Interview mit einem Streik-Organisator

Schüler aus Koblenz: "Wir wollen nicht in den Schützengraben springen"

Aus Protest gegen das Gesetz zum Wehrdienst haben Jugendliche in mehreren Städten für heute zum Schulstreik aufgerufen. Einer der Organisatoren erklärt, warum sie protestieren.

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Von Autor/in Jeanette Schindler

"Wir sagen Nein zur Wehrpflicht! Nein zu allen Zwangsdiensten!", heißt es im Aufruf des Bündnisses "Schulstreik gegen Wehrpflicht". In mehreren Städten in ganz Deutschland, auch in Rheinland-Pfalz, protestieren heute Jugendliche gegen das neue Wehrdienst-Gesetz protestieren. Auch wenn es in dem Gesetz, das der Bundestag heute verabschiedet hat, keine Wehrpflicht gibt, wollen die Jugendlichen ihre Position klarmachen. Die Demonstrierenden lehnen eine Wehrpflicht ab. In RLP gehen Schüler unter anderem in Mainz, Koblenz, Trier und Landau gegen das neue Gesetz auf die Straße.

Welche Argumente haben die Jugendlichen? Das haben wir Leo Reinemann gefragt. Der 18-jährige Schüler hat den Schulstreik in Koblenz angemeldet und ist Versammlungsleiter.

Wir fühlen uns als Generation vernachlässigt und wir sehen es als Generation dann nicht ein, für die Bundesregierung in den Schützengraben zu springen.

SWR: Guten Tag Leo Reinemann, wogegen richtet sich der Protest denn genau? Was stört die Jugendlichen an dem neuen Wehrdienst-Gesetz?

Leo Reinemann: Also primär geht es darum, dass wir es als Generation nicht einsehen, dass wir an so vielen Stellen vernachlässigt werden. Wir sitzen, überspitzt gesagt, in zusammenbrechenden Schulgebäuden. Wir werden mit einem sehr veralteten Lehrkonzept unterrichtet und dann sollen wir trotzdem die sein, die für dieses Land zwangsweise gegebenenfalls in den Schützengraben springen sollen. Und wir wollen auch gegen die Wehrpflicht protestieren, denn diese vielen Hintertüren im Gesetz, die sehen wir als falsch an.

Der 18-jährige Schüler ist Versammlungsleiter des Schulstreiks gegen Wehrdienst in Koblenz.
Leo Reinemann ist Versammlungsleiter des Schulstreiks gegen Wehrdienst in Koblenz. privates Foto / Leo Reinemann

SWR: Viele Menschen haben Angst vor einem neuen Krieg. Auch unter Jugendlichen wächst die Furcht. Fürsprecher des Wehrdienstes argumentieren, gerade deshalb brauchen wir jetzt eine starke Bundeswehr. Was sagst Du dazu?

Reinemann: Ich bin der festen Überzeugung, dass Kriege nicht durch Aufrüstung verhindert werden, sondern durch Aufrüstung ausgelöst werden. Ich glaube, wir sind in einer Situation, wo es durchaus sein kann, dass, wenn wir so weiter handeln, wie wir gerade handeln, ein Krieg ausgelöst werden kann.

SWR Aktuell: Dein Vater hat damals selbst den Wehrdienst verweigert und Zivildienst gemacht, aber heute wünscht er sich auch die Wehrpflicht zurück. Was sagt er? Was sind seine Argumente und kannst du das nachvollziehen?

Reinemann: Also es ist natürlich immer das klassische Argument, dass man Deutschland verteidigen müsse. Man sieht aber auch deutlich im Gespräch mit anderen Personen: Sobald sie nicht selbst betroffen sind oder Söhne haben, die es betrifft, die sind weitaus eher bereit, für die Einführung einer Wehrpflicht zu argumentieren. Was man ja daran sieht, dass er es ja selber auch verweigert hat.

SWR: Interessant ist in dem Zusammenhang, du selber bist auch nicht betroffen, weil du nächstes Jahr ja schon 19 bist. Also warum engagierst du dich dennoch?

Reinemann: Naja, ich bin zwar Jahrgang 2007, aber ich habe trotzdem sehr, sehr viele Freunde, die auch alterstechnisch gar nicht so weit von mir weg sind. Sie werden gemustert und sollen gegebenenfalls zum Wehrdienst gezwungen werden. Und ich habe eigentlich keine Lust darauf, dass meine Freunde in irgendeinem sinnlosen Krieg sterben. Dementsprechend protestiere ich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

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SWR Aktuell: Und was versprecht ihr euch davon?

Reinemann: Na ja, es ist unrealistisch, dass die Bundesregierung wegen ein paar Schulstreiks jetzt dieses Wehrdienstmodernisierungsgesetz am Freitag noch absagen wird. Aber diese Streiks geben auf jeden Fall ein Zeichen an den Bundestag. Und das ist, dass wir uns als Generation vernachlässigt fühlen, und dass wir es als Generation dann nicht einsehen, für sie in den Schützengraben zu springen.

SWR Aktuell: Sie organisieren den Schulstreik in Koblenz. Wie viele Teilnehmende erwarten Sie in Koblenz?

Reinemann: Es ist immer schwer abzuschätzen. Wir haben eine Demonstration für 100 Personen angemeldet. Wir hoffen durchaus auch, dass wir diese Zahl erreichen. Es ist aber natürlich auch eine relativ hohe Hürde. Weil ein Schulstreik bedeutet immer eine unentschuldigte Fehlstunde. Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Position, gegen eine Wehrpflicht zu sein, bei vielen Leuten auch darüber hinausgeht. Und dass sie sich sagen, da kann ich dann auch diesen Streik durchziehen.

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Vielen Dank für das Gespräch!

Die Online-Fassung des Interviews wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert.

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Jeanette Schindler

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