Eva ist 19 Jahre alt. Eva ist nicht ihr richtiger Name. Wir dürfen auch nicht sagen, wo sie in Rheinland-Pfalz lebt und zur Schule geht. Eva möchte nämlich verhindern, dass sie erkannt wird und herauskommt, dass sie Jüdin ist. "Ich habe Angst, dass dann was Schlimmes passiert", sagt die 19-Jährige.
Meine Sitznachbarin hat mir zugeflüstert: 'Hat das Gas dich nicht erreicht?'
Am Anfang der Oberstufe hat sie beschlossen, ihren Glauben zu verheimlichen. Im Ethik-Unterricht ging es um Religionen. Sie sagte der Klasse ganz offen, dass sie Jüdin ist und erzählte von ihrem Glauben. Und dann passierte es: "Das Mädchen neben mir hat mich gefragt, wurdet ihr nicht alle vergast, hat das Gas dich nicht erreicht", erzählt Eva.
Lehrerinnen und Lehrer ignorieren Hasskommentare
Die 19-Jährige war geschockt und merkte, dass die muslimischen Schülerinnen und Schüler sie feindselig anstarrten. "Die Lehrerin hat nichts gemerkt, denn meine Sitznachbarin hatte mir das zugeflüstert", sagt Eva.
Sie hat dann auf ein anderes Gymnasium gewechselt und macht dort im Moment ihr Abitur. "Ich habe dort von Anfang an verheimlicht, dass ich Jüdin bin, keiner darf das erfahren", sagt Eva. "Die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler sind Muslime und von denen geht der Judenhass aus", erzählt sie.
Ich glaube, Muslime übernehmen einfach nur den Judenhass ihrer Eltern.
Auf dem Schulhof würden die muslimischen Schülerinnen und Schüler ganz offen sagen, dass alle Juden abgestochen werden sollten. "Die Lehrer ignorieren solche Kommentare, die verharmlosen das", berichtet die 19-Jährige. Alle ihre jüdischen Freunde hätten solche Erfahrungen gemacht. "Deshalb reden wir in der Öffentlichkeit niemals vom Judentum, sondern benutzen Codewörter", erklärt Eva.
Eva glaubt, dass Muslime zu wenig über den Holocaust und das Judentum wissen und daher den Hass ihrer Eltern auf Juden einfach übernehmen. "Wenn ich ihnen zeige, wie ähnlich das Judentum und der Islam sind, dann fragen sie sich auch, warum hassen wir uns eigentlich."
Über Gemeinsamkeiten Antisemitismus bekämpfen
Auf die Gemeinsamkeiten der Religionen setzt auch Maimonides, ein jüdisch-muslimisches Bildungswerk aus Ingelheim. Mustafa Cimşit und sein Team geben bundesweit Workshops an Schulen, in denen sie darüber aufklären, wie ähnlich sich Christentum, Judentum und der Islam sind. "Denn wer so viel gemeinsam hat, der kann sich nicht hassen", sagt der 53-Jährige Religionswissenschaftler und Seelsorger.
Gemeinsamkeiten statt Hass Maimonides aus Ingelheim kämpft gegen Antisemitismus an Schulen
Vor 81 Jahren, am 8. Mai 1945, ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Was vielen Sorgen bereitet: Der Hass auf Juden ist in unseren Schulen und wird offen gezeigt. Dagegen kämpft Maimonides, ein gemeinnnütziges jüdisch-muslimisches Bildungswerk, aus Ingelheim.
Er glaubt, dass der Antisemitismus nicht nur von Muslimen ausgeht. "Antisemitismus gibt es überall", sagt Cimşit. Ganz wichtig sei es aber, dass Lehrerinnen und Lehrer sofort darauf reagieren. "Unterbinden sie die Hetze nicht sofort, wird der Hass größer und unsere ganze Gesellschaft hat ein Problem", warnt Cimşit.
Lehrkräfte brauchen Hilfe und Unterstützung
Die Landauer Pädagoginnen Miriam Leuchter und Anne Deckwerth fordern, Lehrkräfte im Umgang mit judenfeindlichen Verhalten von Schülerinnen und Schülern zu schulen. Miriam Leuchter bildet Grundschullehrer aus. "Die Lehrer sind hilflos, wenn die Kinder judenfeindliche Schimpfwörter benutzen", berichtet sie. Die Anfeindungen gegen Juden kämen aus allen Richtungen, nicht nur von Muslimen.
Anne Deckwerth gibt Fortbildungen für Lehrkräfte. Sie sagt, viele Lehrkräfte seien verunsichert: So komme auch immer wieder die Frage: "Ist das überhaupt antisemitisch. Also beispielsweise, wenn ein Kind ein anderes nicht jüdisches Kind mit 'Du Jude' beschimpft."
"Lehrkräfte fühlen sich alleingelassen" Landauer Wissenschaftlerinnen warnen vor Antisemitismus schon an Grundschulen
Antisemitismus gehört schon in Grundschulen zum Alltag, sagen zwei Wissenschaftlerinnen aus Landau. Sie beschreiben, wie sich Antisemitismus dort zeigt und sie fordern Konsequenzen.
Beide Wissenschaftlerinnen kritisieren, dass Fortbildungen zum Thema Antisemitismus in RLP nicht vorgeschrieben seien. "Wir müssen da so früh wie möglich in die Präventionsarbeit gehen. Weil antisemitische Einstellungen und Haltungen entwickeln sich ja nicht erst mit 18 oder wenn ein Kind in die 5. Klasse kommt", sagt Anne Deckwerth.
"Schule ohne Rassismus" reicht nicht aus
Auch Claudia Schnurpfeil findet, dass Lehrkräfte mehr Unterstützung im Umgang mit Rassismus im Klassenzimmer brauchen. "Da muss sehr viel mehr an Fortbildung passieren", sagt die Geschichts- und Englischlehrerin vom Rittersberg-Gymnasium in Kaiserslautern.
Die Schule gehört zum Netzwerk "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Die Idee hinter diesem Label: Sich als Schule aktiv gegen Diskriminierung einzusetzen. Immer wieder gibt es deshalb Workshops.
Das Label sei aber kein Selbstläufer, meint die Lehrerin. "Das kann man sich als Schule vornehmen, aber das führt nicht zwangsläufig dazu, dass das auch in der Praxis funktioniert." Auch wenn offener Extremismus nicht den Schulalltag präge, beobachtet sie etwas anderes: "Es ist eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang miteinander und auch im Umgang mit der Sprache."
Ein Grund dafür liegt für Schnurpfeil klar auf der Hand: soziale Medien und der gesellschaftliche Ton insgesamt. Besonders Plattformen wie TikTok würden dabei eine große Rolle spielen. Dort würden etwa Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Zusammenhang gerissen und in kurzen Clips als scheinbar "coole" Inhalte präsentiert. "Die Schüler machen keine Trennung mehr", sagt sie, und schildert, wie historische Gewalt plötzlich nur noch als Unterhaltung wahrgenommen werde.
YouTube hetzt Jugendliche gegen Juden auf
Diese Gefahr sehen auch Wissenschaftler der Universität Trier. Politikwissenschaftler Marc Seul und sein Team arbeiten am neuen Forschungsprogramm DAYVid (Decoding Antisemitism in YouTube Videos).
Erstes Projekt dieser Art Digitaler Antisemitismus: Trierer Forscher sind Judenhass im Netz auf der Spur
Immer mehr antisemitische Inhalte finden mittlerweile auch auf YouTube statt. Forscher der Universität Trier wollen dort künftig Inhalte aufstöbern und analysieren.
Sie spüren Antisemitismus auf der Videoplattform YouTube auf. Der Wissenschaftler sagt, dass Antisemitismus im Netz immer offener propagiert werde. YouTube sei für Jugendliche zur wichtigen Informationsquelle geworden. Auf YouTube gäben sich auch problematische Kanäle einen seriösen, professionellen Anstrich. "Lehrer sind oft überfordert mit YouTube, wir sagen ihnen, wie sie damit umgehen sollten", so Marc Seul.
Antisemitismus darf nicht verharmlost werden
Auch Eva sagt, dass ihre Freundinnen und Freunde meistens auf YouTube oder Instagram unterwegs sind. "Da bekommen sie nur Hass auf Juden mit, Nachrichten interessiert die gar nicht mehr", erzählt die 19-Jährige.
"Die Lehrer müssen unbedingt etwas gegen den Judenhass tun", sagt sie. "Denn wenn sie das weiter verharmlosen und nicht gleich reagieren, wird das nur schlimmer."