Viele Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten, sind psychisch belastet. Das Leben fernab der Heimat und die Integration in ein neues Land können das verstärken. Viele Geflüchtete wissen nicht, an wen sie sich wenden können und wo sie Hilfe bekommen.
SWR Aktuell hat mit Eyad Rajab, Neurologe am Pfalzklinikum Klingenmünster gesprochen. Rajab hat selbst eine Fluchtgeschichte und informiert auf seiner Muttersprache Arabisch über die psychischen Folgen von Flucht und Behandlungsmöglichkeiten.
SWR Aktuell: Herr Rajab, warum haben Sie sich entschieden Menschen mit Fluchterfahrungen zu helfen?
Eyad Rajab: Ich stamme ursprünglich aus Syrien und bin vor zwölf Jahren nach Deutschland gekommen. Ich habe selbst eine Flucht hinter mir und weiß deshalb, wie sich das anfühlt. Ich kann aus persönlicher und beruflicher Perspektive verstehen, wie belastend diese Erfahrungen sind. Krieg, Gewalt, Verlust von Angehörigen, Armut, Unterdrückung oder Diskriminierung im Heimatland.
Auch die Flucht selbst bringt Gefahren wie Todesangst oder Ausbeutung mit sich. Und dann in Sicherheit angekommen, beginnen neue Herausforderungen: kulturelle Anpassung, langwierige Asylverfahren, drohende Abschiebung oder die Bedingungen in den Flüchtlingsunterkünften.
SWR Aktuell: Wie möchten Sie jetzt konkret Hilfestellungen geben?
Rajab: Ich möchte Arabisch-sprechenden Geflüchteten in ihrer Muttersprache Wege zu Resilienz und psychischer Gesundheit aufzeigen und ihnen konkrete Strategien im Umgang mit Belastungen vermitteln. Ich arbeite in der Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie überwiegend mit älteren Menschen.
Gleichzeitig bekomme ich auch von Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen immer wieder mit, wie stark Geflüchtete psychisch belastet sind. Als dann die Anfrage nach einem Vortrag kam und man gezielt einen arabischsprachigen Fachmann gesucht hat, habe ich mich sofort angesprochen gefühlt.
SWR Aktuell: Was sind typische Belastungen oder Erkrankungen, unter denen Menschen mit Fluchterfahrungen leiden?
Rajab: Häufig sehen wir posttraumatische Belastungsstörungen, die mit Flashbacks verbunden sind - alte Erinnerungen, die plötzlich auftauchen, traumatisierende Erfahrungen aus der Vergangenheit, Albträume, innere Anspannung.
Andere Menschen entwickeln depressive Störungen. Da zeigt sich das eher durch Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, sozialen Rückzug. Auch nicht selten sehen wir Angststörungen, Panikattacken oder Somatisierungsstörungen, also körperliche Beschwerden (statt Schmerzen), die organisch nicht begründbar sind. Das sind die häufigsten psychischen Diagnosen, die wir in dieser Menschengruppe sehen.
SWR Aktuell: Psychische Gesundheit ist ja ein sehr sensibles Thema. Was ist bei der Kommunikation besonders wichtig?
Rajab: Durch meine eigene Erfahrung kann ich auf einer persönlichen Ebene mit den Geflüchteten sprechen. Fachwissen allein reicht nicht aus – man braucht Verständnis und Sensibilität, um die Gefühle und Hintergründe der Betroffenen wirklich nachvollziehen zu können.
SWR Aktuell: Wie wichtig ist die Sprache bzw. die Sprachbarriere für Geflüchtete?
Rajab: Sprache ist der Schlüssel zum Ankommen und für die Integration in einem neuen Land. Auch für die Therapie ist das ganz wichtig. Dolmetscher können zwar helfen, doch sie können nicht immer die Gefühle transportieren. Besonders in der Psychotherapie ist das ein großes Hindernis. Bei seltenen Sprachen ist das Problem noch viel größer, weil es da kaum Dolmetscher oder Ansprechpersonen gibt.
SWR Aktuell: Welche Tipps können Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus geben?
Rajab: Man muss langfristig Deutsch lernen. Nur so bekommt man wirklich Zugang zu Therapie, Arbeit und zur Gesellschaft. Aber ich weiß selbst, wie lange das dauert und wie schwierig das ist. Man ist oft unsicher, muss zum Amt gehen und wird von den eigenen Erfahrungen verfolgt. Aber da auch eine allgemeine Aufforderung: Integration darf nicht überfordernd sein, sondern sollte sensibel begleitet werden.
SWR Aktuell: Wie kann Geflüchteten, die unter psychischen Belastungen leiden, geholfen werden?
Rajab: Es muss mehr präventive Angebote geben, bevor Menschen überhaupt krank werden und im Notfall in eine Klinik müssen. Wichtig wären niedrigschwellige Programme in der Muttersprache. Diese sollten die Resilienz verbessern und Orientierung bieten. Außerdem muss beim Deutschlernen geholfen werden. Nur so könnten Geflüchtete stabil bleiben, ohne in eine akute Krise zu geraten.