SWR Aktuell: Heute vor zwei Jahren war der Angriff der Hamas auf Israel. Wie sieht der Alltag der Menschen vor Ort aus?
Daniela Dorrhauer: Sie machen den ganz normalen Alltag weiter. Heute Morgen bin ich mit dem Auto in die Altstadt reingefahren und konnte nirgends anhalten. Und da ging der Luftalarm los. Die Menschen hier leben in der ständigen Gefahr, von allen Seiten angegriffen zu werden. Im Prinzip sind sie ständig in Lebensgefahr, seitdem Israel von der Hamas angegriffen wurde. Ich lebe bei einem Ehepaar in einem Haus mit verschiedenen Familien und es ist ein total schönes Miteinander. Das Problem ist bloß, es gibt nicht immer einen sicheren Ort. Es gibt dort nicht die Möglichkeit, in einen Bunker zu gehen. Da geht man bei einem Alarm in den ersten Stock.
SWR Aktuell: Wie geht es den Menschen in Israel zurzeit? Wie nehmen Sie sie wahr?
Dorrhauer: Ich sehe ganz viele tolle Menschen, die Kundgebungen machen, und ich bin total dankbar. Ich weiß jetzt auch, warum das so wichtig ist. Es gibt viele Gedenkveranstaltungen, bei denen auch an die Opfer vom 7. Oktober 2023 gedacht wird. Die Menschen hier sind natürlich auch in der Wartestellung. Sie hoffen sehr, dass die Geiseln wieder nach Hause kommen. Ich bin jetzt hier in Jerusalem, es wird viel gebetet, dass die Geiseln freigelassen werden. Gleichzeitig wird aber auch das Laubhüttenfest, Sukkot (etwa vergleichbar mit dem Erntedankfest, Anm. der Redaktion), gefeiert.
SWR Aktuell: Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an den Angriff am 7. Oktober 2023 zurückdenken? Sie waren da ja damals auch in Israel.
Dorrhauer: Die letzten zwei Jahre war immer der Schmerz dabei. Es gibt immer noch Geiseln. Und es sind nicht nur Geiseln, es sind Menschen mit Namen, Menschen, die ein Leben haben, wie Sie und ich. Ich stand damals während des Angriffs auf einem Balkon eines Hotels. Ich wollte eigentlich den Sonnenaufgang filmen. Dann kam der Alarm. Ich hatte das Handy noch zum Filmen in der Hand und plötzlich ging der Raketenbeschuss über meinem Kopf los. Und beim zweiten Alarm war ich dann im Bad. Es gab keinen Bunker. Ich habe vor Angst geschrien. Beim ersten Alarm bin ich erst mal in die Lobby runter und habe ungläubig gefragt: War das jetzt wirklich ein Raketenangriff? Das hört sich jetzt verrückt an, aber in dem Moment zweifelt man erstmal an seinem Verstand. Und dann hieß es, wir haben hier keinen Bunker, ich soll wieder hoch auf mein Zimmer, aber da war eine Glasfront.
SWR Aktuell: Mit welchem Gefühl denken Sie jetzt an die Heimreise?
Dorrhauer: Mit gemischten Gefühlen. Der Grund, warum ich nach Hause gehe, sind mein Mann und meine Kinder, weil ich die ganz arg vermisse. Ich würde erst mal lieber hierbleiben, bis die Geiseln nach Hause kommen. Aber ich bin auch froh, wenn ich nach Deutschland zurückgehen kann. Denn dann kann ich meine Stimme erheben und mich gegen Antisemitismus stark machen kann.
SWR Aktuell: Wie stehen sie zu den Friedensverhandlungen und zu dem Gaza-Friedensplan?
Dorrhauer: Ich warte ab und möchte dazu noch nichts sagen. Ich möchte und hoffe einfach, dass die Geiseln heimkommen.