Weltfrauentag

Weinbau an der Mosel wird weiblicher: Immer mehr Frauen im Winzergeschäft

Als zwei Schwestern in Kröv das Weingut ihres Vaters übernehmen, werden sie erstmal belächelt. Doch inzwischen prägen immer mehr Frauen die Weinbranche an der Mosel.

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Von Autor/in Christian Altmayer

Manchmal kommt es noch vor, dass ein Kunde bei Aline Knodt nachfragt, ob er den Chef sprechen kann. "Dann sage ich immer: Der Chef steht vor Ihnen", sagt die Winzerin aus Kröv an der Mosel.

Die Weinbranche war ja immer von Männern dominiert.

2022 ist die 32-Jährige mit ihrer Schwester in das Weingut ihres Vaters eingestiegen. Inzwischen leiten sie den Betrieb zu dritt. "Und am Anfang gab es schon komische Blicke", meint ihre 29-jährige Schwester Josephine: "Die Weinbranche war ja immer von Männern dominiert."

Aline Knodt ist im Weingut ihres Vaters aufgewachsen.
Aline Knodt ist im Weingut ihres Vaters aufgewachsen. Die Ausbildung zur Winzerin hat sie bei "Markus Molitor" in Zeltingen-Rachtig gemacht.

Frauen in der Nachfolge: einst undenkbar

Ihr Vater Udo habe nach der Geburt seiner beiden Töchter viel Mitleid von den Nachbarn bekommen, erinnert sich Aline Knodt. Weil er keinen Sohn hatte, schien für viele klar, dass niemand den Betrieb übernehmen würde.

Dass seine Töchter einmal in seine Fußstapfen treten könnten, galt als kaum vorstellbar - obwohl beide schon als Kinder im Weinberg mitgeholfen hatten.

Josephine Knodt kümmert sich um alle Arbeiten, die im Weingut anfallen.
Josephine Knodt kümmert sich um alle Arbeiten, die im Weingut anfallen: Von der Traubenlese im Weinberg bis zum Marketing. Bei den Videos der Schwestern steht sie meistens hinter der Kamera.

Auch heute noch werden die meisten Weingüter an der Mosel von Männern geführt. Doch die Schwestern beobachten eine Trendwende, erzählt Josephine. In den sozialen Medien, aber auch in ihrem direkten Umfeld, sehen sie immer öfter junge Winzerinnen: "Es ist schön zu sehen, wie viele Frauen da mittlerweile in den Betrieben sind."

Männer bekamen Anerkennung für Arbeit der Frauen

Das beobachtet auch die Humangeografin Hanna Jäger von der Universität Trier. Für ein Forschungsprojekt spricht sie aktuell mit Winzerinnen und Winzern über die Rolle von Frauen im Weinbau.

Die Humangeografin Hanna Jäger forscht an der Universität Trier zu Frauen im Weinbau.
Die Humangeografin Hanna Jäger bereitet an der Universität Trier gerade ein Forschungsprojekt über Frauen im Weinbau vor.

Eine ihrer ersten Erkenntnisse ist: Das Bild von Frauen in der Branche hat sich in den vergangenen 15 Jahren gewandelt. Dass Frauen im Weinberg und im Keller arbeiten, sei nichts Neues, meint Jäger. Die Anerkennung für den Wein allerdings heimsten früher oft die Väter oder Ehemänner ein, während die Frauen im Hintergrund blieben.

Winzerinnen statt Weinköniginnen

"Sichtbar waren Frauen vor allem als Weinköniginnen", sagt Jäger: "Heute hingegen gibt es ein Selbstverständnis dafür, dass eine Frau natürlich auch ein Weingut leiten kann und sich nicht auf repräsentative Aufgaben reduzieren lassen muss."

Jäger weiß, wovon sie spricht. Sie war 2012 selbst Weinprinzessin an der saarländischen Obermosel. Und obwohl sich die Wissenschaftlerin schon damals mit Wein auskannte, fühlte sie sich "zur Schau gestellt". Heute sagt die Humangeografin: "Ich würde das nicht mehr machen. Ich finde das Konzept veraltet".

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Immer mehr Frauen entscheiden sich für Beruf

Und da ist sie nicht die Einzige. Tatsächlich bewerben sich seit Jahren immer weniger Frauen für die Wahlen ehrenamtlicher Weinhoheiten. In den Ortsgemeinden finden sich oft keine Kandidatinnen mehr. Demgegenüber geht die Zahl der Frauen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung in der Branche entscheiden, nach oben.

Weincampus Neustadt
Am Weincampus Neustadt an der Weinstraße, an dem Weinbau und Oenologie gelehrt werden, steigt der Anteil an Bewerberinnen seit Jahren.

Nach Angaben des Deutschen Weininstitutes sind inzwischen 30 Prozent der Auszubildenden im Winzerhandwerk weiblich. Vor zehn Jahren waren es noch 24 Prozent. Die Studiengänge zum Thema Wein sind dem Institut zufolge noch gefragter bei Frauen. Hier machten sie 46 Prozent der Studierenden aus.

Die gesamtgesellschaftliche Emanzipation der Frauen spiegelt sich auch in der Weinbranche wider.

"Bei der Übergabe eines Weinguts an die nächste Generation ist es heute selbstverständlich, dass auch die Töchter zum Zuge kommen", meint Ernst Büscher, ein Sprecher des Weininstituts: "Zudem finden immer mehr Quereinsteigerinnen den Weg in den Winzerinnenberuf. Damit spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Emanzipation der Frauen auch in der Weinbranche wider."

Schwere Arbeit schreckte erstmal ab

Auch Aline Knodt hat eine Ausbildung zur Winzerin absolviert. Sie hat beim renommierten Weingut "Markus Molitor" in Zeltingen-Rachtig gelernt. Damals wie heute muss sie auch Trauben im Steilhang lesen und Kisten im Keller schleppen. "Es ist schon ein körperlich sehr anstrengender Job", sagt Knodt.

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Zum Alltag einer Winzerin gehört es außerdem, früh aufzustehen und schon mal an den Wochenenden im Einsatz zu sein. "Als junge Frau konnte ich mir da lange was Schöneres vorstellen", sagt ihre Schwester Josephine. Beide wollten den Job früher nicht machen.

Erfolgreiche Karriere in den sozialen Medien

Deshalb schlugen sie zunächst andere berufliche Wege ein. Josephine hat Medienwissenschaft in Trier studiert, Aline hat in Südafrika in der Marketingbranche gearbeitet, bevor beide während der Corona-Pandemie wieder nach Hause kamen.

Aline und Josephine Knodt werben für ihr Weingut auch in den sozialen Medien.
Aline und Josephine Knodt werben für ihr Weingut auch in den sozialen Medien.

Das zahlt sich heute für das Weingut aus. Denn seit die Schwestern eingestiegen sind, feiert der Betrieb große Erfolge im sozialen Netzwerk TikTok. Dort veröffentlichen die beiden regelmäßig Videos. Mit dem Handy nehmen sie ihre mehr als 50.000 Follower mit auf die Ernte oder verkosten dort ihren Wein.

Vater sagt: Töchter erreichen jüngere Zielgruppe

Damit sprechen sie eine junge Zielgruppe an, die Vater Udo Knodt zuvor kaum erreicht hat. Die Social-Media-Werbung haben seine Töchter aufgebaut - zu einer Zeit, als Plattformen wie TikTok und Instagram für ihn noch völliges Neuland waren. "Und es nützt ja nichts, tolle Weine zu machen, wenn man sie nicht an den Mann bringen kann", sagt er.

Oder eben: an die Frau. Denn Frauen wollen die Schwestern vor allem mit ihren Videos ansprechen und sie vielleicht auch motivieren, selbst ins Weingeschäft einzusteigen, sagt Aline Knodt: "Wir waren ja mit die ersten Winzerinnen, die auf den sozialen Medien so aktiv sind. Inzwischen sehen wir da immer mehr junge Frauen aus allen Anbaugebieten."

Aline und Josephine Knodt leiten zusammen mit ihrem Vater ein Weingut in Kröv.
Aline und Josephine Knodt machen im Weingut einiges anders als ihr Vater. Deshalb schaffen sie es auch, eine jüngere Zielgruppe anzusprechen.

Kein Mutterschutz für Winzerinnen

Doch eine Hürde sehen die Schwestern noch immer für Frauen im Weinbau: In Deutschland haben nur Arbeitnehmerinnen, Auszubildende und Studentinnen Anspruch auf Mutterschutz. Selbstständige Unternehmerinnen, zum Beispiel in der Landwirtschaft, bekommen kein Mutterschaftsgeld.

Eine schwangere Frau kann also entweder weiter schwerste Arbeit im Weinberg verrichten oder sie muss auf Einkommen verzichten. Für Knodt ist das ein Unding: "Hier gibt es zu wenig Unterstützung vom Staat, um Selbstständigkeit und Familie zu vereinbaren. Und deshalb sind wir Frauen klar benachteiligt."

Trotzdem: Selbst in Kröv - wo ihr Vater noch mitleidige Blicke für die Töchter geerntet hat - ist der Wandel angekommen. Inzwischen gibt es im Ort ein weiteres Weingut, das bald von einer jungen Frau übernommen werden soll.

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