Da denkt man, man entkernt ein ehemaliges Krankenhaus mit allem, was dazugehört: OP-Sälen, Patientenzimmern, Empfang. Der Hammer geht durch eine Trockenbauwand und - zack - dahinter kommt plötzlich ein ganzes Badezimmer zum Vorschein, von dem bisher niemand wusste.
Solche Überraschungen erlebt Tobias Schumacher im Moment ständig: "Ein Projekt wie dieses gibt es kein zweites Mal." Er hat als Projektentwickler die Aufgabe, aus dem leerstehenden Krankenhaus in Trier-Ehrang innerhalb von zwei Jahren einen Komplex aus Wohnungen, medizinischen Einrichtungen und inklusiven Angeboten zu machen.
Und das ist eine Herausforderung. Denn an das Krankenhaus wurde immer wieder angebaut. Neben einem Trakt von 1903 gibt es Patientenzimmer aus den 1970er Jahren. Da findet man eben auch Badezimmer, die in keinem Plan eingezeichnet sind. Oder unterschiedlichste Baustoffe und um die acht verschiedene Fassadentypen.
Umbau im Krankenhaus Ehrang günstiger als Neubau
"Da mussten wir erst zum Bauamt rennen und Bestandsunterlagen vom Verkäufer bekommen, die auch nicht zu hundert Prozent passen, um herauszufinden, welche Fassade wo ist", erklärt Bauleiter Michael Sukopp. Trotzdem: Das Gebäude abzureißen und neu zu bauen, wäre teurer gewesen, sagt er.
Der alte Eingangsbereich des Krankenhauses soll einer neuen Holzfassade weichen. Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann/Quartiersmanufaktur
Dass sich seit Kurzem im Krankenhaus etwas tut, sieht man im Moment von außen noch nicht. Innen reißen Arbeiter aber Schränke heraus, werfen die dicken Bretter im hohen Bogen aus dem fünften Stock, entfernen Böden in OPs und Patientenzimmern.
Jeder Baustoff - auch Asbest - muss genau katalogisiert werden, damit er richtig getrennt und entsorgt wird. Das sei auch wichtig, um eine Förderung der KfW zu bekommen.
Fünf Meter hohe Decken und Granitboden
Nötig ist das alles, weil das Krankenhaus beim Jahrhunderthochwasser 2021 geflutet wurde. Seitdem scheint dort die Zeit stillzustehen: An den Aufzügen weisen Schilder darauf hin, sie wegen der Corona-Gefahr nur wenn nötig zu nutzen. Bilder hängen noch an den Wänden, die Wanne für Wassergeburten steht noch im Kreißsaal.
Weil eben nicht neu gebaut wird, kann vieles aus der Krankenhausinfrastruktur wiederverwendet werden. So bleiben etwa die Geländer und der robuste Granitboden in einem der Treppenhäuser.
Abgerissen wird hingegen der Eingangsbereich des ehemaligen Krankenhauses. Und statt der bunt gewürfelten Fassaden bekommt das Gebäude eine neue Holzfassade. Die wird seriell schon mit den Fenstern vorab in einer Halle fertig gestellt. Wie genau sie dann eingepasst wird, das müsse noch berechnet werden.
Das Gebäude des ehemaligen Krankenhauses bleibt erhalten, nur innen wird sich einiges verändern. Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann/Quartiersmanufaktur
Obwohl der Komplex am Ende energetisch einen Neubaustandard haben soll, könnte er auch einen gewissen Altbauflair verströmen: Die Decken des Hauses sind über drei, teils fünf Meter hoch.
Schutz vor neuem Hochwasser
Nicht nur das macht das Projekt für Tobias Schumacher besonders. Denn wie so viele aus der Region wurde er im Krankenhaus Ehrang geboren: "Und war dann auch 2021 beim Hochwasser hier im Einsatz als Freiwilliger Feuerwehrmann."
Solch große Schäden wie damals sollen nicht mehr entstehen: Das Untergeschoss soll nur als Fahrradkeller genutzt werden. Ins Erdgeschoss kommen keine Wohnungen, stattdessen wandert die Haustechnik ins Erdgeschoss und den ersten Stock.
Da habe die Gebäudestruktur des ehemaligen Krankenhauses auch einen Vorteil: Die Stockwerke sind so breit, dass es innen fensterlose Räume gibt und auch in Zukunft geben wird. Dort können Lagerräume, Labore oder eben die Heizung untergebracht werden.
Trier-Ehrang: Erst Protest, jetzt Freude
Als im Dezember 2021 bekannt geworden war, dass das Krankenhaus nach der Flut nicht wieder öffnet, hatte das große Kritik ausgelöst: Eine Initiative sammelte 11.000 Unterschriften, um den Standort zu erhalten. Mehrere Resolutionen wurden verabschiedet.
Heute gibt es keinen Protest mehr, sagt Schumacher: "Die Ehranger Bevölkerung und auch den Ortsbeirat haben wir bisher als sehr, sehr unterstützend kennengelernt."
Ortsvorsteher Berti Adams (parteilos) ist sehr zufrieden: "Wir sehen das ganz positiv, das ganze Gelände ist an unseren Wunschinvestor gegangen."
Schon in anderen Gebäuden rundherum seien neue Wohnungen zu attraktiven Konditionen entstanden. "Das ist eine runde Sache." Denn die Wohnungen und das, was im Krankenhaus entstehen soll, fügten sich auch mit dem neuen Sportparcours in der Nähe zu einem neuen Quartier zusammen.
Trier-Ehrang habe Vorsprung vor anderen
„Als das Krankenhaus geschlossen wurde, war das für uns schrecklich." Es sei eine feste Institution gewesen. Adams' Kinder und Enkelkinder wurden dort geboren. Der Stadtteil hatte eine hohe emotionale Bindung, sagt er, weil die Ehranger dort auch Arbeit hatten.
Wir sind im Aufbau, während andere noch im Niedergang sind.
"Nach fünf Jahren müssen wir aber sagen: Wir sind unserer Zeit voraus." Wenn man zum Beispiel sehe, was mit anderen Krankenhäusern der Region, etwa in Hermeskeil, passiere, dann hätte das Krankenhaus in Ehrang auch ohne Flut nicht überleben können, ist sich Adams sicher: "Jetzt sind wir im Aufbau, während andere noch im Niedergang sind."
Krankenhaus Trier-Ehrang soll in zwei Jahren umgebaut sein
Dennoch: Auch das Projekt ist betroffen von aktuellen Krisen, Dämmung ist zum Beispiel schwer zu bekommen. Und eine Bestandsbaustelle lasse sich - weil man eben nicht weiß, was man noch so entdeckt - schwerer kalkulieren als ein Neubau.
Man habe aber Material schon frühzeitig gekauft und eingelagert. Deshalb hofft Michael Sukopp, das Projekt trotzdem bis 2028 beim angepeilten Investitionsvolumen von 33 Millionen Euro fertig stellen zu können.
Drei neue Schwerpunkte im ehemaligen Krankenhaus Trier-Ehrang
Dann sollen Einzelpersonen, aber auch Familien einziehen können, sagt Schumacher: "Wir haben mehr als 70 Wohneinheiten geplant in unterschiedlichsten Größen für die unterschiedlichsten Zielgruppen." Darunter auch geförderte Sozialwohnungen.
Aus bisher sieben Fassadentypen, zum Beispiel hier an der Gebäuderückseite, soll bald eine werden. Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann/Quartiersmanufaktur
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Arztpraxen, aber auch Physiotherapie: "Wir haben in den letzten zwei Jahren regelmäßig Anfragen von Medizinern erhalten. Konnten aber wegen der komplexen Entwicklung nie einen genauen Zeitpunkt benennen, an dem wir fertig werden."
Jetzt aber seien noch zwei Praxen verfügbar für Ärztinnen und Ärzte, die eher kurzfristig planen und ihre neuen Räume innerhalb von zwei Jahren beziehen wollen.
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Auch Inklusion sei den Planern wichtig: Auf drei Ebenen soll eine besondere Wohnform für 24 Bewohner entstehen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Außerdem eine Art betreutes Wohnen, das ermöglicht wird, weil es vom Haus einen Verbindungsgang zum Seniorenheim nebenan gibt.
Herzstück statt vertikalem Dorf
Eine Idee, die auch die Ehranger seit 2023 mit dem Projekt verbinden, konnte aber nicht umgesetzt werden, erklärt Schumacher: "Wir sind von Anfang an angetreten mit der Idee eines vertikalen Dorfs." Auf einem Stockwerk sollten also Wohnungen, auf dem nächsten Arztpraxen und so weiter, entstehen.
Diese strenge Trennung sei aber nun doch nicht möglich, weil das Krankenhaus durch die vielen Anbauten über die Jahre zusammengewürfelt wurde. Stattdessen haben sich die Projektentwickler einen neuen Namen ausgedacht: Aus dem ehemaligen Krankenhaus wird jetzt das "Herzstück Ehrang."