"Du Jude!" ist inzwischen zum Schimpfwort auf Schulhöfen geworden. Eine Erfahrung die inzwischen viele jüdische Schülerinnen und Schüler machen müssen. So berichtet eine Berufsschülerin, die anonym bleiben will, dass sie im Unterricht von einer Mitschülerin gefragt wurde, ob das Gas sie nicht erreicht hätte.
Der Mainzer Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky bestätigt diese Erfahrung. Auch ihn erreichten immer mehr Erzählungen über solche Vorfälle. Und auch Mustafa Cimşit, der Geschäftsführer von Maimonidies, dem gemeinnützigen jüdischen-muslimischen Bildungswerk in Ingelheim, bekommt in seinem Workshops solchen Judenhass mit.
"Jude" ist Schimpfwort auf Schulhöfen
In den anonymen Fragebögen zur Bewertung der Workshops von Maimonides mit Schülerinnen und Schülern stehe immer wieder der Satz "Ich hasse Juden", erzählt Cimşit. Der 54-Jährige ist Religionswissenschaftler, Pädagoge, Seelsorger und Imam. Zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Peter Waldmann hat er Maimonides 2019 gegründet. Ziel der beiden ist es, Hass unter den Religionen zu bekämpfen und vorzubeugen.
"Die Kinder und Jugendlichen beleidigen sich in der Schule und wissen oft gar nicht, was sie da sagen", meint Mustafa Cimşit. Lehrerinnen und Lehrer würden das sehr wohl mitbekommen, wenn in der Klasse ein jüdisches Kind beleidigt wird oder auch Kinder untereinander "Jude" einfach so als Schimpfwort benutzten.
Lehrkräfte wissen nicht, was sie tun sollen
Aber die Lehrkräfte wüssten oft nicht, was sie tun sollten. Da würde Maimonides helfen. Seit 2019 gibt es Maimonides. Juden und Muslime des gemeinnützigen Bildungswerks bieten bundesweit gemeinsam Workshops an Schulen an und wollen religiösen Hass bekämpfen und vorbeugen.
Leider wissen die Lehrerinnen und Lehrer oft nicht, was sie tun sollen und da kommen wir zur Hilfe.
Mustafa Cimşit betont, Lehrer sollten sofort mit dem Kind, das "Jude" als Schimpfwort benutzt hat oder ein jüdisches Kind mobbt, ein Vieraugengespräch führen.
"Nach meiner Erfahrung kommt solche Hetze von Deutschen, Migranten, Muslimen oder Christen, alle Gruppen sind da beteiligt", sagt Cimşit. Lehrerinnen und Lehrer sollten sofort handeln, denn sonst könnten sie ein größeres Problem bekommen, wenn sie schweigen und es ignorieren. Der Hass könne sich ausbreiten.
Lehrerinnen und Lehrer müssen sofort handeln
"Die Lehrer müssen den Kindern vermitteln, dass es eine Beleidigung ist und das keinesfalls geht. Die Kinder müssen sich auf jedenfall bei ihren Opfern entschuldigen", fordert Cimşit. Meistens käme dann so etwas nicht mehr vor. Wenn die Lehrkraft aber merke, dass da Hass und Überzeugung dahinter stecken, müsse gehandelt werden.
Vor allem in den Sozialen Medien würde der Hass gegen Juden gefördert. Die Kinder würden das einfach übernehmen. Am besten sei es, ein paar Wochen nach dem Vorfall mit der Klasse einen Workshop zu machen. "Auf keinen Fall direkt danach, weil die Schülerinnen und Schüler das durchschauen und dann keine Lust auf das Thema haben und nicht offen sind", erklärt der Pädagoge.
"Wir von Maimonides kommen dann in die Schule und zeigen den Kindern, wie groß die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum, Islam und Christentum sind", erklärt Cimşit. "Es reicht nicht, wenn man den Kindern im Geschichtsunterricht den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg erklärt, man muss diese Kinder emotional packen", meint er.
Maimonides setzt auf Gemeinsamkeiten der Religionen
Wenn sie spüren, wie viel Gemeinsamkeiten in den Religionen steckt, würde ein Automatismus einsetzen, erklärt der 53-Jährige: "Unsere Erfahrung ist, dass man über die Gemeinsamkeiten ein freundschaftliches Gefühl füreinander entwickelt und dann nicht mehr beleidigt."
Die Jugendlichen seien auch nicht mehr dafür anfällig, den Hass gegen Juden, der in der Erwachsenenwelt zur Zeit wegen des Nahostkonfliktes transportiert werde, weiter zu tragen. Aber ganz wichtig ist Mustafa Cimşit, so früh wie möglich zu handeln: "Wir müssen versuchen, den Hass so klein wie möglich zu halten, damit er keine Gefahr für die Gesellschaft wird."