Brombeersträucher sind hartnäckig. Immer wieder muss Mario Kohlmann das Unkraut herausreißen, weil es droht, seine kleinen Lavendelpflanzen zu überwuchern. "Ich glaube, einen Atomkrieg würden auf der Erde nur Kakerlaken und Brombeeren überleben", scherzt der Unternehmer aus Trittenheim.
Auf vier Parzellen bestreitet Kohlmann derzeit den Kampf gegen die dornigen Sträucher. Doch die Felder in den Weinbergen oberhalb von Trittenheim (Landkreis Trier-Saarburg) sollen nur der Anfang seiner "Lila-Lavendel-Linie" sein. Kohlmann will ein Stück Provence an die Mosel bringen - auf einem Wanderweg, der von Trier bis nach Briedel (Landkreis Cochem-Zell) führen soll.
Winzer geben immer mehr Weinberge an der Mosel auf
Die Grundstücke dafür werden dem Unternehmer, der auch Ortsbürgermeister von Trittenheim ist, so schnell nicht ausgehen. Immer mehr Weinberge an der Mosel liegen brach, vor allem die Steillagen, für die die Region bekannt ist. Denn die Hänge sind oft zu eng und zu steil für Erntemaschinen, und die Traubenlese von Hand ist aufwendig und teuer.
Hobbywinzerin Petra Bollig hält noch die Stellung. Sie bewirtschaftet in Trittenheim eine schmale Parzelle. Nebenan haben sich schon die Brombeeren breitgemacht. "Die Steillagen waren früher eine tolle Sache, davon haben die Winzer gelebt", sagt sie. "Aber sie bekommen kein Personal mehr, der Preis stimmt nicht für den Wein, es stimmt gar nichts mehr."
Lavendel wächst schon in Konz, Nittel und Lehmen
Es kriselt schon länger beim Weinbau an der Mosel. Manche Landwirte suchen deshalb nach Alternativen. Mario Kohlmann ist nicht der Erste, der es entlang des Flusses mit Lavendel versucht. Der lilafarbene Strauch wird bereits im Konzer Tälchen, in Nittel und in Lehmen - etwa 100 Kilometer nördlich von Trittenheim - angebaut.
Allerdings machen die Weinbauern vom Verein "Lehmener Razejunge" das nur ehrenamtlich. Mario Kohlmann hat hingegen einen Businessplan. Aktuell finanziert er das Projekt noch aus eigener Tasche. Er hofft aber auf Fördergeld.
Das soll eine Lavendelstraße für Touristen, für Einheimische und Kinder werden.
Was er außerdem plant: Privatpersonen und Unternehmen sollen Patenschaften für die Lavendelfelder übernehmen. Ein Anreiz für die Firmen könnten Fotoshootings im Lavendelfeld und andere Events für Mitarbeiter und Kunden sein. "Das soll eine Lavendelstraße für Touristen, für Einheimische und Kinder werden und die regionale Wirtschaft ankurbeln - das ist meine Vision", sagt Kohlmann. Aber ist das realistisch?
Lavendelanbau lockt Touristen nach Brandenburg
Ein Blick nach Brandenburg macht Hoffnung. In der Lausitz hat die Wissenschaftlerin Anne Rademacher am Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften untersucht, wie Lavendel Frost und Trockenheit standhält. Das Ergebnis: überraschend gut. "Alle Lavendelsorten sind gut gewachsen. Der Anbau kann durchaus wirtschaftlich sein", meint Rademacher.
Für viele ist das der kürzere Weg als in die Provence.
Ähnlich, wie Kohlmann das vorschwebt, haben sich die Felder in der Lausitz auch zu einem Ausflugsziel entwickelt. Die Besucher kommen in Bussen, es gibt Lavendelbratwurst vom Grill. "Für viele ist das der kürzere Weg als in die Provence", sagt Rademacher.
Wissenschaftlerin: Ohne Erntemaschinen nicht konkurrenzfähig
Mit den violetten Blüten lassen sich aber auch duftende Seifen, Kerzen und Parfüms herstellen. Schokolade oder Likör mit Lavendelgeschmack sind beliebt. Solche Produkte herzustellen lohnt sich aber nur, wenn die Ernte nicht zu teuer wird.
Und hier stehen die Landwirte in den steilen Moselhängen wieder vor dem gleichen Problem wie beim Wein, sagt Rademacher: "Ohne Mechanisierung wird es schwer, mit Weltmarktpreisen zu konkurrieren." Den Lavendel von Hand zu ernten, koste zu viel Zeit und Geld.
Keine Gefahr von Schädlingen durch Lavendel
Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Bernkastel-Kues, das Landwirte und Winzer an der Mosel berät, sieht aber noch ein weiteres Problem mit dem Lavendelanbau in den Steillagen. Angesprochen auf die Pläne für die "Lila-Lavendel-Linie" schreiben die Fachleute, Lavendel sehe zwar gut aus und biete Lebensraum für Insekten. "Demgegenüber steht allerdings, dass Lavendel auch eine Reservoirpflanze für Krankheitserreger ist."
Eine Gefahr sehen die Experten in der Glasflügelzikade, die die Schwarzholzkrankheit überträgt und sowohl Reben als auch Lavendel befällt. Diese Sorgen kann Mario Kohlmann für sein Projekt allerdings ausräumen. Er pflanze nur die Sorte "Grosso", die keine Zikaden beherberge. Somit gehe von seinen Feldern keine Infektionsgefahr für die umliegenden Weinberge aus, wie Studien belegen.
Erste Lavendelblüte im Sommer
"Schädlinge vermehren sich eher in brachliegenden Weinbergen", sagt die Trittenheimer Winzerin Petra Bollig. Mario Kohlmann jedenfalls lässt sich von den Einwänden genauso wenig entmutigen wie von den wuchernden Brombeersträuchern.
Für Ende Juni rechnet er mit der ersten Lavendelblüte in Trittenheim. Eine Förderung von der Europäischen Union wurde bereits genehmigt. "Ich gehe jetzt in die Vollen ", sagt Kohlmann. Dann wird sich zeigen, ob Lavendel nur eine schöne Idee ist oder der Anfang einer neuen Landwirtschaft im Moseltal.