Manchmal kommt es noch vor, dass ein Kunde bei Aline Knodt nachfragt, ob er den Chef sprechen kann. "Dann sage ich immer: Der Chef steht vor Ihnen", sagt die Winzerin aus Kröv an der Mosel.
Die Weinbranche war ja immer von Männern dominiert.
2022 ist die 32-Jährige mit ihrer Schwester in das Weingut ihres Vaters eingestiegen. Inzwischen leiten sie den Betrieb zu dritt. "Und am Anfang gab es schon komische Blicke", meint ihre 29-jährige Schwester Josephine: "Die Weinbranche war ja immer von Männern dominiert."
Frauen in der Nachfolge: einst undenkbar
Ihr Vater Udo habe nach der Geburt seiner beiden Töchter viel Mitleid von den Nachbarn bekommen, erinnert sich Aline Knodt. Weil er keinen Sohn hatte, schien für viele klar, dass niemand den Betrieb übernehmen würde.
Dass seine Töchter einmal in seine Fußstapfen treten könnten, galt als kaum vorstellbar - obwohl beide schon als Kinder im Weinberg mitgeholfen hatten.
Auch heute noch werden die meisten Weingüter an der Mosel von Männern geführt. Doch die Schwestern beobachten eine Trendwende, erzählt Josephine. In den sozialen Medien, aber auch in ihrem direkten Umfeld, sehen sie immer öfter junge Winzerinnen: "Es ist schön zu sehen, wie viele Frauen da mittlerweile in den Betrieben sind."
Männer bekamen Anerkennung für Arbeit der Frauen
Das beobachtet auch die Humangeografin Hanna Jäger von der Universität Trier. Für ein Forschungsprojekt spricht sie aktuell mit Winzerinnen und Winzern über die Rolle von Frauen im Weinbau.
Eine ihrer ersten Erkenntnisse ist: Das Bild von Frauen in der Branche hat sich in den vergangenen 15 Jahren gewandelt. Dass Frauen im Weinberg und im Keller arbeiten, sei nichts Neues, meint Jäger. Die Anerkennung für den Wein allerdings heimsten früher oft die Väter oder Ehemänner ein, während die Frauen im Hintergrund blieben.
Winzerinnen statt Weinköniginnen
"Sichtbar waren Frauen vor allem als Weinköniginnen", sagt Jäger: "Heute hingegen gibt es ein Selbstverständnis dafür, dass eine Frau natürlich auch ein Weingut leiten kann und sich nicht auf repräsentative Aufgaben reduzieren lassen muss."
Jäger weiß, wovon sie spricht. Sie war 2012 selbst Weinprinzessin an der saarländischen Obermosel. Und obwohl sich die Wissenschaftlerin schon damals mit Wein auskannte, fühlte sie sich "zur Schau gestellt". Heute sagt die Humangeografin: "Ich würde das nicht mehr machen. Ich finde das Konzept veraltet".
Zwischen Tradition und Zeitgeist Mit Krone, Kleid und Kelch: Passen Weinköniginnen an der Mosel noch in die Zeit?
Jährlich bewerben sich junge Frauen in den Orten entlang der Mosel als Weinkönigin oder Weinprinzessin. Die Ämter sind offenbar begehrt. Doch passt das noch in unsere Zeit?
Immer mehr Frauen entscheiden sich für Beruf
Und da ist sie nicht die Einzige. Tatsächlich bewerben sich seit Jahren immer weniger Frauen für die Wahlen ehrenamtlicher Weinhoheiten. In den Ortsgemeinden finden sich oft keine Kandidatinnen mehr. Demgegenüber geht die Zahl der Frauen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung in der Branche entscheiden, nach oben.
Nach Angaben des Deutschen Weininstitutes sind inzwischen 30 Prozent der Auszubildenden im Winzerhandwerk weiblich. Vor zehn Jahren waren es noch 24 Prozent. Die Studiengänge zum Thema Wein sind dem Institut zufolge noch gefragter bei Frauen. Hier machten sie 46 Prozent der Studierenden aus.
Die gesamtgesellschaftliche Emanzipation der Frauen spiegelt sich auch in der Weinbranche wider.
"Bei der Übergabe eines Weinguts an die nächste Generation ist es heute selbstverständlich, dass auch die Töchter zum Zuge kommen", meint Ernst Büscher, ein Sprecher des Weininstituts: "Zudem finden immer mehr Quereinsteigerinnen den Weg in den Winzerinnenberuf. Damit spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Emanzipation der Frauen auch in der Weinbranche wider."
Schwere Arbeit schreckte erstmal ab
Auch Aline Knodt hat eine Ausbildung zur Winzerin absolviert. Sie hat beim renommierten Weingut "Markus Molitor" in Zeltingen-Rachtig gelernt. Damals wie heute muss sie auch Trauben im Steilhang lesen und Kisten im Keller schleppen. "Es ist schon ein körperlich sehr anstrengender Job", sagt Knodt.
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Zum Alltag einer Winzerin gehört es außerdem, früh aufzustehen und schon mal an den Wochenenden im Einsatz zu sein. "Als junge Frau konnte ich mir da lange was Schöneres vorstellen", sagt ihre Schwester Josephine. Beide wollten den Job früher nicht machen.
Erfolgreiche Karriere in den sozialen Medien
Deshalb schlugen sie zunächst andere berufliche Wege ein. Josephine hat Medienwissenschaft in Trier studiert, Aline hat in Südafrika in der Marketingbranche gearbeitet, bevor beide während der Corona-Pandemie wieder nach Hause kamen.
Das zahlt sich heute für das Weingut aus. Denn seit die Schwestern eingestiegen sind, feiert der Betrieb große Erfolge im sozialen Netzwerk TikTok. Dort veröffentlichen die beiden regelmäßig Videos. Mit dem Handy nehmen sie ihre mehr als 50.000 Follower mit auf die Ernte oder verkosten dort ihren Wein.
Vater sagt: Töchter erreichen jüngere Zielgruppe
Damit sprechen sie eine junge Zielgruppe an, die Vater Udo Knodt zuvor kaum erreicht hat. Die Social-Media-Werbung haben seine Töchter aufgebaut - zu einer Zeit, als Plattformen wie TikTok und Instagram für ihn noch völliges Neuland waren. "Und es nützt ja nichts, tolle Weine zu machen, wenn man sie nicht an den Mann bringen kann", sagt er.
Oder eben: an die Frau. Denn Frauen wollen die Schwestern vor allem mit ihren Videos ansprechen und sie vielleicht auch motivieren, selbst ins Weingeschäft einzusteigen, sagt Aline Knodt: "Wir waren ja mit die ersten Winzerinnen, die auf den sozialen Medien so aktiv sind. Inzwischen sehen wir da immer mehr junge Frauen aus allen Anbaugebieten."
Kein Mutterschutz für Winzerinnen
Doch eine Hürde sehen die Schwestern noch immer für Frauen im Weinbau: In Deutschland haben nur Arbeitnehmerinnen, Auszubildende und Studentinnen Anspruch auf Mutterschutz. Selbstständige Unternehmerinnen, zum Beispiel in der Landwirtschaft, bekommen kein Mutterschaftsgeld.
Eine schwangere Frau kann also entweder weiter schwerste Arbeit im Weinberg verrichten oder sie muss auf Einkommen verzichten. Für Knodt ist das ein Unding: "Hier gibt es zu wenig Unterstützung vom Staat, um Selbstständigkeit und Familie zu vereinbaren. Und deshalb sind wir Frauen klar benachteiligt."
Trotzdem: Selbst in Kröv - wo ihr Vater noch mitleidige Blicke für die Töchter geerntet hat - ist der Wandel angekommen. Inzwischen gibt es im Ort ein weiteres Weingut, das bald von einer jungen Frau übernommen werden soll.