Der biblische Kampf zwischen dem schmächtigen David und dem scheinbar übermächtigen Goliath drängt sich als Vergleich auf: Marc Seul sitzt in seinem kleinen Büro im Gebäude der Universität Trier und hat es mit einem der mächtigsten Influencer der Welt zu tun.
Gerade untersucht er den YouTube Kanal von Hasan Abi. Der amerikanische Webvideoproduzent hat 1,8 Millionen Abonennten, gilt als eine der einflussreichsten Kommentatoren des linken Spektrums in den USA. Einige seiner Kommentare wurden bereits als antizionistisch und auch antisemitisch kritisiert.
Antisemitismus von links
Marc Seul ist Politikwissenschaftler und arbeitet für das neue Forschungsprogramm DAYVid (Decoding Antisemitism in YouTube Videos). Zusammen mit seinem Team spürt er Antisemitismus von linken Gruppierungen und Influencern auf der Videoplattform Youtube auf. HasanAbi ist einer von rund 50 Kanälen aus dem linken Spektrum, die die Forscher in den kommenden Monaten ins Visier nehmen.
Die Beratungsstellen für jüdische Personen werden immer stärker nachgefragt. Ein schlimmes Signal.
Antisemitismus im Netz habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen und werde immer offener propagiert. Viele Jüdinnen und Juden hielten sich kaum noch in sozialen Netzwerken auf. "Die Beratungsstellen für jüdische Personen werden immer stärker nachgefragt. Das ist ein schlimmes Signal", bedauert Seul.
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Der Antisemitismus-Skandal auf der documenta zeigt einmal mehr: es gibt Judenhass auch im politisch linken Milieu. Dieser Antisemitismus wurde bisher kaum beachtet oder aufgearbeitet.
Trierer Forschungsprojekt schließt Lücke
Auch auf der Videoplattform YouTube begegne man immer mehr antisemitischen Inhalten, beobachtet Seul. Im Gegensatz zu TikTok und X hat sich die digitale Antisemitismusforschung nur wenig mit der Videoplattform beschäftigt. Eine Lücke, die das Forschungsprojekt seit März schließt.
Neben den Forscher der Universität Trier sind auch das Weizenbaum Institut und das Tikvah Institut aus Berlin beteiligt. Sie konzentrieren sich unter anderem auf rechte und islamistische Influcencer und YouTube-Kanäle.
Junge Leute nutzen Youtube als Wissensplattform
Youtube ist für Jugendliche und junge Erwachsene zur wichtigen Informationsquelle geworden. "Laut Studien sind 95 Prozent aller 14 bis 29-jährigen regelmäßig auf Youtube", berichtet Seul. Viele gehen auf die Plattform, wollen sich informieren und schauten dann, was ihnen so begegnet. Oft sei es gar nicht so einfach, seriöse Angebote von unseriösen zu unterscheiden. Auf Youtube gäben sich auch problematische Kanäle einen seriösen, professionellen Anstrich.
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Erste Analysen der Forscher würden zeigen, dass es sehr viele problematische Inhalte gebe. "Man begegnet sehr vielen verkürzten und einseitigen Darstellungen und oft einer Verharmlosung von Antisemitismus", so die ernüchternde Zwischenbilanz des Politikwissenschaftlers Seul. Wenn man das immer wieder sieht, suggeriert das den jungen Nutzern, dass das die allgemeine Haltung sei.
Linker Influencer erfolgreichster Twitch-Produzent der Welt
Zurück zu HasanAbi. Einer der erfolgreichsten Twitch-Produzenten der Welt, der auch auf Youtube Millionen Nutzer erreicht. Hasan Piker, wie er im bürgerlichen Leben heißt, sei repräsentativ für das linke amerikanische Spektrum. "Er zeichnet sich dadurch aus, dass er ein Vordenker für linke Deutung des Nahostkonflikts ist. Dabei fällt auf, dass er den Konflikt sehr israelfeindlich deute und Israel die Schuld an allem gibt."
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Selbst den 7. Oktober 2023 habe HasanAbi als Befreiungsschlag verteidigt und damit auch den Mord an mehr als 1200 israelischen Zivilisten, hat Seul festgestellt. Ebenfalls auffällig ist, dass Antisemitimus nach der Lesart von HasanAbi nur ein Problem der Rechten sei. Rechte seien wirklich judenfeinlich. Die anderen seien nur isrealkritisch, hätten etwas gegen den Zionismus. So werde die eigene Position von Kritik abgeschottet, so der Antisemitismus-Forscher.
Lehrerinnen und Lehrer überfordert
"Lehrerinnen und Lehrer kommen auf uns zu und berichten von Problemen und Überforderung." Sie würden im Unterricht mit so vielen Sachen konfrontiert, die ihre Schülerinnen und Schüler irgendwo im Netz bei Youtube aufsammeln. Oft wüssten sie gar nicht, wie man damit umgehen solle und wo es herkomme.
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Forschungsprojekt will auch Influencer erreichen
Das auf drei Jahre angelegte Projekt der Universität Trier soll Grundlagenforschung betreiben. Am Ende sollen auch Lehrkräfte fit gemacht werden im Umfang mit antisemitischen Inhalten auf Youtube. Die Forschenden wollen zudem Influencer und Influencerinnen erreichen. Und sie coachen, wie ausgewogene Inhalte verbreitet werden können.