So mancher erinnert derzeit daran, wie die grün-rote Landesregierung 2011 besetzt war. Zwar durfte Winfried Kretschmann (Grüne), damals noch 62, als Ministerpräsident in die Villa Reitzenstein einziehen, aber alle großen und wichtigen Ressorts übernahm die SPD. Die war nämlich bei der Landtagswahl fast genauso stark wie die Grünen gewesen. SPD-Landeschef Nils Schmid wurde Superminister für Finanzen und Wirtschaft sowie Vize-Regierungschef, seine SPD übernahm außerdem die personalstarken Ressorts Inneres und Kultus. Unterm Strich stand: Sieben Fachressorts für die SPD, fünf Ministerien für die Grünen.
Bei der CDU haben dem Vernehmen nach viele genau dieses Szenario vor Augen, denn nach der Landtagswahl am Sonntag ist sie sogar noch näher dran an den Grünen als seinerzeit die SPD - gerade mal 0,5 Prozentpunkte oder 27.000 Stimmen haben der Union am Sonntag gefehlt. Bei den Parlamentssitzen gibt es sogar einen Patt. Zurzeit hat die CDU noch die Maximalforderung im Gepäck, die Amtszeit des Ministerpräsidenten könnte geteilt werden. Wahlsieger Cem Özdemir (Grüne) hat das schon abgebügelt. Spaßvögel sprechen von einer Doppelspitze "Patt und Pattachon".
Große Frage bei CDU: Geht Hagel ins Kabinett Özdemir?
Aber dass die CDU sich den Eintritt in die Landesregierung nach dem kurzen, aber harten Wahlkampf teuer bezahlen lassen will, das steht außer Frage. Hinter den Kulissen wird schon darüber gebrütet, wer welches Ministerium übernehmen könnte - und: was sich bei der Neuauflage von Grün-Schwarz ändern müsste. Denn nach dem schwachen Abschneiden der CDU bei der Wahl 2021 hatte die Union fünf Ressorts (darunter das neue Bauministerium) erhalten, die Grünen aber sieben - plus Kretschmann in der Staatskanzlei.
Bei der CDU ist die große Frage: Geht Spitzenkandidat Manuel Hagel in ein Kabinett Özdemir? Wenn ja, würde er - so CDU-Strategen - ein Superministerium wie einst Nils Schmid anstreben, also Finanzen und Wirtschaft dazu. Wenn nein, bliebe er Fraktions- und Parteivorsitzender. Klar ist, dass die CDU das Innenministerium behalten will, aber den Ressortchef auswechseln möchte. Amtsinhaber Thomas Strobl (65) könnte Landtagspräsident werden - ob die Fraktion da mitspielt, ist unklar, denn Strobl ist dort unbeliebt und Aspiranten auf diesen eher repräsentativen Job gibt es viele. Präsidentin ist derzeit noch die Grüne Muhterem Aras, die es auch unbedingt bleiben möchte. Aber auf den Posten würden die Grünen im Zweifel verzichten, heißt es aus der Führung. Für das Innenressort wird die bisherige Justizministerin Marion Gentges (CDU) gehandelt, wobei es in der CDU eine Reihe von Innenpolitikern gibt, die sich Hoffnungen machen.
Bei der CDU könnte es auch neue Gesichter geben
Bauministerin Nicole Razavi (CDU) werden Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz nachgesagt, sollte Hagel ins Kabinett gehen. Da sieht sich allerdings auch Hagels Vertrauter und Generalsekretär Tobias Vogt. Bei der CDU gibt es ansonsten auch den spürbaren Wunsch, neue Gesichter einzuwechseln. Neben Strobl könnte das auch Agrarminister Peter Hauk und Nicole Hoffmeister-Kraut treffen. Als Ministerkandidat wird zum Beispiel immer wieder Moritz Oppelt genannt, der Bezirkschef der CDU Nordbaden ist und bei der Bundestagswahl knapp gescheitert war.
Bei den Grünen gelten Thekla Walker (Umwelt), Petra Olschowski (Forschung) und Danyal Bayaz (Finanzen) grundsätzlich als gesetzt. Walker war Nummer eins der Landesliste und gehört wie Bayaz, der ein enger Vertrauter von Özdemir ist, zur grünen Verhandlungsgruppe. Aber ob Bayaz seinen Posten behalten kann, steht in den Sternen. Denn wenn die CDU - wie einst die SPD - die beiden wichtigsten Ressorts Finanzen und Inneres beanspruchen sollte, dann würde es für die Grünen schwer, das abzuwehren.
Nachfolger für Winfried Hermann gesucht
Bei den Grünen scheiden die altgedienten Minister Winfried Hermann (Verkehr) und Manfred Lucha (Soziales) aus. Vor allem Hermann galt der Parteilinken bei den Grünen als Galionsfigur. Hier braucht es Ersatz: Womöglich könnte Fraktionsvize Oliver Hildenbrand ins Kabinett nachrücken, eventuell als Sozialminister. Auch der Name Ricarda Lang wird immer wieder genannt, aber die Chance, dass die 32-jährige Bundestagsabgeordnete (Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd) Berlin den Rücken kehrt, gilt als gering.
Eher unklar ist, ob die Grünen weiter das Verkehrs- und Kultusministerium halten können. Bei der CDU könnte der Wunsch da sein, nach der 15 Jahre währenden Ära Hermann endlich wieder den Verkehrsminister zu stellen, dem sie immer einen "Kulturkampf gegen das Auto" vorgehalten haben. Ansonsten stünde wohl der langjährige Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz bereit, das Ressort zu übernehmen.
Die heiße Kartoffel unter den Ministerien: Das Kultusressort
Was das Kultusministerium angeht, galt früher immer die Regel: Der eine Koalitionspartner hat das Forschungs-, der andere das Kultusressort. 2021 wurde das Ministerium mit dem mit Abstand größten Haushalt und dem größten Streitpotenzial hin- und hergereicht wie eine heiße Kartoffel. Und so wichen Grüne und CDU von der alten Regel ab: Die Grünen bekamen den Zuschlag und Theresa Schopper erhielt von Kretschmann den Auftrag, die Bildungslandschaft zu beruhigen. Auf der Strecke gelang das nicht immer, aber im Wahlkampf spielte Bildung kaum eine Rolle. Von daher könnte Schopper (64) weitermachen, sie wäre wohl auch bereit.
Debatte um Posten für Tübinger OB nach der Landtagswahl "Kann an ihm eigentlich nicht vorbeigehen": Wieso ein potentieller Minister Boris Palmer Grün-Schwarz prägen könnte
Boris Palmer als Brückenbauer? Ein Politologe sieht im Tübinger OB den möglichen Schlüssel für pragmatische Landespolitik. Kann er seine Gegner überzeugen?
Was wird aus Boris Palmer?
Aber was ist eigentlich mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos), der sich selbst für eine wichtige Rolle ins Spiel bringt - obwohl Özdemir immer wieder gesagt hat, dass diejenigen sicher nicht Minister werden, die sich selbst ins Spiel bringen. "Boris Palmer wird nie und nimmer Minister“, sagt einer aus der Grünen-Führung. "Er will es in Wirklichkeit auch selbst nicht." In Tübingen könne er als Rathauschef doch regieren wie "ein kleiner König", in einem Kabinett müsste er sich dagegen unterordnen. Aber was könnte Palmer stattdessen auf landespolitischer Ebene machen? Der parteilose Ex-Grüne, der Özdemir im Wahlkampf unterstützt hatte, könne eine Kommission zum Thema Bürokratieabbau leiten und den Regierenden Hausaufgaben mitgeben.