Psycho- und Traumatherapeut Sascha Fischer arbeitet als leitender Psychologe in der Vincera Klinik Spreewald in Brandenburg. Die Privatklinik therapiert an der Psyche erkrankte Lokführer aus ganz Deutschland. Mehr als jeder Zehnte davon kommt der Klinik zufolge aus Rheinland-Pfalz, vor allem aus Mainz und Umgebung.
SWR Aktuell: Herr Fischer, ihre Klinik behandelt Lokführer, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Was haben die Menschen erlebt, die zu Ihnen kommen?
Sascha Fischer: Sie wurden selbst von Fahrgästen körperlich angegriffen und respektlos behandelt oder haben mitbekommen, dass ihren Kolleginnen und Kollegen dieses widerfahren ist. Andere haben mit dem Zug einen oder mehrere Menschen überfahren, die sich auf den Gleisen das Leben genommen haben.
Die Lokführer, die zu uns kommen, sind psychisch schwer erkrankt. Sie haben nach dem Erlebnis etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Dabei haben sie schon einen längeren Weg hinter sich. Sie waren in einer ambulanten Psychotherapie in Behandlung. Das hat aber in einigen Fällen nicht ausgereicht.
SWR Aktuell: Welche Symptome haben die psychisch erkrankten Lokführer, die sie behandeln?
Fischer: Die Betroffen sind geschockt. Sie fühlen sich hilflos, haben Angst und können das, was sie erlebt haben, nicht verarbeiten. Ein traumatisches Ereignis wird im Gedächtnis anders abgespeichert als alltägliche Erinnerungen. Sie sind mit viel Angst verbunden.
Diese Erinnerungen kommen immer sehr schnell ins Bewusstsein. Dadurch sind sie für Betroffene oft sehr unberechenbar. Lokführer erinnern sich oft an Geräusche. Sie hören den Aufprall mit der Person, die sich umgebracht hat, immer wieder. Sie sehen auch Dinge.
Für die Betroffenen fühlen sich die Erinnerungen sehr echt an. Sie können nicht mehr unterscheiden, ob das in diesem Moment wirklich passiert oder ob es sich nur um eine Erinnerung handelt. Nachvollziehbar kommt es daraufhin dazu, dass sie Aktivitäten im Alltagsleben vermeiden.
SWR Aktuell: Gibt es ein Erlebnis eines Patienten, das auch Sie als behandelnder Psychologe besonders erschüttert hat?
Fischer: Ich muss hier an den ersten Lokführer denken, den ich behandelt habe. Er musste bereits dreimal einen Suizid miterleben. Die ersten beiden konnte er noch gut verarbeiten. Beim dritten Suizid hatte sich ein junger Mann das Leben genommen. Dies hat den Lokführer besonders erschüttert, weil er selbst Söhne hat. Danach hat er alles in Frage gestellt und war sich nicht mehr sicher, ob er jemals wieder einen Zug fahren möchte.
Er liebt eigentlich seinen Beruf und war immer mit Leib und Seele dabei. Schon als Kind wollte er Lokführer werden. Der Mann erkrankte nach dem Vorfall an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und an einer schweren Depression. Er hat anschließend nie wieder mehr als Lokführer gearbeitet.
"Ich als Lokführer bin das Opfer" Ein Pfälzer Lokführer spricht über die Folgen von Suizid am Gleis
Als Lokführer Andreas Zimmer nicht mehr verhindern kann, dass sein Zug einen Menschen überrollt, war der wichtigste Satz seines Psychologen: "Du bist nicht schuld."
SWR Aktuell: Haben Sie den Eindruck, dass dramatische Erlebnisse und der Stress im Alltag für Lokführer zugenommen haben?
Fischer: Die Anzahl an Suiziden auf Gleisen ist in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen. Vor einigen Jahren waren es noch 900 Suizide pro Jahr, heutzutage sind es zwischen 700 und 800. Allerdings wird der Berufsalltag für Lokführer immer stressiger. Sie müssen wegen des akuten Personalmangels viele Überstunden machen und häufiger neue Dienste übernehmen.
Zudem fällt es vielen Bahnmitarbeitern immer schwerer, stolz auf ihren Arbeitgeber zu sein. Es gibt viel Unmut über die Deutsche Bahn, weil etwa Züge zu spät kommen und Zugstrecken nicht schnell genug saniert werden. Sie bekommen dann den Frust der Fahrgäste ab.
SWR Aktuell: Wie sieht die Behandlung in Ihrer Klinik für Lokführer aus?
Fischer: Wir bieten Gruppen- und Einzeltherapien an. Wer etwas Traumatisches erlebt hat, muss sich in der Therapie erneut der Situation stellen. Sie werden immer von einem Therapeuten begleitet, der ihnen zum Beispiel dabei Fragen stellt und darauf achtet, dass der Bezug zur realen, sicheren Situation im Therapiezimmer nie verloren geht.
Was passiert ist, lässt sich nicht mehr ändern. Wir können aber beeinflussen, wie wir Erlebnisse verarbeiten. Ziel ist es, dass die Patienten damit umgehen und leben können.
Die Hemmschwelle für Therapien ist bei Lokführern hoch.
Die Aufarbeitung ist für Betroffene häufig sehr anstrengend. Sie fühlen sich schuldig, traurig oder auch wütend. Das sind Gefühle, die dabei hochkommen. Zudem bieten wir ergänzende Therapien an, wie Kunst-, Sport-, Achtsamkeits- oder Musiktherapien. Diese helfen, um Stress zu bewältigen. Die Therapie dauert insgesamt zwischen acht und zwölf Wochen.
SWR Aktuell: Wie gelangen Lokführer zu ihnen in die Klinik? Gibt es eine Kooperation zwischen der Klinik und der Deutschen Bahn?
Fischer: Nein, eine solche Zusammenarbeit gibt es nicht. Die Deutsche Bahn empfiehlt aber Kliniken, auch unsere. Die Lokführer werden aber nicht automatisch an uns zugewiesen. Dafür sind die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zuständig.
Jedes Jahr müssen fast 20 Lokführer ihren Beruf wegen traumatischer Erlebnisse aufgeben.
Die Lokführer können über die Unfallversicherung zu uns kommen. Viele Betroffene finden uns aber auch über das Internet und kontaktieren uns dann.
SWR Aktuell: Gibt es bei Lokführern vor der Therapie noch eine Hemmschwelle?
Fischer: Leider ja. Die Hemmschwelle bei Lokführern ist hoch, weil sie sich mit ihrem Beruf besonders identifizieren. Sie gehen davon aus, dass sie schlimme Erlebnisse verkraften müssen. Tatsächlich sind Lokführer sehr tapfer.
Es muss schon viel passieren, dass ein Lokführer zu uns in die Klinik kommt. Sie versuchen, es zunächst selbst zu verarbeiten oder im Alltag auszublenden. Erst, wenn die Familie und das Umfeld darunter leiden, entscheiden sie sich für eine Behandlung.
SWR Aktuell: Wie oft schaffen es psychisch erkrankte Zugführer, nach einer Therapie wieder in ihr Berufsleben zurückzukommen?
Fischer: Die meisten Betroffenen fahren nach der erfolgreichen Therapie wieder einen Zug und können ihrem Beruf wie gewohnt nachgehen. Allerdings geht es nicht allen Patienten so.
Jedes Jahr müssen in Deutschland fast 20 Lokführer wegen solcher traumatisierender Ereignissen ihren Beruf aufgeben. Andere können keinen Zug mehr fahren und arbeiten nach einer beruflichen Wiedereingliederung in anderen Bereichen bei der Deutschen Bahn.
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