Ein Soldat, eine Tigerin und ein ganzes Dorf in einem Solisten: Dario Fos geniale Allegorie "Eine Tigergeschichte"
Der Hörspielmonolog des italienischen Nobelpreisträgers Dario Fo erzählt die Geschichte eines chinesischen Soldaten, der nach einer schweren Verletzung von einer Tigerin und ihrem Jungen aufgezogen wird. Das allegorische Stück wurde von einer Chinareise Fos im Jahr 1975 inspiriert. Voller anarchischem Witz, inszeniert als Mischung aus Schauspiel und Pantomime – ein einziger Schauspieler verkörpert alle Figuren – feiert es die Widerstandskraft und den unermüdlichen Kampf gegen Unterdrückung.
Eine Geschichte über Hoffnung: drastisch, komisch, provokant
Der Tiger, so weiß Dario Fo zu berichten, habe in China – und dort spielt diese Geschichte – eine klare allegorische Bedeutung. "Von einer Frau, einem Mann oder einem Volk sagt man, sie haben den Tiger, wenn sie in einer schwierigen Situation ... durchhalten und Widerstand leisten.” Wer den Tiger hat, sagen die Bauern von Shanghai, der leistet Widerstand, auch wenn er die Glut in der bloßen Hand aufheben muss.
Hier nun hat ein Soldat den Tiger; ein Soldat, dem auf dem langen Marsch zum "Grünen Meer" die Kugel eines feindlichen Soldaten eine grässliche Wunde reißt. Dem Tod nahe, besteht er darauf, dass seine Genossen ihn zurücklassen – allein mit einer Decke, einer Pistole und mit etwas Reis. Und als, nachdem sein Ende schon unausweichlich zu sein scheint, dieser Soldat vor einem Unwetter Schutz in einer Höhle sucht, begegnet er dem Tiger.
Von Dario Fo
Aus dem Italienischen von Renate Chotjewitz-Häfner
Mit: Wolfgang Reichmann
Regie: Otto Düben
SDR 1982
Dario Fo: Leben und Vermächtnis
Der italienische Autor, Regisseur und Schauspieler Dario Fo, geboren am 24. März 1926 in Sangiano, prägte mit seiner Kunst über Jahrzehnte die politisch-satirische Bühne. Gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin Franca Rame, mit der er seit 1954 verheiratet und künstlerisch verbunden war, entwickelte er eine neue Form des Theaters, das in der Tradition der Commedia dell'arte stand und stets gesellschaftskritisch und provokant war.
Ihre Stücke, oft aufgeführt am Mailänder Piccolo Teatro, sorgten regelmäßig für Skandale und brachten dem Paar nicht nur Kritik, sondern auch politische Repressionen ein. Fo wurde zeitweise zur Persona non grata, mit über 40 Gerichtsverfahren konfrontiert und war 16 Jahre lang vom italienischen Staatsfernsehen RAI ausgeschlossen.
1997 wurde Fo der Literaturnobelpreis verliehen – eine Entscheidung, die in literarischen Kreisen für Kontroversen sorgte, da Fo als Theatermann und nicht als „reiner Literat“ galt. Fo selbst kommentierte dies mit beißender Ironie.
Zeitlebens blieb er ein unermüdlicher politischer Kommentator, der die Medienpolitik Silvio Berlusconis scharf kritisierte und sich später in der Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo engagierte.
Dario Fo starb am 13. Oktober 2016 in Mailand. Sein umfangreiches Werk, darunter nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Bühnenbilder, hinterlässt das Porträt eines unkonventionellen Künstlers, der sich stets als „Clown“ verstand, der seine Einfälle „aus dem Morast“ der Gesellschaft zog.