Die Sonne schafft es an diesem Tag nicht durch den Nebel, der die Kuppen der Mosel-Weinberge bei Mehring im Kreis Trier-Saarburg verdeckt. In den Weinbergen ist Winterruhe. Winzer Michael Hank aus Longen nutzt diese Zeit, um in seiner Brennerei Schnäpse und Liköre herzustellen.
Der 58-Jährige hat knapp fünf Hektar Weinberge. Er bewirtschaftet den Betrieb allein und ist Direktvermarkter. Rund 60.000 Flaschen verkauft er durchschnittlich pro Jahr. Doch es wird weniger. Im vergangenen Jahr ging der Absatz um etwa zehn Prozent zurück.
Es wird immer schwieriger, den Wein an die Leute zu bekommen.
Hanks Stammkunden sind überwiegend ältere Menschen. "Die ordern dann schon mal ihren Jahresbestand bei mir. Die Jüngeren sind nicht so festgelegt. Die kaufen mal hier sechs Flaschen und mal dort ein paar. Oder sie trinken gar keinen Alkohol mehr. Es wird immer schwieriger, den Wein an die Leute zu bekommen."
Weinabsatz wird sich halbieren
Michael Hank ist damit nicht allein. Nach Zahlen des Deutschen Weininstituts (DWI) greifen die Verbraucher in Deutschland immer seltener zu Riesling, Grauburgunder und Co. Im Durchschnitt wurde vergangenes Jahr eine Flasche Wein weniger pro Kopf getrunken als noch im Jahr zuvor. Und dabei wird es nicht bleiben.
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Nach Berechnungen der Hochschule für Weinanbau in Geisenheim werden in den kommenden 20 Jahren die älteren Generationen, die jetzt mehr als zwei Drittel des Weins trinken, als Kunden wegfallen. Das hat Simone Loose, Professorin an der Hochschule, untersucht. Und es wird künftig weniger jüngere Verbraucher geben. Nur ein Teil von ihnen trinkt Wein und zudem deutlich weniger.
Es entsteht ein intensiver Verdrängungswettbewerb.
"Die Deutschen werden langfristig um bis zu fünf Prozent weniger Wein pro Jahr trinken", so Loose. Wenn in den kommenden 20 Jahren die älteren Generationen als Käufer komplett wegfielen, bleibe nur die Hälfte der heutigen Weinnachfrage bestehen. "Die Märkte der Zukunft werden damit kleiner. Dadurch entsteht ein intensiver Verdrängungswettbewerb", so Loose. Und schon jetzt gibt es weltweit mehr Wein auf dem Markt, als getrunken wird.
Moselwinzer in Konkurrenz zu günstigeren Produzenten
Die Weinbetriebe müssen demnach noch stärker um aktuelle und zukünftige Kunden kämpfen. Das können wenige, sagt Loose. Nach Aussage der Expertin gibt es an der Mosel ca. 1.000 Kleinstbetriebe, die kaum im Vollerwerb zukunftsfähig sind. "Weniger als die Hälfte der Betriebe werden bestehen bleiben können", so ihre Prognose.
Zudem ist der Weinanbau in Deutschland teurer als im Ausland. "Da ist der steigende Mindestlohn, der auf den Umsatz schlägt", sagt Pascal Kersten vom Bauen- und Winzerverband Bernkastel-Wittlich. Bürokratie, wie zum Beispiel die Dokumentationspflicht, wie viel Dünger auf welcher Parzelle verwendet wird, erschwere die Arbeit.
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Das drohende Verbot, wonach Pflanzenschutzmittel per Hubschrauber in Steillagen an der Mosel wegen des Apollofalters nicht mehr gespritzt werden dürfen, lasse manchen Winzer verzweifeln. Mit den zusätzlichen Schwankungen im Ertrag, gerade in den Steillagen, seien die Winzer in der Region kaum noch wettbewerbsfähig. Doch welche Wege aus der Krise gibt es?
Besseres Marketing und weniger Importe?
Susanne und Tim Wey aus Rivenich sitzen am großen Tisch in ihrem Wintergarten. Das Winzer-Paar bewirtschaftet knapp 38 Hektar. Nach einem guten Start vor einigen Jahren stagniert bei ihnen der Weinverkauf.
"Winzer zu sein, ist eine Herzenssache", sagt Tim Wey. Doch wenn er alles zusammenrechne, die Stunden im Weinberg, die Kosten für den Betrieb und die Mitarbeiter, dann bliebe unterm Strich wenig übrig. Wey wünscht sich mehr Unterstützung auch von den Politikern. Der Abbau der Bürokratie würde schon helfen, sagt er.
In Deutschland werden 60 Prozent ausländischer Wein getrunken.
Und er appelliert, dass die Leute mehr heimischen Wein trinken sollten. "In Deutschland werden 60 Prozent ausländischer Wein getrunken, 40 Prozent kommen von heimischen Winzern. Ein bisschen mehr Nationalstolz würde uns helfen. In Frankreich trinken die Leute ihren Wein. Auch in Österreich findet man kaum deutsche Weine in den Regalen. Warum geht das hier nicht?"
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Mehr Werbung für den regionalen Wein würde helfen, sagt Susanne Wey. Nicht nur jeder Winzer für sich, sondern als größere Kampagne, für ein besseres Image des Moselweins. Da könne zum Beispiel auch mehr von den Verbänden kommen, so die 39-Jährige.
Stillgelegte Weinberge schlecht für Tourismus
Doch schon jetzt ist an der Mosel der Umbruch in der Weinbranche zu spüren. "Es gibt kaum einen Ort, an dem nicht ein Winzer aufgibt", so Pascal Kersten vom Bauern- und Winzerverband Bernkastel-Wittlich. In Kröv sind es acht bis neun Weingüter, die im vergangenen Jahr geschlossen haben. Im Moselort Mehring wollen wohl fünf Winzer nicht weitermachen oder geben auf.
Die Landschaft an der Mosel verwildert!
Das gleiche Bild gibt es in Lieser oder Neumagen-Drohn. Die Folge: Rebflächen werden nicht bewirtschaftet, Weinberge liegen brach und verbuschen. Und es werden immer mehr. "Die Landschaft an der Mosel verwildert", sagt Winzer Michael Hank. "Und wir haben viele Touristen hier. Aber wenn man dann als Besucher in die Brachen reinschaut, dann sagen die Leute vielleicht auch: Um in Hecken zu schauen, brauchen wir nicht an die Mosel zu fahren."
Mögliche Alkoholsteuer für Winzer fatal
In der größten Krise des Weinbaus seit Jahrzehnten wird zudem jetzt über eine Alkoholsteuer diskutiert. In der momentanen Situation sei das, gerade für die Winzer mit Steillagen, ein großes Problem, analysiert Pascal Kersten vom Bauern- und Winzerverband. Für Winzer Tim Wey wäre dann sogar Schluss. "Das würde das Fass zum Überlaufen bringen. Die Alkoholsteuer wäre der letzte Rest, der uns zum Aufhören zwingen würde."
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Viele Lösungen und kein Königsweg
Die Herausforderungen für die Winzer an der Mosel sind groß. Neue Märkte und Kunden auch im Ausland zu suchen, ist ein Weg. "Der Vertrieb wird zur Kernkompetenz", stellt Simone Loose von der Weinbau-Hochschule in ihren Analysen fest. "Erfolgreich bleibt und wird derjenige, der seine Kundenzahl erhöht und bei dem häufig und viel bestellt werde. Das sind die entscheidenden Faktoren." Nicht jeder kann und wird das schaffen, weiß auch Winzer Tim Wey. "Wir versuchen, uns breit aufzustellen. Aber es wird verdammt schwierig."