Antisemitismus im Klassenzimmer

Workshop in Wittlich: Wie Lehrer mit Judenhass umgehen sollen

Antisemitische Beiträge verbreiten sich rasant über Soziale Medien und landen immer öfter auch in Klassenzimmern. Ein Workshop in Wittlich zeigt, wie groß das Problem geworden ist.

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Von Autor/in Christian Altmayer

Wenn Jugendliche Apps wie Tiktok oder Facebook öffnen, sehen sie immer häufiger Bilder wie diese: Ein Bücherregal, das die Geschichte des Staates Israel darstellen soll. Die Bücher sind aber mit den Worten "Volksmörder" und "Apartheid" beschriftet.

Ein anderer Beitrag zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit einem roten Dreieck über dem Kopf. So werden in Videospielen Feinde markiert, die zum Abschuss freigegeben sind. Das umgedrehte Dreieck ist aber auch ein Symbol der Hamas und es findet sich in der palästinensischen Flagge.

Workshop in der Wittlicher Stadtbibliothek

Franziska Thurau zeigt bei ihrem Workshop in der Stadtbibliothek in Wittlich nur eine Auswahl solcher Posts, die sie über die vergangenen Jahre im Internet gesammelt hat. Die Referentin der Trierer Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung will damit zeigen, dass Antisemitismus spätestens seit den Terroranschlägen vom 7. Oktober 2023 auch in den deutschen Klassenzimmern angekommen ist.

Franziska Thurau von der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung bietet Seminare in der ganzen Region Trier an.
Franziska Thurau von der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung bietet Seminare in der ganzen Region Trier an. Christian Altmayer

Vor allem über Soziale Medien verbreiteten sich Verschwörungstheorien, sagt Thurau: selbst unter Koch-Videos oder auf Videospiel-Plattformen fänden sich antisemitische Parolen. Jugendliche würden häufig dem schlechten Vorbild von Influencern folgen und Narrative übernehmen, um zu einer Gruppe dazuzugehören - zum Beispiel muslimische Freundeskreise, links- oder rechtsextremistische Gruppierungen oder Gaming-Communities.

"Jude" als Schimpfwort auf Schulhöfen

Die Folgen seien auch in der Region Trier spürbar, sagt Thurau. Das Wort "Jude" sei auf Schulhöfen ein Schimpfwort geworden. Im Geschichts- oder Politikunterricht komme es zu hitzigen Debatten über den Nahost-Konflikt - meist geprägt von Halbwissen oder Fake News aufseiten der Schüler.

Bei den Seminaren, die sie in Schulklassen in der Region Trier hält, hat Franziska Thurau auch schon Verschwörungstheorien gehört. Zum Beispiel, dass die Terroranschläge der Hamas ein "Inside Job" gewesen seien, dass also der israelische Staat selbst hinter den Morden stecke.

René Richtscheid (rechts) vom Emil-Frank-Institut hat den Workshop mit Nina Dusartz de Vigneulle vom Kulturamt der Stadt Wittlich organisiert.
René Richtscheid (rechts) vom Emil-Frank-Institut hat den Workshop mit Nina Dusartz de Vigneulle vom Kulturamt der Stadt Wittlich organisiert. Christian Altmayer

"Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich dadurch überfordert, wenn sie mit solchen Aussagen konfrontiert werden", meint die 25-jährige Masterstudentin. Einerseits, weil der Gaza-Krieg ein emotionales Thema ist. Andererseits, weil sie oft nicht die Medienkompetenz mitbringen, um zu durchblicken, was ihre Schüler auf den Sozialen Medien alles zu sehen bekommen.

Schulen hatten nach Seminaren gefragt

Genau da setzen die Seminare an, die das Wittlicher Emil-Frank-Institut mittlerweile anbietet. "Da es Anfragen von einzelnen Schulen aus der ganzen Region gab, haben wir die Workshops mit der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung entwickelt", sagt René Richtscheid, Geschäftsführer des Institutes. Sie richten sich an die Lehrkräfte der weiterführenden Schulen, aber auch an Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.

Gegenrede kann gegen Hetze helfen

Franziska Thurau hat die Teilnehmer über verschiedene echte Posts aus den Sozialen Medien diskutieren lassen: Ist das noch legitime Kritik am Staat Israel oder schon Antisemitismus? Welche Symbole nutzen Antisemiten? Die Übungen sollen Lehrkräften helfen, sicherer beim Argumentieren zu werden.

An dem Seminar in der Wittlicher Stadtbibliothek haben Lehrkräfte und ehrenamtlich engagierte Menschen aus der Region teilgenommen.
An dem Seminar in der Wittlicher Stadtbibliothek haben Lehrkräfte und ehrenamtlich engagierte Menschen aus der Region teilgenommen. Christian Altmayer

Auch die Frage nach dem Umgang mit antisemitischen Posts wird in den Workshops diskutiert. Grundsätzlich empfiehlt die Referentin, Hass und Hetze im Netz entgegenzutreten. Auf manchen Online-Plattformen könne es Sinn ergeben, einen Gegenkommentar zu verfassen oder problematische Inhalte zu melden.

Strafrechtlich relevante Posts sollten nach Ansicht von Thurau dokumentiert und zur Anzeige gebracht werden. So könne langfristig das aufgeheizte Klima verändert werden, in dem die Schüler sich online bewegten.

Lehrer sollen Jugendlichen zuhören

Doch wie sollten Lehrkräfte mit Schülern umgehen, die solche Inhalte teilen? Franziska Thurau rät, den Lehrkräften, Jugendlichen erstmal zuzuhören und dann erst gegen die antisemitischen Positionen zu argumentieren - sachlich, mit Fakten und nicht mit erhobenem Zeigefinger.

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Auch sollten sie den Nahost-Konflikt in den Lehrplan einbinden - im Geschichts-, Politik und Deutschunterricht. Wenn ein Vorwissen bei den Schülern da ist, könnten sich falsche Narrative schwerer festsetzen. Sie habe in den Klassenräumen aber auch die Erfahrung gemacht, dass man bei einem gefestigten antisemitischen Weltbild kaum noch mit Argumenten durchdringe. Wichtig sei es daher, früh anzusetzen.

Die Workshops sollen daher erst der Anfang sein. Das Emil-Frank-Institut hat vor, Fachkonferenzen für Lehrkräfte zu organisieren. "Und es kann auch sinnvoll sein, einzelne Schulklassen zu besuchen und dort über die Thematik diskutieren", meint Geschäftsführer René Richtscheid. Das nächste Seminar ist in Schweich geplant. Auch weitere Termine in der Eifel und im Hunsrück könnten folgen. "Der Bedarf ist auf jeden Fall da", sagt Richtscheid.

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Autor/in
Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier

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