Nadiia Skopych war vier Jahre alt und sie spielte gerade im Freien in ihrem Heimatort Illintsi als ihr Vater auf einmal auf sie zu kam. "Komm jetzt sofort rein", sagte er, so ihre Erinnerung. Sie habe sich noch gewundert, warum. Schließlich war es doch hell draußen.
Kurz zuvor hatte Skopychs Vater allerdings beobachtet, wie sich mehrere Mitglieder seines landwirtschaftlichen Betriebs übergeben mussten. "Eine wirklich seltsame rote Flüssigkeit. Von diesem Moment an war ihm klar, dass etwas nicht stimmte."
Was ist 1986 in Tschernobyl passiert?
1986 explodiert ein Reaktor im Atomkraftwerk Tschernobyl. Die radioaktive Wolke zieht über ganz Europa. Der kurze Erklärfilm zeigt den Atomunfall und seine Folgen.
Skopychs Familie konnte nie in neues Haus einziehen
Nadiia Skopych hat viele Fotos aus ihrer alten Heimat, etwa 20 Kilometer entfernt vom ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl, zum Treffen im SWR-Funkhaus in Mainz mitgebracht. Außerdem ihre Tochter Dzhennet und zum Übersetzen Dmytro Sysoiev. Er ist Mitglied des Ukrainischen Vereins Mainz, der den Kontakt zu Skopych hergestellt hat.
Seit mehr als vier Jahren lebt die 44-Jährige mittlerweile mit ihren beiden Töchtern in Mainz, nachdem sie wegen der russischen Vollinvasion die Ukraine verlassen musste. Sie spricht zwar Deutsch, will aber über ihre Erinnerung an die Tschernobyl-Katastrophe lieber in ihrer Muttersprache sprechen.
Ein Foto, das ihr besonders viel bedeutet, zeigt sie mit ihren Eltern vor einem weißen Haus. Ihr Vater habe es selbst gebaut, erzählt sie. Eigentlich war es auch schon fast fertig. Doch dann explodierte im Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor und Skopychs Familie konnte nie in das neue Haus einziehen.
Ausmaß der Katastrophe war ihr lange nicht klar
Ihr Vater habe nur gesagt, dass im Kernkraftwerk "etwas Schreckliches" passiert sei. Das ganze Ausmaß der Katastrophe sei Skopych erst in den nächsten Jahren klar geworden. Acht Tage nach der Explosion verließ die 4-jährige Nadiia Skopych mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester dann ihren Heimatort Illintsi. "Aber ihr Vater musste weitere 99 Tage vor Ort bleiben, um zu helfen", übersetzt Sysoiev die Erinnerungen von Nadiia Skopych. Ihr Vater Yakiv Skopych musste demnach beim Löschen helfen und die Bewohner aus dem Gebiet zu bringen. Später sei ihr Vater für seinen Einsatz mit mehreren Ehrenzeichen ausgezeichnet worden.
Während der Evakuierung aus ihrer Heimatregion seien Skopych und ihre Familie dann mehrmals von Menschen in Militäruniform mit Geiger-Zählern auf radioaktive Strahlung kontrolliert worden. "Bei mir zeigte er plötzlich enorme Werte bei den Schuhen an", so Skopych. "Der Militär schrie sofort: Dem Kind die Schuhe wegnehmen und sofort wegwerfen. Das hat sich in mein Gedächtnis gebrannt." Deshalb sei ihr wichtig, darüber aufzuklären und zu informieren, wie viel radioaktiver Strahlung sie und auch andere Kinder und Menschen in dieser Zeit ohne Wissen ausgesetzt waren.
In der Folge musste ihre Familie nach der Katastrophe mehrmals umziehen, erzählt Skopych. Sie wohnten in Kiew, Odessa und in einem Vorort von Lwiw – alles innerhalb eines Jahres. Erst nach einem knappen Jahr fand die Familie in einem Ort in der Nähe von Kiew ein neues Haus, in dem Nadiia Skopych dann aufwuchs. Der Schmerz, die eigene Heimat verloren zu haben, begleite die Familie aber bis heute. "Es ist so, wie wenn ein Riesenbaum mit all seinen Wurzeln - unser Familienbaum - mit der Katastrophe herausgerissen wurde."
Familie leidet unter gesundheitlichen Folgen
Ein paar Jahre später hätten dann zudem bei ihrem Vater und bei vielen anderen Bekannten und Verwandten die gesundheitlichen Probleme begonnen. "Viele Ukrainer, die dort lebten, leiden noch immer an verschiedenen Schilddrüsen- und Gefäßerkrankungen, Tumorarten und Krebs. Viele sind bereits an den Krankheiten gestorben und viele sind nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl behindert."
Erst vor Kurzem habe Skopych erfahren, dass ein Verwandter mit etwas über 40 Jahren an Krebs gestorben war. Ihr Vater sei wegen eines Hörverlusts schon zweimal am Kopf operiert worden. Sie selbst hätte sich auch bereits einer Operation unterziehen müssen. "Während der Operation sagten sie mir: Wäre die Operation ein oder zwei Wochen später durchgeführt worden, wäre es ein Tumor gewesen."
40 Jahre Reaktorkatastrophe Tschernobyl – Die Folgen für Menschen und Tiere in der Sperrzone
Die Sperrzone hat sich zum ökologischen Biotop mit wilden Pferden und Kühen entwickelt. Soldaten schützen das Gebiet vor den Russen, Forscher sammeln Daten zur Strahlenbelastung.
Vor der Flucht nach Mainz hat Nadiia Skopych in der Ukraine im Bereich Architektur, Design und Bauwesen gearbeitet und koordinierte unter anderem Projekte und Arbeitsprozesse. Die Entscheidung, diesem Job nachzugehen, könnte aus ihrer Sicht auch mit ihrer Erfahrung rund um die Tschernobyl-Katastrophe zusammenhängen. Schließlich musste ihre Familie damals ihr nigelnagelneues Haus zurücklassen.
"Ich habe jetzt schon 600 Bau-Projekte erfolgreich abgeschlossen. Und ich freue mich, jetzt meinen Schmerz vielleicht ins Glück anderer Leute transformieren zu dürfen." Vielleicht sei es Zufall, aber ihres Wissens nach sei durch den Krieg in der Ukraine bisher auch keines ihrer Häuser von russischen Geschossen zerstört worden. "Vielleicht mit Gottes Hilfe, aber alle meine Projekte stehen noch", sagt Skopych mit einem Lächeln.
Krieg überschattet Tschernobyl-Gedenken in der Ukraine
In Mainz habe sie sich direkt wohl gefühlt. "Ich liebe Mainz", sagt sie auf Deutsch. "Hier ist es ruhig, gemütlich und sauber." Sie beobachtet auch von hier, dass das Gedenken zum 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe in diesem Jahr natürlich vom Krieg in der Ukraine überschattet werde. "Selbstverständlich ist der Krieg das Hauptthema bei uns und das soll auch so bleiben. Aber Tschernobyl soll auch nicht vergessen werden", wünscht sich Skopych. "Denn die Leute, die mit Tschernobyl zu tun hatten, haben die verschiedensten Krankheiten und der Krieg macht es noch schlimmer." Viele Krankheiten würden sich durch den kriegsbedingten Stress noch verstärken.
Skopych hat sich deshalb als Ziel gesetzt, möglichst viel Liebe und Glück in die Welt zu bringen – zum Beispiel mit den Häusern, die sie für andere Menschen geplant hat. Und obwohl sie nach Tschernobyl und der russischen Vollinvasion in die Ukraine schon zweimal ihre Heimat verlassen musste, will sie daran weiter festhalten: Mit Frieden, Hilfe und Liebe könne man nämlich auch leichter Frieden für die eigene Seele schaffen, als wenn man sich nur in sich selbst einschließe und egoistisch handele, ist sie überzeugt.