Julia Woit wird wohl nie wieder die Wittlicher Säubrennerkirmes besuchen. Denn das Fest bleibt für sie immer mit dem Tod ihres Cousins Michael Ovsjannikov verbunden.
Dass Menschen tagelang dort trinken, tanzen und feiern, wo der 28-Jährige erstochen wurde, ist für Woit nur schwer zu ertragen: "Irgendwie geht für alle das Leben weiter. Ich habe das Gefühl, Micha ist schon fast vergessen. Aber für uns ist er noch präsent."
Aus diesem Grund hatte sie am Dienstag eine Gedenkveranstaltung organisiert. Freunde und Bekannte hatten dort Luftballons mit Botschaften für Micha steigen lassen. "Der Tag soll ihm gewidmet sein", sagt Julia Woit: "Damit wenigstens die engsten Angehörigen an ihn denken."
Kirmesbesucher denken an Tat vor zwei Jahren
Doch sie ist nicht die Einzige, die dieser Tage an den tödlichen Messerangriff denkt. Gerade wenn Besucher am Tatort in der Trierer Straße vorbeigehen, kommen bei ihnen die Erinnerungen hoch. Manch einer hat noch immer ein mulmiges Gefühl.
Auch Bürgermeister Joachim Rodenkirch (CDU) sagt: "Die Erinnerungen an diese Tat bleiben haften und hinterlassen Spuren. Und das ist auch gut so, dass man sich an Michael Ovsjannikov erinnert."
Bürgermeister: Sicherheit immer auf dem Prüfstand
Die Tat hat auch das Sicherheitsgefühl auf der Kirmes verändert. Manche Besucher haben Angst, wenn sie über den Rummel oder an den Bühnen vorbei schlendern. Dieses Jahr seien deshalb mehr Polizeistreifen auf der Kirmes unterwegs, sagt Rodenkirch. Schwere Schottersäcke schützen die Menschenmengen in der Innenstadt vor Autofahrern - eine Lehre aus dem Anschlag von Magdeburg.
"Wir überlegen jedes Jahr, wo unser Sicherheitskonzept noch Lücken haben könnte", sagt der Bürgermeister: "Auch wenn es auf einem so großen Volksfest nie absolute Sicherheit geben kann."
Marc Fleischmann, Sprecher der Trierer Polizei sagt: "Ein Fest ohne Straftaten gibt es nicht." Bisher sei die Kirmes in diesem Jahr aber "recht friedlich verlaufen" - es habe insgesamt 15 Straftaten gegeben, darunter vor allem Beleidigungen und Schlägereien.
Akten geben Aufschluss über Gründe für Freispruch
Doch nicht nur die Sicherheit auf dem Fest sorgt nach wie vor für Diskussionen - sondern auch der "unglückliche Ausgang des Prozesses" um den Messerangriff, wie Joachim Rodenkirch es formuliert.
Gerade die Angehörigen des Opfers könnten nicht verstehen, warum der angeklagte US-Soldat bei der Verhandlung auf der Air Base Spangdahlem freigesprochen wurde.
Ein Einblick in die Gerichtsakten bringt nun erstmals Klarheit. Demnach hatte der Verteidiger des Angeklagten mehrere Anträge gestellt, um den Prozess schon im Vorfeld platzen zu lassen. Und er erreichte damit, dass das Geständnis, das der US-Soldat abgelegt hatte, vor Gericht nicht zugelassen wurde.
US-Ermittler haben Fehler bei Belehrung gemacht
Aus den Akten geht hervor, was die Gründe waren. Demnach haben die deutschen Beamten den Soldaten bei seiner Befragung auf Deutsch belehrt, dass er eines Tötungsdelikts verdächtigt wird.
Offenbar haben jedoch die US-Ermittler bei der Übersetzung strategisch entschieden, den Soldaten nur wegen gefährlicher Körperverletzung zu belehren, damit er freier spricht.
Die Richterin im Militärprozess sah das als Trick an und erklärte das Geständnis für nicht zulässig. Die Jury sprach den US-Soldaten später aus Mangel an Beweisen frei. Die genauen Hintergründe gibt es hier:
SWR wertet Gerichtsakten aus Tod auf der Säubrennerkirmes: So kam es zum Freispruch des US-Soldaten
Warum wurde das Geständnis eines US-Soldaten nicht gewertet, nachdem ein junger Mann aus Wittlich am 19. August 2023 erstochen wurde? Der SWR hat Antworten in den Akten gefunden.
Familie des Opfers geht juristisch weiter vor
Der Fehler der US-Ermittler könnte also zum Freispruch geführt haben. Doch egal, wie gravierend der gewesen sein mag - eine Berufung oder Revision ist im US-Militärrecht nicht vorgesehen. Das Verfahren neu aufzurollen, halten Juristen für nicht möglich.
Die Familie des Opfers können die Gründe für den Freispruch also nicht trösten. Abfinden können sie sich aber mit dem umstrittenen Urteil genauso wenig. Vor dem Oberlandesgericht Koblenz läuft derzeit ein weiterer Rechtsstreit, den Michael Ovsjannikovs Eltern angestoßen haben.
Julia Woit, die ihren Onkel und ihre Tante bei dem Verfahren unterstützt, sagt: "Wir haben einfach die Hoffnung, dass andere Familien so ein Schicksal nicht erleben müssen - dass jemand freigesprochen wird und dann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann."
Familie sieht sich um effektive Strafverfolgung gebracht
Konkret will die Familie feststellen lassen, dass die Staatsanwaltschaft Trier das Verfahren eigentlich in die deutsche Gerichtsbarkeit hätte überführen müssen. Weil sie das nicht getan habe, sei die Familie um ihr Recht an einer effektiven Strafverfolgung gebracht worden.
Im US-Militärgericht hatten sie außerdem nicht als Nebenkläger auftreten dürfen. So heißt es in dem Antrag, der dem SWR vorliegt. Die Oberstaatsanwaltschaft Koblenz hält den Antrag für unzulässig. Das Oberlandesgericht hat noch nicht darüber entschieden.
Gespräche zum Umgang mit Truppenstatut laufen
Hintergrund des Prozesses ist das sogenannte NATO-Truppenstatut, das regelt, welcher Staat die Strafverfolgung von verbündeten Streitkräften übernimmt. Nach üblichem Prozedere hatte die Staatsanwaltschaft Trier das Verfahren seinerzeit an die US-Justiz überstellt. "Wir haben immer noch die Hoffnung, dass dieses Truppenstatut überdacht wird", sagt Julia Woit.
Der inzwischen verstorbene, frühere Justizminister in Rheinland-Pfalz, Herbert Mertin (SPD), hatte deshalb 2024 im Rechtsausschuss gesagt, man werde "Erfahrungen der Staatsanwaltschaften des Landes auswerten und prüfen, ob konkretere Vorgaben sinnvoll erscheinen."
Das Justizministerium hat jetzt auf SWR-Anfrage mitgeteilt, dass solche Gespräche schon liefen. Abgeschlossen würden sie aber erst in der zweiten Jahreshälfte. Der Justizminister werde über die Ergebnisse im Rechtsausschuss berichten.
Geisterfahrer-Unfall: Staatsanwaltschaft gibt Verfahren nicht ab
Schon jetzt gibt es aber einen neueren Fall, der nicht an die US-Justiz übergeben wurde: Im Mai dieses Jahres kam es nahe Landscheid auf der Autobahn zu einem tödlichen Unfall, den ein Falschfahrer verursacht haben soll.
Doch obwohl der Angeklagte ein US-Soldat von der Air Base Spangdahlem ist, hat die Staatsanwaltschaft Trier das Verfahren nicht - wie früher üblich - abgegeben. Die Ermittlungen verfolgt sie selbst.
Dem hatte auch das Justizministerium zugestimmt, teilte ein Sprecher dem SWR mit. Die Entscheidung liege aber bei der Staatsanwaltschaft. Zu den Gründen schreibt der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Fritzen: Ein Verfahren abzugeben, sei immer eine Einzelfallentscheidung. Und die beiden Fälle seien nicht vergleichbar, ihnen lägen ganz unterschiedliche Sachverhalte zugrunde. Welche das aber genau sind, führt Fritzen nicht aus.
Für Julia Woit ist klar: "Das haben wir Micha zu verdanken, dass die Staatsanwaltschaft den Fall nicht abgegeben hat." Für sie ist es zumindest ein kleiner Lichtblick an diesem düsteren Tag für die Familie.