand hat sich zuletzt mit einem offenen Brief an Kanzler Friedrich Merz gewandt, um den Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern für solche Maßnahmen zu öffnen. Bislang werden damit nämlich nur regionale Maßnahmen unterstützt.
Immer noch viele Behelfsbrücken an der Ahr
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Brückensituation an der Ahr. Weit über 100 Brücken für Autos, Fahrräder oder Fußgänger wurden bei der Flutkatastrophe entweder zerstört oder beschädigt. Einige davon, zum Beispiel in Altenahr oder in Dernau, wurden inzwischen vollständig repariert oder wiederaufgebaut.
Bei sehr vielen Brücken laufen aber die Arbeiten noch oder haben noch nicht einmal begonnen. Auch, weil die Brücken nicht einfach eins zu eins wiederaufgebaut werden können. Denn auch sie müssen ihren Teil zum Hochwasserschutz beitragen. Das heißt: Deutlich mehr Platz unter der Brücke, wenn es geht, keine Zwischenpfeiler, damit sich nicht so viel Treibgut verfängt. An vielen Stellen stehen nach wie vor Behelfsbrücken.
Positive Signale von Wirtschaft und Tourismus im Ahrtal
Währenddessen ist der Tourismus gerade dabei, sich zu erholen. Mit etwa 900.000 Übernachtungen 2025 liegt die Zahl zwar noch weit unter den etwa 1,4 Millionen von vor der Flut. Aber die Zahl steigt stetig. Auch weil inzwischen 90 Prozent der Hotels und Pensionen wiedereröffnet haben. Was noch fehlt, sind laut dem Ahrtal-Tourismus-Verein die großen Hotels mit vielen Betten, vor allem in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Hier soll es Ende 2027 Wiedereröffnungen geben.
Positive Signale gibt es aus der Wirtschaft. Die Handwerkskammer rechnet vor, dass es an der Ahr inzwischen sogar etwa 200 Handwerksbetriebe mehr gibt als vor der Flutkatastrophe. Das Auftragsvolumen bleibt ungebrochen hoch. Auch die großen Arbeitgeber, wie der Autoteile-Zulieferer ZF oder Apollinaris (inzwischen Teil von Coca-Cola) sprechen von einer stabilen Situation.
Das liegt auch daran, dass sich die Zahl der Krankmeldungen verbessert hat. Nach SWR-Recherchen bei großen Krankenversicherungen gab es nach der Flut überdurchschnittlich viele Krankmeldungen an der Ahr. Inzwischen gibt es demnach praktisch keinen Unterschied mehr zum Rest von Rheinland-Pfalz.
Psychologische Belastung bleibt großes Problem an der Ahr
Lediglich in einem Bereich zeigen die Daten der Krankenkassen Auffälligkeiten: Die Zahl der Krankmeldungen wegen psychologischer Erkrankungen bleibt deutlich über den Landes-Durchschnitt. Das deckt sich auch mit den Infos aus dem Traumahilfe-Zentrum in Ahrweiler. Dort wurden seit der Flutkatastrophe nach eigenen Angaben mehr als 8.000 Menschen behandelt.
Und die Zahlen bleiben hoch, weil viele Menschen sich erst jetzt Hilfe suchen. Teilweise organisieren die Menschen im Ahrtal auch eigene Selbsthilfegruppen. Um gemeinsam ins Gespräch zu kommen, oder um die immer noch lange Wartezeit bis zu einem Behandlungsbeginn zu überbrücken. Viele leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch, dass die juristische Aufarbeitung der Verantwortung in der Flutnacht ins Stocken geraten ist, macht vielen zu schaffen, heißt es vom Traumahilfe-Zentrum.
Fünf Jahre danach Dossier: Leben nach der Flutkatastrophe
Die Flutkatastrophe an der Ahr und in der Region Trier liegt fünf Jahre zurück. Einiges ist repariert oder wiederaufgebaut, aber vieles noch lange nicht geheilt. Das ist der aktuelle Stand.
Sportvereine und Schulen im Ahrtal oft noch im Wiederaufbau
Sehr unterschiedlich ist das Bild bei den Schulen und Sportvereinen im Ahrtal. Gerade Sportplätze lagen in der Vergangenheit häufig sehr dicht an der Ahr und wurden deswegen größtenteils bei der Flutkatastrophe zerstört. Während es in einigen Orten, wie Insul, längst einen neuen Fußballplatz gibt, gibt es nur wenige Kilometer weiter in Hönningen, gerade erst den ersten Spatenstich für den Neubau. Das ist der Stand der Dinge an vielen Stellen im Ahrtal.
Gerade bei den meisten weiterführenden Schulen dauert es noch, bis die Schülerinnen und Schüler aus ihren Containern ziehen können. Das Are-Gymnasium, die Levana-Schule oder die Berufsbildende Schule sind noch viele Jahre von einer Wiedereröffnung entfernt. Besser sieht es allerdings beim Peter-Joerres-Gymnasium in Ahrweiler aus. Weil hier nur das Erdgeschoss zerstört wurde, kann im kommenden Schuljahr wieder alles in den Normalbetrieb gehen, heißt es vom Kreis Ahrweiler.
Steinmeier und Merz bei Gedenkveranstaltungen im Ahrtal
Am Flutjahrestag selbst kommen auch hochrangige Politiker ins Ahrtal. Am Vormittag wird zum Beispiel Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Altenahr die Eröffnung einer Fotoausstellung zur Flutkatastrophe besuchen. Abends wird Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Gedenkveranstaltung in Ahrweiler erwartet. Überall im Ahrtal finden kleine und große Gedenkveranstaltungen anlässlich des fünften Jahrestags der Flutkatastrophe statt.