Wer derzeit durchs Obere Mittelrheintal fährt, wird sich vermutlich keine Sorgen um den Wald dort machen. Die Rheinhänge erstrahlen in frischem Grün. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild. Der Wald ist krank und stirbt teilweise schon ab.
Boppards Forstamtsleiter Axel Henke fährt mit dem Auto hoch zum Aussichtspunkt "Vierseenblick" bei Boppard. Schon auf der Fahrt sind rechts und links der Straße Lücken im Wald zu sehen. Es sind die Kronen von Eichen, die bereits abgestorben sind. Oben angekommen blickt Henke auf den gegenüberliegenden Rheinhang. Dort wird die Situation noch deutlicher: Es sind viele tote Baumkronen oder bereits komplett abgestorbene Bäume zu sehen.
Wald hat wichtige Funktionen im Rheintal
"Seit einigen Jahren beobachten wir nun, dass die Eichen von der Krone an abwärts langsam vertrocknen", erklärt Henke. Neben dem Klimawandel und der damit verbundenen Trockenheit setze auch der Eichenprachtkäfer den Bäumen zu. Eine beunruhigende Entwicklung. Denn sollte der Wald hier verschwinden, hätte das üble Folgen, so Henke.
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"Der Wald hat hier mehrere wichtige Funktionen, er schützt vor Erosion, dient dem Wasserrückhalt und ist auch wichtig fürs Kleinklima im Rheintal", erklärt der Forstamtsleiter. Ohne Bäume erhöhe sich etwa die Gefahr von Hangrutschen. Auch Niederschläge würden ohne Wald schneller ins Tal abfließen, was zu Überschwemmungen führen könnte. Auch für das Kleinklima des Rheintals sei der Wald wichtig, weil er eine kühlende Wirkung habe. Ohne Bäume würde es im Tal noch wärmer.
Falls wir nicht handeln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es hier irgendwann keinen Wald mehr geben wird.
Zudem spielen die Wälder der Rheinhänge auch eine touristische Rolle. Es gibt dort zahlreiche Wanderwege, darunter die Fernwanderwege "Rheinsteig" und "Rheinburgenweg". Bei Boppard gibt es zudem einen beliebten Klettersteig und einen Bikepark. Herabfallende, tote Äste seien auch eine Gefahr für die Touristen, so Henke.
Förster reagieren - Wald muss erhalten bleiben
"Der Wald stirbt und wir müssen etwas tun. Falls wir nicht handeln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es hier irgendwann keinen Wald mehr geben wird", sagt Axel Henke. Ziel der Förster sei es deshalb, die natürlich wachsenden Bäume vor Rehen oder Hirschen zu schützen, damit diese die jungen Bäume nicht fressen. Und auch neue Bäume zu pflanzen.
Zum einen würden einheimische Arten gepflanzt, die ein gutes genetisches Potenzial haben und hoffentlich künftig besser mit Trockenheit zurechtkommen. Es gebe aber auch Experimente mit Baumarten aus dem Mittelmeerraum, etwa Flaum- oder Zerreichen. Die wachsen seit einigen Jahren auf einer Versuchsfläche bei Boppard-Holzfeld.
"Die Baumarten haben sich hier zum Teil sehr gut entwickelt", so Henke. Von den gepflanzten Flaumeichen hätten nur wenige überlebt. Das hänge aber nicht mit der Baumart zusammen, die würde hierher passen. Henke glaubt, dass die Setzlinge einfach von schlechter Qualität waren. Diese neuen Baumarten wollen die Förster künftig vereinzelt auch in den Rheinhängen pflanzen. In einigen Jahren werden diese dann selbst Samen bilden und zur weiteren Verbreitung der Art beitragen.
Universität Frankfurt begleitet Baumarten-Experimente
Das Wachstum der neuen Baumarten auf der Versuchsfläche wird von der Universität Frankfurt wissenschaftlich begleitet. "Die Bäume werden mindestens einmal pro Jahr vermessen und analysiert, auf die Ergebnisse sind wir schon sehr gespannt", so Henke.
Der Forstamtsleiter ist sich sicher, dass diese neuen Arten künftig eine Rolle in den heimischen Wäldern spielen werden - gepaart mit heimischen Baumarten. "Wir müssen unsere Wälder für die nachkommenden Generationen erhalten, wir brauchen sie, um zu überleben", ist Axel Henke überzeugt.