Umstrittene Aussage von Kanzler Merz

Das sagen Migranten in der Pfalz zur "Stadtbild"-Diskussion

Kanzler Merz steht in der Kritik, nachdem er im Zusammenhang mit Migration von einem "Problem im Stadtbild“ gesprochen und als Lösung auf Abschiebungen verwiesen hat. Was sagen Menschen mit Migrationsgeschichte in der Pfalz dazu?

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Stand

Eyad Rajab aus Syrien, Geflüchteter und Arzt

Eyad Rajab stammt aus Syrien, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, ist Neurologe und lebt seit 14 Jahren in Deutschland. Nach seiner Flucht hat er hier eine Familie gegründet. "Es war kein einfacher Weg", sagt Rajab. "Und nach allem, was ich mir in diesem Land erarbeitet habe, erfahre ich jetzt plötzlich vom Bundeskanzler, dass ich wohl eine Störung im Stadtbild bin". Er gehöre zu Deutschland, dennoch trage er die Wurzeln seiner Kultur in sich.

Arzt hatte höhere Erwartungen an Merz

Der Neurologe sagt, er habe andere Erwartungen an Bundeskanzler Merz: "Von jemandem, der so eine hohe Position besitzt und so viel Macht hat, hätte ich Worte erwartet, die eher den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern und unsere Vielfalt in Deutschland wertschätzen, damit wir nicht die Fehler aus der Vergangenheit wiederholen." Mit solchen Äußerungen werde eine "Wir gegen die"- Kultur begünstigt.

Das "Stadtbild" in Deutschland sei weltoffen und multikulturell. Hinter diesen Werten stehe er auch. "Ich mag vielleicht tatsächlich eine Störung sein für das Stadtbild, wie Herr Merz sagte. Aber ich möchte nicht, dass jemand mein Staatsbild von Deutschland stört, auch nicht der Bundeskanzler."

Hintergrund: Kanzler Merz spricht von "Problem im Stadtbild"

Merz hatte in der vergangenen Woche für Kritik gesorgt, nachdem er im Zusammenhang mit Migration von einem "Problem im Stadtbild" gesprochen und als Lösung auf Abschiebungen verwiesen hatte. Forderungen nach einer Entschuldigung wies er zurück. "Ich habe gar nichts zurückzunehmen", sagte Merz am Montag. "Im Gegenteil: Ich unterstreiche es nochmal", ergänzte er.

CDU-Politiker Sertaç Bilgin unterstützt Merz

"Der Kanzler hat ausgesprochen, was viele Menschen längst denken – auch wenn sich kaum jemand traut, es zu sagen", sagt der türkischstämmige CDU-Politiker Sertaç Bilgin mit Blick auf die "Stadtbild"-Äußerung des Kanzlers. Der Satz sei ein Realitätscheck: Merz benenne, "dass in vielen Städten – von Ludwigshafen bis Berlin – das öffentliche Leben spürbar an Ordnung, Respekt, Sauberkeit und Sicherheit verliert. Wer das skandalös findet, zeigt, wie weit wir uns schon von der Wirklichkeit entfernt haben."

Sertac Bilgin ist trotz der meisten Erststimmen in seinem Wahlkreis nicht in den Bundestag eingezogen.
Sertaç Bilgin ist trotz der meisten Erststimmen in seinem Wahlkreis nicht in den Bundestag eingezogen.

Bilgin war CDU-Kandidat für Bundestagswahl

CDU-Kandidat Unternehmer Bilgin war bei der Bundestagswahl 2025 im Februar als CDU-Kandidat für den Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal angetreten - er hatte die meisten Erststimmen geholt, aber eine Wahlrechtsreform hatte verhindert, dass er mit einem Mandat in den Bundestag einziehen konnte.

"Viele, die wie ich aussehen, erleben dieselbe Unsicherheit – nicht, weil sie Täter sind, sondern weil sie im selben Stadtbild leben. Es geht nicht darum, Gruppen zu stigmatisieren, sondern darum, Verantwortung einzufordern", sagte Bilgin dem SWR. Das betreffe alle. "Die Mehrheit der Menschen mit Migrationsgeschichte wünscht sich genau das: ein sicheres, geordnetes, respektvolles Miteinander."

Modemacherin mit algerischen Wurzeln

Modemacherin Meriem Lebdiri lebt in der Pfalz und findet, dass die "Stadtbild"-Diskussion alte Wunden aufreißt.
Modemacherin Meriem Lebdiri lebt in der Pfalz und findet, dass die "Stadtbild"-Diskussion alte Wunden aufreißt. privat

Meriem Lebdiri hat algerische Wurzeln - lebt aber schon seit sie sechs Jahre alt ist in der Pfalz. Heute ist die Modemacherin 38 - und sehr erfolgreich in ihrem Job. Die Stadtbild-Äußerung des Kanzlers verletzt Meriem Lebdiri.

in einem Post auf Instagram fragt Lebdiri: "Wenn ich dann höre, dass Migration als Problem im Stadtbild bezeichnet wird, frage ich mich: Welches Bild ist gemeint? Und wer darf dazugehören?", und ergänzt: "Und sorry, keiner von uns wollte jemals die Harmonie im Stadtbild stören, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wohin sonst Millionen von 'uns' gehören sollen."

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Lebdiri vermisst Blick auf das Verbindende

"Ich finde es total schade, dass solche Aussagen wieder alte Wunden aufreißen und Menschen pauschalisiert werden, anstatt sie zusammenzubringen", sagte Lebdiri dem SWR. Gerade jetzt bräuchten wir eine Sprache, die verbindet. Und nicht eine, die uns noch mehr trennt, sagt die Modemacherin.

Total schade, dass solche Aussagen wieder alte Wunden aufreißen.

"Wir leben in einem vielfältigen Land, das genau von dieser Vielfalt lebt und den ganzen Perspektiven, die jede und jeder Einzelne von uns mitbringt." Deswegen wünscht sich Meriem Lebdiri, dass "wir den Fokus wieder mehr auf das Gemeinsame legen, auf Lösungen, Zusammenarbeit und Respekt."

Ferhat Ellek, Vorsitzender deutsch-türkischer Fußballverein

Ferhat Ellek ist erster Vorsitzender des deutsch-türkischen Fußballvereins "Vatanspor 1988 Frankenthal".
Ferhat Ellek ist erster Vorsitzender des deutsch-türkischen Fußballvereins "Vatanspor 1988 Frankenthal" privat

Ferhat Ellek ist erster Vorsitzender des deutsch-türkischen Fußballvereins "Vatanspor 1988 Frankenthal". Er ist seit zehn Jahren Vereinsvorsitzender und in Ludwigshafen geboren. Zu dem Stadtbild-Zitat des Kanzlers sagt Ferhat Ellek: "Solche Aussagen haben auch mich oftmals verletzt, weil man kann tun und machen, was man will und man wird trotzdem immer wieder in eine gleiche Schublade reingesteckt."

In der heutigen Zeit so eine Aussage zu treffen, also da spielt man schon ein bisschen mit dem Feuer.

Merz-Aussage: "Spiel mit dem Feuer"

Die Merz-Aussage polarisiere: "In der heutigen Zeit so eine Aussage zu treffen, also da spielt man schon ein bisschen mit dem Feuer." Obwohl Ferhat Ellek selbst einen Migrationshintergrund hat, ist er nicht zufrieden mit der deutschen Migrationspolitik. "Die Migrationspolitik in Deutschland ist schon etwas gescheitert. Ob das der Herr Merz besser hinbekommt? Ich denke, nein."

Auch Ellek sieht durchaus Probleme beim Thema Migration. Aber für ihn hat Merz mit seiner Stadtbild-Diskussion den falschen Ton gesetzt: "Er macht sich mit Sicherheit Sorgen, auch nicht zu Unrecht, das ist einfach so. Aber die Aussage, also wie er es formuliert hat, denke ich, war leider Gottes komplett falsch."

Migrationsbeirätin Dolly El-Ghandour: "Angriff auf Zusammenhalt"

Dolly El-Ghandour, Vorsitzende des Migrationsbeirats Ludwigshafen
Dolly El-Ghandour ist mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen, lebt seit 14 Jahren in Ludwigshafen und ist Vorsitzende des Migrationsbeirats Ludwigshafen. privat

Dolly El-Ghandour ist mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen und lebt seit 14 Jahren in Ludwigshafen. Sie hat libanesiche Wurzeln. Trotzdem ist Deutschland ihr Zuhause und sie "fühle sich deutsch", sagt sie. Die Äußerung des Bundeskanzlers, dass Menschen wie sie nicht zum Stadtbild passen, trifft die 43-Jährige sehr.

"Vielfalt und Zusammenhalt werden angegriffen"

"Manche sagen dann zu mir, du bist damit doch gar nicht gemeint", sagte die Vorsitzende des Migrationsbeirats Ludwigshafen. "Aber warum eigentlich nicht? Wenn über Menschen mit Migrationsgeschichte geredet wird, dann redet man auch über mich." Sie wolle nicht schweigen, sagt El-Ghandour, "wenn unsere Gesellschaft, unsere Vielfalt und unser Zusammenhalt angegriffen werden."

Sie gibt sich kämpferisch: "Ich bin ein Teil dieser Gesellschaft und ich werde sie verteidigen gegen jede Form von Ausgrenzung, egal, von wem sie kommt."

Speyer/Ludwigshafen

Rathauschefin Seiler lädt Kanzler zu Besuch ein Oberbürgermeisterin von Speyer: "Unser Stadtbild ist nicht problematisch"

Die Oberbürgermeisterin von Speyer, Stefanie Seiler (SPD), hat eine Botschaft an Bundeskanzler Merz (CDU) gerichtet: "Unser Stadtbild ist nicht ‘problematisch’." Die SPD-Politikerin hat ihn zum Besuch einer Einbürgerungsfeier eingeladen.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Ludwigshafen

Ergebnisse sollen Situation der Geflüchteten verbessern Hochschule forscht: Wie erleben Geflüchtete das Ankommen in Ludwigshafen?

Studierende der Hochschule Ludwigshafen haben ein Forschungsprojekt gestartet. Sie wollen wissen, welche Erfahrungen Geflüchtete in der Stadt machen. Es gibt erste Ergebnisse.

SWR4 am Freitag SWR4

Ludwigshafen

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