Biographien im Nationalsozialismus

Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich

Ein Sadist im KZ Hinzert und ein Trierer Nazifunktionär, der nach dem Krieg Karriere machte. Die Trierer Uni hat neue Forschungen zum NS-Regime in der Region Trier vorgestellt.

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Stand

Von Autor/in Nicole Mertes

Der Schweizer Eugen Wipf war im KZ Hinzert unter den Häftlingen als brutaler Sadist gefürchtet. Dabei war er ab November 1941 selbst Häftling in dem Lager. Er wurde in der Kategorie "Krimineller" inhaftiert, teilte die Leitung der Gedenkstätte SS-Sonderlager KZ Hinzert mit. Die SS setzte ihn als "Funktionshäftling" ein, als Lagerältesten. Einige Häftlinge in Hinzert fanden ihn brutaler als die SS-Schergen, geht aus historischen Quellen hervor.

Biographie eines NS-Täters

Eugen Wipf, Jahrgang 1916, war Sohn eines Kleinbauern in der Schweiz. Nach abgebrochener Lehre zum Schmied und Jobs als Handlanger in der Schweiz war er zum Militär gegangen, wurde Unteroffizier. Nach ersten Vorstrafen wegen Diebstahls und Zechprellerei kommt er 1940 in Arrest, bricht aus und flüchtet nach Deutschland. Er bekommt zwar Arbeit, macht aber Schulden und säuft, kommt in Haft. Als "Krimineller" wird er im KZ Hinzert inhaftiert.

Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich: Eine Gesamtansicht der Baracken des SS-SonderlagersKZ Hinzert. Heute ist davon nichts mehr erhalten.
Eine Gesamtansicht der Baracken des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert. Heute ist davon nichts mehr erhalten. NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Die SS-Aufseher im Lager, bei denen er Mithäftlinge denunziert, machen ihn zum Lagerältesten, dem Capo. Er nutzt das aus, um seine Mithäftlinge brutal zu quälen, einige bis zum Tod. Historikerin Alisa Alic von der Universität Trier beschäftigt sich mit dem Thema, wie Wipf vom Opfer zum Täter wurde. Wie er als Capo seinen Status nicht nutzte, um seinen Mithäftlingen zu helfen, sondern, um seinen Sadismus auszuleben.

Im Sommer 1944 wird Wipf aus dem KZ Hinzert entlassen, wegen "Guter Führung". Er wird Mitglied der Waffen SS. Im Krieg wird er verletzt, flüchtet im Mai 1945 aus einem Lazarett in Bregenz zurück in die Schweiz. Die schweizer Militärpolizei nimmt ihn wegen seiner Fahnenflucht fest. Wipf soll wegen seiner Mitgliedschaft in der SS und seiner Fahnenflucht aus der Schweizer Armee 15 Monate Haft absitzen.

Luxemburger Überlebende des NS Terrors wollen Gerechtigkeit

Es ist der Initiative ehemaliger Hinzert-Häftlinge aus Luxemburg zu verdanken, dass Wipf nach dem 2. Weltkrieg verurteilt und bestraft wurde. Die Luxemburger Widerstandskämpfer wollten Gerechtigkeit und wandten sich an einen Schweizer Verleger.

Sie erzählten ihm, wie Wipf die Häftlinge in Hinzert gequält und teilweise sogar ermordet hat. Der Verleger informierte die Bundesanwaltschaft in der Schweiz. Die beginnt mit Ermittlungen und befragt in Paris und Luxemburg ehemalige Häftlinge, die den Terror des KZ Hinzert überlebt hatten.

Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich: Eine Straßengabelung am SS-Sonderlager KZ Hinzert
Das SS-Sonderlager KZ Hinzert lag in Sichtweite des Dorfes Hinzert. 1939-1945 waren in dem Lager etwa 10.000 Männer inhaftiert. Sie stammten aus von der Wehrmacht besetzten Ländern. NS Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Prozess in Zürich

Vor dem Züricher Schwurgericht gibt Eugen Wipf im Sommer 1948 zwar zu, dass er Mithäftlinge gequält hat, behauptete aber, er habe das nur auf Befehl der SS gemacht. Doch damit kommt er nicht durch. Vier französische und 20 luxemburgische Widerstandskämpfer und ehemalige Hinzert-Häftlinge sagen vor Gericht aus, auch der ehemalige Lagerarzt von Hinzert gehört zu den Zeugen.

Urteil: Lebenslänglich

Ein psychiatrischer Gutachter schätzt Eugen Wipf als voll schuldfähig ein und schreibt: "Er ist ein haltloser, triebhafter, alkoholischer Psychopath". Wipf wird wegen 14-fachen Mordes, Beihilfe zu vorsätzlicher Tötung und schwerer Körperverletzung zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt. Er stirbt drei Monate später im Gefängnis an Blutvergiftung.

Trierer NS-Funktionär kommt straffrei davon

Wilhelm Mäurer, der 1933 die Staatspolizeistelle Trier aufbaute, wurde nach dem 2. Weltkrieg nicht verurteilt. 1898 in Gladbach in der Eifel geboren, hatte der Jurist seine Karriere 1929 in der Weimarer Republik begonnen. Er wurde persönlicher Referent des Regierungspräsidenten. 1933 trat er in die NSDAP ein und wurde promt zum Regierungsrat befördert.

Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich: Wilhelm Mäurer, erster Leiter der Trierer Staatspolizeistelle 1933
Wilhelm Mäurer war der erste Leiter der Trierer Staatspolizeistelle 1933. Bundesarchiv Berlin Slg NS Archiv des MfS-ZAVI 0200 A 0.6 Mäurer.

NS-Staatspolizeistelle am Trierer Hauptmarkt

Der erste Standort der NS-Staatspolizei in Trier war in dem Gebäude am Hauptmarkt, in dem heute ein großer Drogeriemarkt ist. Erst 1935 zog die Gestapo in die Christophstraße 1 um. Wilhelm Mäurer hatte als erster Leiter der Staatspolizeistelle Trier auch die Aufgabe der "Emigrantenbekämpfung", der "Rückgewinnung der Saar."

Mäurer leitete die Trierer Staatspolizeistelle von Mai bis Dezember 1933. Dann ging seine Karriere im Nationalsozialismus in Berlin weiter, im geheimen Staatspolizeiamt. Er übernahm 1934 das Dezernat, das für die Verfolgung von Ausländern, Emigranten, Juden und Freimaurern zuständig war, außerdem für das damalige Saargebiet.

NS-Ideologie im Amt befolgt

Ulli Backes beschäftigt sich in seiner Masterarbeit im Fach Geschichte an der Universität Trier mit Mäurers Karriere, die nahtlos drei politische Systeme erfasste. Akten seien ein deutliches Indiz dafür, dass Mäurer ein Opportunist gewesen sei.

Mit der Machtergreifung Hitlers habe auch er die NS-Ideologie übernommen und in seinem Amt befolgt. Für seine Beobachtung des Saargebiets und der vor 1935 dorthin geflüchteten Juden und Regiemegegner sei er sogar ausgezeichnet worden.

Trier unter den Nazis: Neue Forschung zu den Tätern im Dritten Reich: Am Trierer Hauptmarkt war 1933 der Sitz der Staatspolizeistelle Trier.
Direkt am Hauptmarkt, dort wo heute ein großer Drogeriemarkt ist, war 1933 der erste Sitz der Staatspolizeistelle Trier. Stadtarchiv Trier Bild Slg 1 26-276

NS-Funktionär wird nicht bestraft

Weitere Stationen in Mäurers NS-Karriere waren Hannover und Karlsbad im Sudetenland. 1942 wurde er zum Regierungsdirektor befördert. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er von den US-Behörden im Entnazifizierungsverfahren milde nur als Mitläufer eingeschätzt. Nahtlos konnte er seine Karriere in der Bundesrepublik fortsetzen als Regierungsdirektor im Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen. Mäurer starb 1987.

Trierer Forscher wollen noch viel aufdecken

Seit Beginn des Forschungsprojektes zur Geschichte der Gestapo Trier 2012 haben schon viele Studierende einzelne Aspekte des Themas erforscht und Abschlussarbeiten geschrieben. Anfangs schien es fraglich, ob man noch viel herausfinden könnte. Doch als 2015 tausende verschollen geglaubte Trierer Gestapoakten in einem französischen Militärarchiv entdeckt wurden, kamen viele bisher unerforschte historische Quellen dazu.

Weitere Forschung auch mit KI

Derzeit beschäftigt sich Historikerin Dr. Lena Haase von der Universität Trier in einem Projekt mit den Justizhaftanstalten in Rheinland-Pfalz während des Nationalsozialismus, unter anderem mit dem Frauenstraflager Flußbach bei Wittlich. Historiker Dr. Thomas Grotum setzt für seine aktuellen Forschungen auch KI ein.

Mit Expertinnen und Experten der Computerlinguistik und Informatik entwickelt er Möglichkeiten um Massenquellen, wie die etwa 1 Million Wiedergutmachungsakten in Rheinland-Pfalz, zu erschließen und für die politische Bildungsarbeit zugänglich zu machen.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Nicole Mertes
Nicole Mertes ist Redakteurin im SWR Studio Trier.

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