Bundesweiter Tag der Zivilcourage am Samstag

Zivilcourage in der Nazizeit: Eine Stadtführung in Trier

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es auch in Trier Menschen, die Zivilcourage zeigten und sich für andere einsetzten. Die AG Frieden Trier stellt sie bei einem Stadtrundgang vor.

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Stand

Von Autor/in Nicole Mertes

Es war der Sonntag nach dem Pogrom gegen Juden am 9. und 10. November 1938. Auch in Trier plünderten Nazis von Juden betriebene Geschäfte, etwa 100 gab es damals in Trier. Die Synagoge am Zuckerberg wurde ebenfalls in der Nacht des 9. November von Nazis geplündert und beschädigt. Klaus Lohmann war in dieser Zeit Pastor der kleinen Gemeinde der evangelischen Bekennenden Kirche in Trier. In seiner Predigt an diesem Sonntag bewies er Zivilcourage und betete für die Juden.

Wehe uns Christen, wenn wir uns an der Judenverfolgung der Welt beteiligen!

Da die evangelische Bekennende Kirche sich dem im Nationalsozialismus propagierten Denken entgegensetzte, war Klaus Lohmann schon länger im Fokus der Trierer Gestapo, der Geheimen Staatspolizei. Im Gemeindesaal saß an jenem Sonntag ein Gestapospitzel.

In der Villa Rautenstrauch war 1938 auch die bekennende evangelische Gemeinde Trier untergebracht
In der Villa Rautenstrauch in der Dietrichstraße in Trier hatte 1938 die evangelische bekennende Gemeinde Trier ihren Sitz. Dort predigte Pastor Klaus Lohmann.

Lohmann bezeichnete in seiner Predigt die Juden als "unsere Brüder" und sagte: "Auch die Juden können unsere Brüder sein und sie sind es heute, wenn ihnen die Welt die Barmherzigkeit versagt. Wehe uns Christen, wenn wir uns an der Judenverfolgung in der Welt beteiligen." Die Gestapo ermittelte nach dieser Predigt gegen Lohmann und erhob Anklage. Gegen ihn wurden zwölf politische Verfahren geführt.

Im Gebäude der Reichsbahndirektion in der Christophstraße 1 in Trier hatte auch die Getapo ihren Sitz.
Von Oktober 1935 bis Oktober 1944 war im Gebäude der Reichsbahndirektion im 1. und 2. Stock der Sitz der Gestapo Trier. Hier wurden auch Menschen bei Verhören gefoltert.

Ehemals begeisterter Nazi erkennt seinen Fehler und zeigt Zivilcourage

Thomas Zuche vom Arbeitskreis "Trier im Nationalsozialismus" stellt Klaus Lohmann und weitere Beispiele von Zivilcourage in Trier bei einem Stadtrundgang am Tag der Zivilcourage am 19. September vor. Er hat Klaus Lohmann auch noch persönlich getroffen. Der 1910 in Koblenz geborene Lohmann erzählte ihm, wie stolz er gewesen war, als er während seines Studiums in Wien Adolf Hitler gesehen hatte. 1933 sei er begeistert in die SA eingetreten. Doch ein Jahr später sei er ausgetreten. Er studierte Theologie und war von April 1938 bis Ende August 1939 Pastor der Gemeinde der Bekennenden Kirche Trier. Er wurde in dieser Zeit häufig von der Gestapo verhört. Am Beginn des 2. Weltkriegs wurde er dann einberufen, überlebte den Krieg und starb 2002 in Bonn Bad-Godesberg.

Ich hatte oft Angst

Klaus Lohmann selbst hielt sich nicht für besonders mutig. "Ich hatte oft Angst." schrieb er, als die evangelische Gemeinde ihn 2001 ehrte, indem sie ihr Gemeinde- und Pfarrhaus in Tarforst "Klaus Lohmann Haus" nannte. Für ihn seien die Monate in Trier keine Sache seines Mutes, sondern seiner Überzeugung gewesen. Rückblickend müsse er sagen "Hätte ich doch mehr Zivilcourage gehabt!" Man hätte ganz anders, viel deutlicher reden müssen, so Lohmann. Doch dann, davon geht er aus, hätte er den Naziterror wohl nicht überlebt. "Zum Märtyrer hatte ich wohl nicht das Zeug", schrieb er.

Weitere Beispiele für Zivilcourage in Trier

Die Menschen, die am Trierer Stadtrundgang zu Zivilcourage während des Nationalsozialismus teilnehmen, erfahren auch etwas über weitere Menschen, die nicht einfach still mitgemacht und Befehle ausgeführt haben. Dazu gehört auch der Trierer Arzt Anton Hippchen. Er arbeitete damals zusammen mit Dr. Franz Schnitzler im evangelischen Krankenhaus in Trier und beide weigerten sich, Menschen gegen ihren Willen zu sterilisieren.

Der Arzt Anton Hippchen zeigte in der Zeit des Nationalsozialismus Zivilcourage. Er weigerte sich, Menschen zu sterilisieren.
Der Arzt Anton Hippchen zeigte Zivilcourage. Er weigerte sich, in der Zeit des Nationalsozialismus, im evangelischen Krankenhaus in Trier Menschen gegen ihren Willen zu sterilisieren. AG Frieden, Frau Dr. Körholz

Am 1. Januar 1934 war das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft getreten. Demnach sollten alle Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten sterilisiert werden. Dazu gehörten unter anderem Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, Sinti und Roma. Bis 1945 wurden in Deutschland bis zu 400.000 Menschen zwangssterilisiert, so die Gedenkstätte Hadamar zur aktuellen historischen Forschung. Viele wurden unter anderem in Hadamar in der sogenannten "T 4 Aktion" von den Nationalsozialisten ermordet.

Trierer Ärzte weigern sich, zu sterilisieren

Auch in Trier wurden Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zwangssterilisiert. Das katholische Krankenhaus der Barmherzigen Brüder vermied es, indem es Patienten ins benachbarte evangelische Krankenhaus überwies, wo solche Eingriffe durchgeführt wurden. Stolpersteine in der Engelstraße erinnern heute an die Opfer von Zwangssterilisierung in Trier.

Das ehemalige evangelische Krankenhaus in Trier
Im ehemaligen evangelischen Krankenhaus Trier wurden während des Nationalsozialismus Menschen zwangssterilisiert. Zwei Ärzte weigerten sich, das zu tun.

Franz Schnitzler und Anton Hippchen, die im evangelischen Krankenhaus arbeiteten, weigerten sich, Menschen zu sterilisieren. Beide verloren dadurch ihren Arbeitsplatz im Krankenhaus. Schnitzler, der seit 1908 Chefarzt im evangelischen Krankenhaus war, wurde in den Ruhestand versetzt. Hippchen entging der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, indem er sich als Arzt freiwillig beim Militär verpflichtete.

Beispiele von Zivilcourage, die Mut für die Gegenwart machen

Die AG Frieden Trier bietet den Stadtrundgang zu Zivilcourage seit 2019 an. Auch ein General, eine Ordensschwester und eine Kommunistin sind dabei Beispiele für Zivilcourage. Thomas Zuche von der AG Frieden sagt, Menschen, die an dem Stadtrundgang teilgenommen haben, reagierten oft überrascht. Viele wussten gar nicht, dass es auch in Trier Menschen gab, die sich während des Nationalsozialismus Anordnungen und Befehlen verweigert haben und so Zivilcourage bewiesen. Teilnehmende Menschen sagten nach dem Rundgang, es mache ihnen auch Mut, selbst Zivilcourage zu haben.

Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind ja nicht selbstverständlich.

Mit ihren Stadtrundgängen, wie dem zur Zivilcourage während des Nationalsozialismus, will die AG Frieden Denkanstöße geben. "Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind ja nicht selbstverständlich", so Thomas Zuche. In der Zeit des Nationalsozialismus sei es besonders schwer gewesen, dafür einzustehen und Zivilcourage zu beweisen. Jetzt sind wir noch nicht in der Situation, dass wir so besonders mutig sein müssen, wenn wir auf die Straße gehen und unsere demokratischen Rechte einfordern, so Zuche weiter. Aber es gebe Menschen, die schon jetzt durch rechtsextreme Gruppierungen bedroht würden, zum Beispiel Migranten und Homosexuelle, die müssten von der Mehrheitsgesellschaft geschützt werden.

Der Stadtrundgang zu Zivilcourage in Trier startet am Samstag den 19.9.26 um 15 Uhr im Brunnenhof am Simeonstiftplatz in Trier.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Nicole Mertes
Nicole Mertes ist Redakteurin im SWR Studio Trier.

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