Der Griff zum Smartphone nach dem Aufwachen ist längst Reflex: Ein kurzes Scrollen durch den Feed, drei Klicks in die Story, ein Blick auf die neuesten Trends. Für junge Erwachsene ist Social Media kein bloßer Zeitvertreib mehr, sondern die primäre Informationsquelle und hier entscheidet sich zunehmend, wo sie bei der nächsten Wahl ihr Kreuz setzen.
AfD profitiert von Algorithmen
Die AfD profitiere vom Mechanismus der Algorithmen, die Empörung belohnen, sagt die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze von der Universität Trier. In den sozialen Medien zählt, was Klicks bringt. Schnelles Wecken von Emotionen mit zugespitzten Botschaften. "Die AfD hat es geschafft, ihre politischen Positionen, anders als die anderen Parteien, mit einfacheren, emotional aufgeladeneren Posts über Social Media zu bespielen", sagt Heinze im SWR-Interview.
Das Ergebnis bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl: 21 Prozent der Wähler unter 25 Jahren stimmten für die AfD. Das ist Platz eins knapp vor der SPD (20 Prozent) in dieser Wählergruppe. Nur bei den Erstwählern liegt die SPD knapp vor der AfD.
Thema Bildung im Wahlkampf mit Migration verknüpft
Im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf sei beispielsweise ein klassisches Jugendthema die Debatte um die Bildungspolitik gewesen, so Heinze. Der AfD sei es gelungen, das mit ihrem Kernthema Migration zu verbinden.
Die Position der Partei sei dann gewesen: An den Schulen laufe es so schlecht, weil es dort immer mehr Kriminalität gebe, wegen zu viel Migration, sagt Heinze, die seit Jahren zum Thema Jugend und Rechtsextremismus forscht.
"Die Strategie geht eher auf, wenn es reale Defizite gibt." Das seien dann auch einfache Botschaften, die sich im Netz schnell verbreiteten und bei jungen Menschen ankommen. "Diese Botschaften greifen dann diese Ängste aber nicht nur auf, sondern verstärken diese auch."
AfD ist auch bei jungen Wählern etabliert
Politikwissenschaftlerin Heinze sagt, die AfD profitiere aber auch von einer generellen Normalisierung. Das rechtsextreme Stigma trete in den Hintergrund. "Die Partei wird immer mehr als normale Partei unter jungen Menschen wahrgenommen. Eine Partei wie jede andere auch." Junge Menschen trauten der AfD auch zunehmend zu, ihre Probleme zu lösen.
Junge Generation von Zukunftsängsten geprägt
Die Trierer Professorin Claudia Ritzi hebt einen weiteren Punkt hervor. Bei Jungwählern ohne hohen Bildungsabschluss sei die Wahrscheinlichkeit höher, die AfD zu wählen. Und das spreche für viele Zukunftsängste, die diese Generation, diese Bevölkerungsgruppe prägten, sagt die Politikwissenschaftlerin im Gespräch mit dem SWR. Da sei die Sorge davor, wie es wirtschaftlich weitergehe, die Sorge davor, wie man vielleicht seinen Wohnraum überhaupt noch finanzieren solle, es sei ein Gefühl von Abstieg und Bedrohung. Und das motiviere die Anhängerinnen und Anhänger der AfD sehr stark. Zudem sei die Identifikation mit anderen Parteien sehr schwach.
AfD hat bei Kompetenzwerten deutlich zugelegt
Die Daten des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap belegen, dass die AfD in Rheinland-Pfalz bei den Kompetenzwerten deutlich zugelegt hat. Nicht nur bei ihrem Kernthema Migrations- und Flüchtlingspolitik und innere Sicherheit – auch bei Themen wie Wirtschaft, Arbeitsplätze oder soziale Gerechtigkeit.
Politisches Interesse der Jüngeren hat zugenommen
Generell helfe der AfD aber auch die Polarisierung pro AfD oder contra AfD. Das politische Interesse der jungen Menschen ist gestiegen, so Heinze. Die Wahrnehmung sei, dass es wieder um etwas geht.