Dezember 2024: Nichts geht mehr auf der Mosel, nachdem ein Frachtschiff gegen ein Schleusentor in Müden gekracht ist. Rund 70 Schiffe sitzen fest, auch, weil die Schleuse nur eine Kammer hat. Hätte sie zwei, könnte der Verkehr umgeleitet werden. So aber kommt es zum Stau und zu einem Millionenschaden.
Seit diesem schweren Unfall sind die Stimmen, die einen Ausbau der Moselschleusen fordern, wieder lauter geworden. Ein neuer Bericht des Bundesrechnungshofs stellt diese Pläne nun aber komplett infrage. Wörtlich fordert der Rechnungshof darin das Bundesverkehrsministerium auf, "den Ausbau schnellstmöglich einzustellen".
Alle Schleusen an der Mosel mit zweiten Kammern auszustatten, sei Zitat "nicht mehr notwendig" und schon gar nicht wirtschaftlich. Denn zum einen würde der Ausbau rund 855 Millionen Euro kosten. Und zum anderen seien seit Jahren immer weniger Güterschiffe auf dem Fluss unterwegs.
Nur drei der zehn Schleusen haben zweite Kammern
Seit den 1990er-Jahren verfolgt die Bundesregierung das Ziel, alle zehn Schleusen zwischen der luxemburgischen Grenze und Koblenz mit zwei Kammern auszustatten. "Damals gab es auf der Mosel aber noch viel mehr Verkehr", wie Ulrich Zwinge vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt sagt. Rund 15 Millionen Tonnen Waren wurden seinerzeit über den Fluss verschifft.
2023 waren es gerade noch 5,4 Millionen Tonnen, führt der Rechnungshof in dem Bericht aus. Die Zahlen seien dem Bundesverkehrsministerium bekannt - trotzdem habe es den Ausbau nicht gestoppt. Nachdem bereits die Schleusen in Trier, Bruttig-Fankel und Zeltingen-Rachtig neue Kammern bekommen hatten, würden diese Pläne auch für die restlichen sieben Staustufen fortgesetzt.
Bericht sorgt an der Mosel für Ärger
Als nächstes an der Reihe wären die Schleusen in Wintrich und Lehmen. Aber lohnt sich deren Ausbau überhaupt noch? Bei Politikern aus den Regionen Trier und Koblenz kommt diese Einschätzung des Bundesrechnungshofs gar nicht gut an. Der Cochemer SPD-Landtagsabgeordnete Benedikt Oster erklärte im Gespräch mit dem SWR, er könne darüber "nur den Kopf schütteln".
Der Rückgang des Verkehrs ist für Oster kein Argument gegen den Ausbau, im Gegenteil: Die veralteten Schleusen seien ein Grund dafür, dass weniger Schiffe auf dem Fluss unterwegs sind. "Wir sollten mehr in die Schleusen investieren, nicht weniger", sagt er: "Damit holen wir wieder mehr Güterverkehr ins Wasser."
Ähnlich sieht es die CDU-Landtagsabgeordnete Karina Wächter aus Bernkastel-Kues. Sie schreibt auf SWR-Anfrage: "Ich empfehle dem Bundesrechnungshof mal einen Besuch an der Mosel – sicher erkennen die Damen und Herren dann, dass sie mit ihrer Kritik am Schleusenausbau auf dem Holzweg sind. Vielmehr halte ich es für angebracht, die Mosel fortzuentwickeln und den Klimaveränderungen anzupassen."
Auch regionale Wirtschaft fordert Ausbau
Die Wirtschaft entlang der Mosel fordert ebenfalls mehr Tempo beim Ausbau der Schleusen. Die Industrie- und Handelskammern in Trier und Koblenz halten die zweiten Kammern für überfällig: "Nur durch die Erweiterung aller zehn Schleusen um eine zweite Kammer kann die Mosel als eine der wichtigsten europäischen Wasserstraßen langfristig leistungsfähig bleiben."
Volker Klassen, Geschäftsführer der Hafengesellschaft Trier sagte dem SWR: "Wir wollen eine Verlagerung des Verkehrs weg von der Straße hin zu Bahn und Binnenschiff und dafür braucht es eine verlässliche Infrastruktur." Dies hätten insbesondere die schweren Unfälle in diesem und im vergangenen Jahr gezeigt.
Zwei schwere Unfälle in Sankt Aldegund und Müden
Nach der Havarie in Müden gab es im Sommer 2025 noch einen zweiten Unfall, diesmal in Sankt Aldegund, ein paar Kilometer südlich. Wieder hatte ein Schiff ein Tor gerammt und wieder musste notgeschleust werden.
Hätten beide Schleusen eine zweite Kammer gehabt, hätte man die Schiffe umleiten können, sagen Kritiker wie Volker Klassen vom Trierer Hafen: "Jede Schleuse mit einer Kammer ist ein Flaschenhals."
Bundesrechnungshof: Ersatztore statt zweite Kammern
Der Bundesrechnungshof befasst sich in dem neuen Bericht auch mit diesem Argument, kommt allerdings zu einem anderen Schluss. Statt teure neue Kammern zu bauen, könnte das Ministerium dafür sorgen, dass genügend Ersatztore vorliegen. Und: Analysieren, warum es zu Unfällen kommt und wie man sie künftig verhindern kann.
Dieses Problem geht das Bundesverkehrsministeriums nach Angaben eines Sprechers aktuell schon an. Da der Unfall in Müden offenbar von einem Autopilot-System verursacht wurde, sollen ab Sommer 2026 neue Regeln für solche Funktionen inkraft treten. Zudem laufe derzeit "ein Austauschprogramm an der Mosel, bei dem die kompletten Untertore der Schleusen ersetzt werden."
Verkehrsministerium will Ausbau der Moselschleusen "prüfen"
Wie es mit den zweiten Kammern für die Schleusen weitergeht, ist hingegen noch nicht geklärt. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) kündigte an, zu prüfen, ob ein Ausbau der Moselschleusen sich wirtschaftlich lohnt.
Wir werden uns das genau anschauen.
"Wir werden uns das genau anschauen und die Situation neu bewerten. Die Wirtschaftlichkeit sieht nicht mehr so positiv aus", so Schnieder. Der CDU-Politiker betont aber auch, dass es bei dieser Diskussion nicht nur um die Frage der Wirtschaftlichkeit geht. Auch die Versorgung müsse entlang der Mosel sichergestellt werden.
Ungewissheit bei Ausbau
"Ein klares Bekenntnis für die zweiten Kammern sieht anders aus", findet der Landtagsabgeordnete Benedikt Oster (SPD). Seine Kollegin Karina Wächter von der CDU hingegen zeigt sich zuversichtlich, "dass der Bundesverkehrsminister die Bedeutung der Mosel als Wasserstraße kennt.
Sie gehe davon aus, dass er alles dafür tun wird, die Mosel zukunftssicher aufzustellen." Nach dem Bericht des Bundesrechnungshofs dürfte es Schnieder aber schwerer haben, dafür Argumente zu finden.