Vier Kultusministerinnen und -minister in 15 Jahren Kretschmann, häufige Kurswechsel und Reformen: In Baden-Württemberg erinnert die Schulpolitik an eine Dauerbaustelle. Ein Kernthema: die Frage nach G8 oder G9. Dabei ist die grün-schwarze Koalition 2021 mit einer klaren Ansage gestartet: "Das achtjährige Gymnasium bleibt die Regelform."
Einen Volksantrag und ein Bürgerbegehren später steht 2024 die Rückkehr zu G9 fest. Weniger Leistungsdruck, mehr Zeit zum Lernen, das war das Ansinnen vieler Eltern. Die Politik beugt sich dem Druck. Wurde hier am falschen Ende reformiert? Ein Bildungsforscher glaubt "ja" und plädiert für mehr Weitblick.
Rückkehr zu G9 in der BW-Bildungspolitik als "teure Baustelle"
Für den Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl ist die Rückkehr zu G9 keine positive Entwicklung: "Langfristig gesehen ist es eine relativ teure Baustelle, G9 wieder einzuführen. Da hätten wir das Geld auch für andere Baustellen dringender benötigt."
Zum Beispiel für eine grundlegenden Reform des Schulsystems. Das sei zu unübersichtlich, findet Bohl und zählt auf: Hauptschulen, Realschulen, Gemeinschaftsschulen, Gymnasien, berufliche Gymnasien, Privatschulen - die vielen Schularten in Baden-Württemberg machten es schwer, Qualitätsstandards einzuhalten. Auch wenn die Schülerschaft heute unterschiedlicher sei - eine immer weitere Ausdifferenzierung des Schulsystems könne nicht die Antwort sein.
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Bildungsforscher schlägt Schulsystem mit zwei Säulen vor
"Wir können nicht auf diese Heterogenität dadurch reagieren, dass wir vielleicht keine Dreigliedrigkeiten mehr haben, sondern eine Sechsgliedrigkeit oder eine Achtgliedrigkeit. Das ist halt irgendwann nicht mehr machbar", findet Bohl.
In einem Konzeptpapier schlägt der Bildungsforscher deswegen ein Schulsystem aus zwei Säulen vor: Ein Gymnasium und eine neue Sekundarschule, die dafür aufgestellt ist, mit Schülern unterschiedlicher Herkunft und Leistung umzugehen. "Gleichzeitig müsste diese neue Sekundarschule, wie wir sie nennen, sehr eng und konstruktiv mit dem Gymnasium kooperieren. Im Idealfall auf einem Campus oder in einer regionalen Nähe und gemeinsam."
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Gespräche über Schulfrieden in BW gescheitert
Eine solche Reform bleibt unter 15 Jahren grün geführter Landesregierung aber aus. Trotzdem gibt es einen Versuch, in der Bildungspolitik einen langfristigen Kurs abzustecken, sogar zwischen Regierung und Opposition. Im Frühjahr 2024 treffen Grüne und CDU die Oppositionsfraktionen SPD und FDP. Das Ziel: ein langfristiger Schulfrieden, der mehrere Minister oder Regierungen überleben könnte. Die Gespräche scheitern. Die Opposition erklärt danach, man fühle sich von den Vorstellungen der Landesregierung überrollt.
Andreas Stoch, Oppositionsführer von der SPD und einst Kultusminister unter Kretschmann, schildert die Situation heute etwas anders. Kretschmann habe die ausgestreckte Hand der SPD nicht angenommen: "Es sah am Anfang so aus, als ob Grüne und CDU einschlagen wollen. Das ist eine Riesenchance, die da verpasst wurde."
Zuständigkeit für Bildung wechselte häufig
Stoch war einer der vier Kultusminister unter Ministerpräsident Kretschmann. Vor ihm hatte Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) das Amt inne, auf ihn folgte mit Susanne Eisenmann eine CDU-Politikerin. Heute leitet Theresa Schopper von den Grünen das Amt. 15 Jahre Kretschmann-Regierung und vier Kultusministerinnen und -minister.
Der Erziehungswissenschaftler Professor Thorsten Bohl erklärt: Mit dem richtigen Kurs hätte mehr Kontinuität gut getan: Das Schulsystem sei wirklich kompliziert bis in die letzten Details hinein. "In dem Sinne ist es schon gut, wenn jemand in zwei oder drei Legislaturperioden Kultusminister oder Kultusministerin ist. Man braucht wirklich eine ausgeprägte Expertise. Wenn da der Wechsel alle vier Jahre kommt, ist es schon ein Problem."
In dem Sinne ist es schon gut, wenn jemand in zwei oder drei Legislaturperioden Kultusminister oder Kultusministerin ist. Man braucht wirklich eine ausgeprägte Expertise. Wenn da der Wechsel alle vier Jahre kommt, ist es schon ein Problem.
Vielleicht scheint es vor diesem Hintergrund weniger überraschend, dass im Sommer 2025 plötzlich 1.440 Lehrerstellen auftauchen, die anscheinend jahrzehntelang unbesetzt waren, ohne dass es jemand bemerkt hätte.
Bei der Bildungspolitik braucht es einen langen Atem
Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es nicht. Eine IT-Umstellung wird zunächst als Grund genannt. Theresa Schopper, Kultusministerin der Grünen, ist es, die diese Panne bekannt geben darf. Über ihr Amt sagt sie: "Kultuspolitik braucht immer einen langen Atem. Wer den kurzfristigen Win-Win sucht, hat da sicher keine Freude."
Eine Redensart besagt: Mit Bildungspolitik könne man Wahlen nur verlieren und nicht gewinnen. Nach der kommenden Landtagswahl stellt sich erneut die Frage, wer dieses Amt aufnehmen wird.