Dieser Mittwochmorgen ist ein besonderer für Noelia Steinmeier. Die Schülerin aus Karlsruhe bekommt heute die Noten für ihre schriftlichen Abiturprüfungen. "Da ist sehr viel Aufregung dahinter", gibt sie zu.
Steinmeier geht auf das Otto-Hahn-Gymnasium in Karlsruhe. Ihre Zeit dort war nicht immer einfach. Große Klassen, Lehrkräftemangel und Unterrichtsausfall. "Man hetzt so eins nach dem anderen ab und dann fällt es einem auch als Schüler schwer, mitzukommen", sagt die 18-Jährige.
Ein halbes Jahr keinen Unterricht
Besonders der Spanischkurs ist in Erinnerung geblieben. Nicht nur Noelia, sondern auch ihrer Mutter Tanja Steinmeier: "Ich glaub, die hatten ein halbes, dreiviertel Jahr keinen Unterricht in dem Fach." Zeit, die man auch in den folgenden Schuljahren nicht aufholen könne. Noelia hat Spanisch in der Oberstufe daher abgewählt. "Das finde ich sehr schade, dass die Schüler da so ein bisschen alleine gelassen werden mit sich", sagt Mutter Tanja Steinmeier.
Ich glaub, die hatten ein halbes, dreiviertel Jahr keinen Unterricht in dem Fach.
Gewerkschaft warnt vor Lehrermangel
Die Probleme an der Karlsruher Schule sind nicht außergewöhnlich, sie sind Alltag. Das zeigen Erhebungen des Instituts für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. Vier Prozent der Pflichtstunden würden derzeit an öffentlichen Schulen im Land ausfallen. Bei Realschulen und Gymnasien sind es laut Statistik noch mehr. Ein Grund hierfür ist laut Experten der Lehrermangel. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht davon aus, dass bis zum Jahr 2035 mindestens 16.000 Lehrkräfte fehlen werden - auch, weil viele Lehrerinnen und Lehrer der Babyboomer-Generation in naher Zukunft in Rente gehen. Ein Problem für alle Schulen im Land.
Große Klassen "überhaupt nicht gut"
Das sieht auch Resul Kizilay so. Er ist Realschullehrer in der Region Stuttgart. Im SWR-Politiktalk "Zur Sache Baden-Württemberg" erklärt er, dass sich dieser Lehrermangel auch in der Klassengröße widerspiegele. "Wenn wir kleinere Klassen hätten und die individuelle Förderung hätten, dann könnten wir auch die Schüler einfach besser ausbilden." Kizilay unterrichtet Englisch, Erdkunde und Wirtschaft. In seiner größten Klasse sitzen 30 Kinder. "Das ist überhaupt nicht gut", sagt er als Lehrer. Besser wären Klassen, in denen 10 bis 15 Schülerinnen und Schüler sitzen.
Wenn wir kleinere Klassen hätten und die individuelle Förderung hätten, dann könnten wir auch die Schüler einfach besser ausbilden.
Das Problem kennt auch Noelia Steinmeier. Die Abiturientin bemängelt, dass vor allem in der Oberstufe Klassen mit ganz unterschiedlichen Niveaus in Fachkursen zusammengelegt würden. "In Chemie hat man zum Beispiel einfach gemerkt, dass wir da alle auf unterschiedlichen Niveaus waren. Man hatte einfach keine gemeinsame Basis." Der Lernerfolg der Klasse, so berichtet die Schülerin, hänge entscheidend von der Lehrerin oder dem Lehrer ab. Und das habe Konsequenzen an ihrer Schule. Das Fach Chemie sei von keinem ihrer Mitschüler als Prüfungsfach im Abitur gewählt worden.
Kultusminister will bei Rankings wieder nach vorne
Andreas Jung (CDU) ist seit wenigen Wochen Kultusminister in Stuttgart. Zuvor war er als Teil der CDU-Bundestagsfraktion vor allem für Klima- und Umweltthemen zuständig. Die Sorgen von Schülerinnen wie Noelia Steinmeier nimmt Minister Jung ernst. Auch er sei kein Freund großer Klassen, aber neben dem Lehrkräftemangel sei das auch eine "Frage der finanziellen Möglichkeiten".
Trotzdem wolle er in der Legislatur daran arbeiten, Baden-Württemberg bundesweit wieder an die Spitze von Bildungsrankings zu führen. Dort, wo das Land in den letzten Erhebungen durchaus seine Rolle als nationaler Klassenprimus zugunsten von Bundesländern wie Bayern oder Sachsen hat einbüßen müssen. Doch das werde dauern, fürchtet Jung.
Forderung: Lehramtsstudium muss sich ändern
Lehrer Kisilay mahnt zur Eile. Auf Instagram und TikTok folgen ihm Zehntausende und schauen dabei zu, wie er mit Vorurteilen rund um den Job aufräumt. Etwa dass Lehrkräfte nachmittags frei hätten. Nicht immer ist der Ton dabei ernst. Kizilay will zeigen, dass Lehrer sein Spaß macht. Eine Freude, die ihm und vielen anderen angehenden Lehrkräften schon in der Ausbildung vergehe, berichtet er. Der Druck bei Lehrproben sei hoch, die Belastung, nach einer nicht bestandenen Prüfung vor dem beruflichen Nichts zu stehen, groß.
"Das Lehramtsstudium müsste anders aufgebaut werden, wir brauchen mehr Praxisbezug", fordert Kizilay. Zu dem Ergebnis kommt auch eine groß angelegte Umfrage, die der SWR an Referendarinnen und Referendare im Land geschickt hat. Mehr als jede dritte angehende Lehrkraft hat demnach bereits darüber nachgedacht, das Referendariat abzubrechen.
Das hat auch Schülerin Noelia Steinmeier erlebt. Sie berichtet von angehenden Lehrerinnen, die vor Lehrproben zitterten. Eine Englisch-Referendarin sei gar nach drei Wochen Unterricht nicht mehr erschienen "und dann hatten wir auch drei Monate kein Englisch". Wieder Unterrichtsausfall also.
Man wolle den Beruf attraktiver machen, die Ausbildung von Lehrkräften stärken, sagt Kultusminister Jung. "Natürlich bedeutet das Stress", gibt er mit Blick auf die Prüfungen zu und führt fort: "Wir müssen das verträglich gestalten und diejenigen, die Lehrerin und Lehrer werden wollen, motivieren", so Jung. Viele Referendarinnen und Referendare seien jedoch mit der Ausbildung zufrieden, erklärt der Minister.
Jahrgangsbeste trotz Hürden
Zurück zur Karlsruher Schülerin Noemie Steinmeier. Für sie hat das Warten rund um die Abiturnoten an diesem Mittwochmorgen ein Ende. Stolz hält sie in der Aula ihrer Schule einen roten Papierbogen in den Händen. "Ich habe überall 13 Punkte", sagt die 18-jährige Schülerin stolz und auch ein wenig erleichtert. Heißt: Die Note 1 in allen Prüfungen. Jahrgangsbeste ist sie damit - allen Unterrichtsaufällen und dem Lehrkräftemangel zum Trotz. Wenn sie jetzt noch ihre mündlichen Abiturprüfungen besteht, ist für sie das Kapitel Schule abgehakt.