Am 14. Juli 2021 veränderte Tief "Bernd" das Leben vieler Menschen im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Rekordregen verursachte Überschwemmungen, Zerstörungen und forderte ein Todesopfer. Wie ist der Eifelkreis in Zukunft auf eine solche Katastrophe vorbereitet?
SWR Aktuell: Herr Larisch, wenn Sie heute, vier Jahre nach der Flut, auf den Eifelkreis blicken – wo stehen wir aktuell im Katastrophenschutz? Was wurde konkret verbessert oder neu aufgebaut seit dem Sommer 2021?
Jürgen Larisch: Wir haben in verschiedenen Bereichen massiv aufgerüstet – bei der Technik, der Ausrüstung, aber auch in der Organisation. Wichtig war uns aber: Wir bereiten uns nicht nur auf Unwetterlagen vor. Wir müssen einsatzbereit sein für jede Art von Gefahrenlage – sei es ein Chemieunfall, ein Waldbrand oder ein großflächiger Stromausfall.
Vor allem zählt für uns: Zusammenarbeit. Politik, Verwaltung, Feuerwehr, Hilfsorganisationen – und ganz zentral auch die Bevölkerung. Nur gemeinsam funktioniert moderner Katastrophenschutz.
Wenn Helfen zur Herausforderung wird
SWR Aktuell: Wo liegen aus Ihrer Sicht – trotz der Fortschritte – weiterhin die größten Schwächen? Gibt es Lücken, sei es bei Personal, Technik oder in der Struktur?
Jürgen Larisch: Personell sind wir im Eifelkreis aktuell in einer relativ guten Lage – aber das kann trügen. Denn insgesamt sehe ich im ländlichen Raum ein zunehmendes Problem, das Ehrenamt dauerhaft zu erhalten. Viele Menschen arbeiten unter der Woche weiter entfernt, sind in der Nacht oder am Wochenende verfügbar, aber tagsüber wird es eng. Und: Nach der Flut gab es zunächst eine hohe Bereitschaft zur Mithilfe – aber vieles davon war ein Strohfeuer. Langfristige Bindung bleibt eine Herausforderung.
SWR Aktuell: Nach der Flut wurde vielfach über Warnsysteme diskutiert. Manche Bürgerinnen und Bürger empfinden die Warnungen inzwischen als zu häufig oder nicht präzise genug. Wie schätzen Sie die Situation heute ein?
Jürgen Larisch: Das ist ein berechtigter Punkt. Wir haben heute ein deutlich breiteres Warnsystem – mit Sirenen, Lautsprechern, Apps wie NINA oder Katwarn. Wir nennen das den "Warnmix". Aber: Diese Systeme müssen gezielt eingesetzt werden.
92 Millionen Euro nicht ausgezahlt Mehr als 670 Millionen Euro Flut-Spenden: Das ist mit dem Geld passiert
Nach der Flutkatastrophe 2021 wurden mehr als 670 Millionen Euro gespendet. Das hat eine Recherche des SWR ergeben. Das Erstaunliche: 92 Millionen Euro wurden bisher nicht ausgegeben.
Wir erleben heute häufiger Rückmeldungen wie: "Schon wieder eine Warnung – aber nichts passiert." Das liegt daran, dass Starkregenereignisse sehr lokal auftreten. Wir müssen dennoch einen ganzen Landkreis warnen – auch wenn es letztlich nur eine Gemeinde trifft. Unser Ziel ist deshalb nicht nur die Warnung, sondern gleich mitzugeben, wie man sich verhalten soll. Das schafft Vertrauen und Orientierung.
Engpässe im Ehrenamt
SWR Aktuell: Was hat sich in Bezug auf die Einbindung der Bevölkerung getan? Gibt es neue Konzepte oder Gruppen, die helfen wollen – etwa bei Sandsackaktionen oder als Spontanhelfer?
Jürgen Larisch: Ja, das ist ein ganz positiver Aspekt. In Bitburg etwa gibt es inzwischen sogenannte Sandsack-Teams. Aber auch in anderen Orten schließen sich Bürgerinnen und Bürger zusammen, um im Ernstfall helfen zu können. Wir legen großen Wert darauf, dass solche Spontanhelfer strukturiert eingebunden werden – mit klaren Aufgaben, Einweisungen und Schulungen. Denn unkoordiniertes Engagement kann im Ernstfall auch zur Gefahr werden. Inzwischen haben wir dafür feste Konzepte.
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SWR Aktuell: Sie hatten im vergangenen Jahr deutliche Kritik an den damaligen Förderungen, zum Beispiel für zusätzliche Ausrüstung geäußert. Hat sich hier auf Landesebene inzwischen etwas zum Positiven verändert?
Jürgen Larisch: Ja, da hat sich tatsächlich etwas getan. Rheinland-Pfalz hat seine Förderrichtlinien angepasst. Statt der früheren Einzelförderungen gibt es jetzt pauschale Fördermittel für die Kreise und Kommunen. Das erleichtert vieles: Wir können schneller planen, gezielter investieren und sind nicht mehr so abhängig von langwierigen Einzelanträgen. Für uns als Katastrophenschutz ist das ein Riesenschritt nach vorn.
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So wird der Eifelkreis sicherer
SWR Aktuell: Wenn Sie weiterdenken – was braucht es aus Ihrer Sicht auf Bundes- oder Landesebene noch, damit Regionen wie der Eifelkreis langfristig sicherer werden?
Jürgen Larisch: Es braucht vor allem flexible Lösungen. Jeder Landkreis ist anders aufgestellt – geografisch, strukturell, personell. Aber was überall gleich ist: Der Bürger muss mitgenommen werden. Wir können im Katastrophenfall nicht jedem sofort helfen – das muss klar sein. Deshalb setzen wir auf Vorsorge, Informationskampagnen und praktische Tipps, wie sich jeder Haushalt vorbereiten kann. Das sind einfache Dinge, die im Ernstfall entscheidend sein können.
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Mehr als Sachschäden: Die psychische Last bleibt
SWR Aktuell: Vier Jahre sind vergangen. Wie erleben Sie heute die Menschen in der Region? Ist die Flut für viele längst Vergangenheit – oder wirkt sie bis heute nach?
Jürgen Larisch: Sie wirkt nach, und zwar auf mehreren Ebenen. Viele Menschen haben materiell noch nicht alles wiederhergestellt. Aber was oft vergessen wird: die psychischen Folgen. Einige reagieren bei Unwetterwarnungen heute sehr sensibel, manchmal panisch, selbst, wenn es nur ein Sommergewitter ist. Darum ist psychosoziale Nachsorge extrem wichtig. Die Notfallseelsorge, Caritas, Rotes Kreuz – sie helfen auch noch Jahre später, begleiten Menschen, die Ängste entwickelt haben. Das ist ein oft unterschätzter Aspekt im Katastrophenschutz.
Ich sehe, wie so oft, ein schleichendes Vergessen.
SWR Aktuell: Wenn Sie zurückblicken – haben wir als Gesellschaft aus der Flutkatastrophe 2021 genug gelernt?
Jürgen Larisch: Leider nein. Ich sehe, wie so oft, ein schleichendes Vergessen. Jeder Tag, der vergeht, rückt das Ereignis weiter von einem weg. Und damit sinkt auch die Bereitschaft, sich mit Risiken auseinanderzusetzen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man das den Menschen auch immer wieder ins Gedächtnis bringt. Auch unserer Politik und der Verwaltung.
Dabei ist klar: Die nächste Großschadenslage kommt ganz sicher. Vielleicht kein Hochwasser, sondern ein Stromausfall oder Waldbrand. Darum ist mein Appell: Nicht vergessen. Nicht nachlassen. Und vor allem: gemeinsam handeln. Nur wenn Politik, Verwaltung, Einsatzkräfte und Bevölkerung eng kooperieren, sind wir wirklich vorbereitet.