Sophia ist abends in Mainz auf dem Heimweg, als sie vor ihrer Haustür plötzlich merkt, dass ein Mann sie verfolgt. Als sie sich umdreht, sieht sie fassungslos, wie der Unbekannte seine Hand in der Hose auf und ab bewegt. Ihr wird schlagartig klar, "dass der Mann sich offenbar gerade auf mich einen runterholt." Schock, Ekel und Wut überkommen die junge Frau.
Immer mehr Frauen werden Opfer einer Sexualstraftat
Viele Frauen kennen solche und ähnliche Situationen. Nach Angaben der Polizei hat sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen in den letzten Jahren zugenommen. In Rheinland-Pfalz hat es laut Kriminalstatistik 2025 fast 6.200 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gegeben.
Das Bundeskriminalamt schreibt in seinem Bundeslagebild: Die Opfer sind fast ausschließlich weiblich (91 Prozent), die Täter fast ausschließlich männlich (97 Prozent). In den meisten Fällen stammen sie aus dem direkten Umfeld der Frauen. Es sind Bekannte, Partner, Ex-Partner. So wie bei Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes.
Ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen für viele längst normal geworden? Was muss sich ändern, damit Frauen besser geschützt werden? Und warum scheitern so viele Fälle vor Gericht?
Sophia: "Ich war in einer Schockstarre"
Zurück zu Sophia: Die junge Frau erlebt den Moment, in dem der Unbekannte vor ihr masturbiert, in einer Schockstarre. "Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll". Sie reagiert mit Ekel darauf, von dem Unbekannten missbraucht worden zu sein.
Ich war von ihm angeekelt. Und einfach schockiert, dass mir das gerade wirklich passiert. Dass mich da ein fremder Mann für seine Zwecke sexualisiert hat.
Opfer fragen sich oft: Was habe ich falsch gemacht?
Wie konnte es dazu kommen? Das ist eine Frage, die sich viele Betroffene im Nachgang stellen. Die Psychologin Felicitas Heyne hat festgestellt: "Bei fast allen kommt dieser Reflex: Was habe ich falsch gemacht, dass es passiert ist?"
Das sei die Kehrseite dessen, was man die ganze Zeit erklärt bekomme: "Pass auf dich auf, schick mir deinen Standort, geh nicht dahin, wo es dunkel ist." Hinzu komme häufig "dieses Bagatellisieren, Verharmlosen, Runterspielen."
Victim Blaming - wenn Opfer zu Tätern gemacht werden
Genau hier beginnt ein weiterer Teil des Problems: Nicht nur die Tat selbst belastet. Sondern auch, wie Angehörige und die Gesellschaft damit umgehen, wenn Opfer sich öffnen und erzählen. Diese Erfahrung hat auch Gerhard Mainzer vom rheinland-pfälzischen Opferverein Weißer Ring gemacht.
Frauen würden in ihrem nahen sozialen Umfeld nicht ernst genommen. "Eher, dass man sagt: Warum warst du da? Warum hast du dich so angezogen?" Das nennt man Victim Blaming: Dabei wird dem Opfer die Verantwortung für die Tat zugeschoben. Es kommt zu einer Täter-Opfer-Umkehr.
Frauen "schon immer gern als Schuldige benannt"
Laut Psychologin Felicitas Heyne gibt es zwei Hauptgründe für Victim Blaming. "Wir leben seit Jahrtausenden in einem patriarchalen System und da sind Frauen schon immer gerne einfach als Schuldige benannt worden für alles Mögliche." Auch heute hieße es noch oft: "Sie hat es ja darauf angelegt, sie hat ja einen kurzen Rock an."
Das patriarchale System sei auf Machterhalt aus, benachteilige Frauen und lasse sie im Stich. Hinzu komme ein "eher ein psychologischer Mechanismus", erklärt Heyne. "Nämlich der, dass wir alle ja gerne so die Vorstellung haben: Wenn ich alles richtig mache, dann stößt mir nichts Schlimmes zu."
Sophias Anzeige gegen den Täter scheitert
Und doch passiert Missbrauch. Sophia hat damals den Notruf gewählt und der Polizei geschildert, was ihr passiert ist. Sie merkte sich sogar das Nummernschild des Täters, erstattete Anzeige bei der Polizei.
"Die haben auch tatsächlich die Person ausfindig gemacht, der das Auto gehört. Das war aber eine Frau." Hinzu kam: Sophia konnte dem Unbekannten, der vor ihr masturbierte, nicht ins Gesicht schauen, konnte ihn also nicht identifizieren. Das Verfahren wurde eingestellt.
Tut die Justiz zu wenig für betroffenen Frauen?
ARD-Rechtsexpertin Egzona Hyseni betont: "Das Strafrecht stellt verschiedene Formen sexualisierter Gewalt unter Strafe. Damit schützt es grundsätzlich betroffene Frauen." Viele Experten sähen die Probleme weniger im Gesetz, als in der Praxis.
Dass Gerichte die Strafrahmen, die es gibt, nicht genug ausschöpfen würden. Dass Polizei und Justiz stärker sensibilisiert werden müssten, wenn es um das Thema sexualisierte Gewalt geht. Außerdem brauche es insgesamt mehr Aufklärung in der Gesellschaft und mehr Hilfsangebote für betroffene Frauen.
Scham und Verantwortung müssen die Seite wechseln
Psychologin Felicitas Heyne sagt: In der Gesellschaft muss nicht nur die Scham die Seite wechseln. "Mit der Scham allein ist es ja nicht getan." Sie appelliert an Männer, die Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass Frauen sich sicher fühlen. Egal, ob sie alleine zum Parkplatz laufen oder ihnen abends auf der Straße eine Gruppe Männer entgegenkommt.
Gesellschaft Toxische Männlichkeit – Die Weltsicht der Wutmänner
In den "sozialen Medien" stößt man zunehmend auf Männer, die ihre Frauenverachtung und vermeintliche "Mannhaftigkeit" feiern. Es sind nicht nur Sprüche: Die Täter von Halle, Christchurch oder Utøya entstammen dieser Szene. Auch die AfD versucht, an diese Szene anzuknüpfen.
Was tun gegen sexualisierte Gewalt?
Sophia wünscht sich von der Politik präventive Maßnahmen. "Für mich wäre da wichtig, schon in den Schulen anzusetzen, wenn man sieht: Da ist misogynes Verhalten oder Gedankengut." Ihr Vorschlag: mit Aufklärung gegensteuern. "Um zu erklären: Ein Outfit ist keine Einladung. Oder: Was sind gesunde Grenzen? Was ist okay, was ist nicht okay?"
Sophia: "Habe vor jedem Mann im Dunkeln Angst"
Die Frage ist also nicht nur, wie Frauen sich schützen können. Sondern wie eine Gesellschaft aussieht, in der sie das nicht mehr ständig müssen. Die Zahlen zeigen: Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Problem. Es ist ein strukturelles. Und es betrifft Millionen Frauen. Frauen wie Sophia.
"Ich habe immer ein schlechtes Bauchgefühl, wenn ich im Dunkeln nach Hause komme." Der Abend, an dem sie missbraucht wurde, sei für sie einschneidend gewesen. "Ich hätte es selbst ehrlich gesagt nicht erwartet, dass sich so viel für mich ändert und ich wirklich vor jedem Mann im Dunkeln Angst habe."