Präventionsprogramm an Schulen

Erst im Eiscafé, dann im Sarg: Wie "Crash-Kurs RLP" Fahranfänger schützen will

"Die Fahrerin hatte das Lenkrad tief in den Bauch gerammt": Harter Tobak, der rund 100 Schülern in Alzey im "Crash-Kurs" zugemutet wird. Mit voller Absicht.

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Von Autor/in Andrea Lohmann, Leo Colic

Es ist Michael Ehresmann, der den Schülerinnen oder Schülern der Oberstufe am Gymnasium am Römerkastell diese Horrorgeschichte im "Crash-Kurs RLP" auftischt. Ehresmann erzählt von furchtbaren Unfällen aus seinem Arbeitsalltag als Feuerwehrmann. Unfälle, die von jungen Autofahrern und -fahrerinnen verursacht wurden. Unfälle, bei denen junge Menschen ihr Leben verlieren oder im Rollstuhl landen. Ehresmann war viele Jahre auf den Löschzügen der Feuerwehr Mainz unterwegs zu solchen Unfällen.

Am Römerkastell berichtet er von einem Unfall kurz nach der Corona-Zeit. Er wurde in seiner Freizeit angefunkt - zugleich wurden fünf Notärzte angefordert. Fünf Notärzte - das sind alle, die im Landkreis Mainz-Bingen verfügbar sind.

Fahranfänger sind besonders gefährdet

Schüler hören bei der Veranstaltung "Crash-Kurs RLP" den Berichten über tödliche Unfälle zu.
Schüler und Schülerinnen beim "Crash-Kurs RLP" - die Schilderungen der grausamen Unfälle berühren die jungen Menschen

Die jungen Menschen im Saal sind um die 18 Jahre alt. Sie machen gerade die ersten Fahrstunden oder haben vielleicht den Führerschein seit kurzem im Rucksack. Genau deshalb ist der "Crash-Kurs" hier an ihrer Schule. Es geht darum, Fahranfänger letztlich vor sich selbst zu schützen: Vor Selbstüberschätzung, vor Leichtsinn, vor mangelnder Erfahrung, am Ende vor einer Zehntelsekunde, die sie das Leben kosten kann.

In der Schulhalle ist es mucksmäuschenstill. Kein Rascheln, kein Husten, kein Gähnen. Wer den Blick durch die Stuhlreihen schweifen lässt, sieht den Schülerinnen und Schülern an, dass sie angespannt und angefasst sind. Manche sitzen verkrampft auf den Stühlen, andere sind im Gesicht wie eingefroren, als Feuerwehrmann Ehresmann weitere Details erzählt:

Bei dem Aufprall hat das Glücksspiel begonnen, wie eine Lotterie.

"Das Fahrzeug war in zwei Metern Höhe mit der Beifahrerseite voraus in den Baum eingeschlagen. Und es gab noch ein Problem: Das Cabrio war für vier Leute zugelassen, aber sie waren zu fünft im Auto." Und deshalb konnten sich die drei Menschen auf der Rückbank nicht anschnallen. "Bei dem Aufprall hat das Glücksspiel begonnen, wie eine Lotterie. Alle drei wurden rausgeschleudert." Die Lotterie - wer überlebt, wer stirbt?

Ehresmann erzählt weiter: Die 17-Jährige hinten links - sofort tot. Der 18-Jährige hinten rechts: seit dem Unfall querschnittsgelähmt. Und der 18-Jährige, der in der Mitte gesessen hatte, der hatte Glück. Er kam mit Knochenbrüchen davon.

Risikogruppe Fahranfänger: Wenig Erfahrung und Selbstüberschätzung

"Crash-Kurs RLP" ist ein Präventionsprogramm der Polizei in Rheinland-Pfalz - konzipiert nach einem Vorläufer in Nordrhein-Westfalen. Auch andere Bundesländer bieten das Programm an, Hessen und Brandenburg zum Beispiel. Es richtet sich an junge Fahrerinnen und Fahrer. "Sie sind überproportional an schweren Unfällen beteiligt, sie überschätzen sich, sie haben nicht viel Erfahrung", erklärt Anika Grabe, Leiterin der Abteilung Präventionsarbeit beim Polizeipräsidium Mainz. Kurzum: Junge Autofahrende sind eine Risikogruppe.

Das Programm trägt den Zusatz: "Realität erfahren. Echt hart." Es geht um Realitäten wie den Unfall, den Ehresmann beschreibt: Die junge Fahrerin kam mit Freunden vom Eisessen. Sie kannte die Strecke nicht, die sie wegen einer Umleitung fahren musste. Sie raste nicht, aber sie fuhr zu schnell in die Kurve. Es saß ein Mensch zu viel im Auto. Und drei Menschen waren nicht angeschnallt.

Dazwischen war ganz viel Körpermasse eingeklemmt.

Die harte Realität kennt kein Pardon: "Die Beifahrertür war da, wo die Handbremse ist. Irgendwo dazwischen war ganz viel Körpermasse, die eingeklemmt war." Das Ende der Geschichte: Zwei Tote, ein Querschnittsgelähmter. Grabe berichtet, dass immer wieder Schüler oder Schülerinnen bei solchen Schilderungen umkippen oder den Saal verlassen. Sie sagt: "Das sind die ganz normalen menschlichen Reaktionen auf diese furchtbaren Schilderungen."

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Muss es für Fahranfänger die ganz harte Realität sein?

Es stellt sich die Frage, ob die Prävention nicht auch auf eine sanftere Tour funktioniert. "Wir müssen die jungen Menschen über Emotionen erreichen. Es braucht eine gute Vor- und Nachbereitung. Eine reine Infoveranstaltung von zwei Stunden mit Appellen brauchen wir erst gar nicht machen", so die Erfahrung von Grabe. Es gehe ihrem Präventionsteam um eine nachhaltige Wirkung, die zu einem veränderten Verhalten führt. Dauerhaft.

Grabe betont, dass es nicht darum gehe, die jungen Menschen zu schockieren. Vielmehr gehe es darum zu zeigen, an welche Grenzen die Unfall-Helfer durch diese Unglücke kommen. Und es müsse klar werden: Da stirbt ein Mensch. Und sehr, sehr viele Menschen sind von diesem Tod betroffen.

Wenn das Blut eines Verletzten in den Handschuh des Feuerwehrmanns läuft

"Da kämpfen Leute mit schwerem Gerät, sie arbeiten ganz fein, während ihnen das Blut der Schwerverletzten in die Handschuhe reinläuft", so Ehresmann. "Das macht was mit uns: Wir hatten Einsatzkräfte, die nachts aufgeschreckt sind und vollkommen unorthodoxe Dinge getan haben, weil sich diese Bilder halt einbrennen."

Der Feuerwehrmann zitiert eine Statistik: Die besagt, dass bei einem tödlichen Verkehrsunfall 110 bis 112 Leute indirekt oder direkt betroffen sind. "Bei diesem Einsatz wären es ungefähr 398 Leute gewesen."

Feuerwehrmann Michael Ehresmann berichtet Schülern detailliert von einem tödlichen Verkehrsunfall mit jungen Menschen.
Michael Ehresmann, Einsatzleiter bei der Feuerwehrmann Mainz, davor ist er viele Jahre auf den Löschfahrzeugen mitgefahren.

Die ungeschminkten Berichte bleiben bei Schülern im Gedächtnis

Betroffen reagieren auch die Schülerinnen und Schüler beim Crash-Kurs in Alzey. Zara sagt: "In den Nachrichten liest man ja auch von Verkehrsunfällen, aber das vergisst man wieder. Die drastische Darstellung war auf jeden Fall notwendig."

Sie wolle künftig zweimal nachdenken, wenn es auch nur wenige Km/h auf dem Tacho zu viel sind. Das sieht Mitschüler David ganz genau so: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so hart wird, aber ich fand es gut. Es wird auf jeden Fall Auswirkungen auf mein Fahrverhalten haben."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Andrea Lohmann
Andrea Lohmann, Online-Redakteurin bei SWR Rheinland-Pfalz Aktuell
Leo Colic

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